Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Freitag, 16. August 2019

"Border" und die Larve vom Baum der Erkenntnis...

Nun gibt es den Film "Border" von Ali Abbasi nicht nur im Kino, sondern auch in den Mediatheken



Nach der Flut hymnischer Kritiken ist Anschauen für die Meisten der Cineasten ein Must Do. Auch die Anderen werden irgendwann auf den Trailer stoßen und sich anschließen, bevor sie aus Neugier geplatzt sind. Und einige Wenige nur, werden die filmische Umsetzung und Ausmalung einer Short-Story von John A. Lindqvist nach wenigen Minuten ausknipsen.

Das Menschen-Auge, sofern unflexibel und in Sachen Andersartigkeit nicht trainiert, kann Anstoß an einem ästhetischen Mangel der beiden Protagonisten nehmen, die selbst in dem Glauben "hässliche Menschen mit Chromosom-Fehler" zu sein,  aufgezogen wurden. Gerade dies allerdings ist ein großer Vorzug des Films, denn "schön" erscheinen diese Wesen (Trolle) nur, wenn sie sich in ihrer Welt (dem See, dem Wald, dem Wind) bewegen, balgen und - ja - frei und glücklich sein dürfen. Ansonsten erblickt der Zuschauer (aus seiner gewohnten Perspektive) das, was gemeinhin "verwahrlost aussehender Mitmensch" genannt wird. Ein "Fantasy-Drama", das sehr realistisch daher kommt und gerade deshalb extrem glaubwürdig nach Schuld, Sühne sowie Moral unserer Geschichte als Mensch fragen darf.

Fragen, die sich im Lauf des Plots sehr eindringlich auch "Tina" stellen wird, in ihrer wachsenden Selbst-Erkenntnis als Wesen einer nicht-menschlichen Spezies. Zu ihrem "Erwachen" - aus lügenhaft gesponnenen Identitäten heraus - braucht es den Anderen, den Polaren, der ihr dennoch gleicht und der sie berührt.

Die eigentliche Verführung beginnt mit Larven. Frisch gesammelt vom Baum, streckt seine klobige Hand das sich krümmende Tierlein in den Mund der Frau. "Du weißt, dass Du es willst", sagt der undeutlich artikulierende Mann mit den bräunlich verfärbten Zähnen und schwups, verschwindet die Leckerei im Gaumen der Auserwählten.

Ein Mann und eine Frau naschen vom Baum der Erkenntnis. In diesem Fall stehen der Baum und das Paar bereits außerhalb eines Paradieses.
Und die Erkenntnis besteht im Erkennen des Anderen als des Spiegels des Eigenen.
Die Larven sind als Bonbon für diese Zwei geschaffen worden!
Mit dieser erkannten Wahrheit ist der "Apfel" auch schon vom Baum gefallen und das Erkennen von Gut und von Böse in der Welt...

Ein Film, der sich stringent einer Zuschreibung zu bestimmten Genres, sowohl inhaltlich als auch ästhetisch, völlig verweigert. Selbst die Moral-Keule wird rasch wieder eingepackt bzw. ausgetauscht.
Allein schon wegen seiner Originalität ist "Border" sehenswert. Gestört hat uns allenfalls die anfängliche Verwunderung, dass unsere Erwartungen, getriggert durch die Vielzahl gelesener Rezensionen, allesamt durchkreuzt wurden.

Also: möglichst unvoreingenommen zurücklehnen und wirken lassen!



Mehr zum Film im guten, alten WIKIPEDIA--->

Sonntag, 28. Juli 2019

Der Garten als Metapher, als Utopie und Dystopie:

"Garten der irdischen Freuden" im Martin-Gropius-Bau!


Pipilotti Rist, Homo sapiens sapiens, 2005. Audio-Video-Installation (Videostill)

© Pipilotti Rist, Courtesy: Pipilotti Rist, Hauser & Wirth und Luhring Augustine

Eine wirklich ungewöhnliche, inspirierende und manchmal verstörende Ausstellung zu unserem neuen Lieblingsthema "GARTEN". 

"In der Ausstellung "Garten der irdischen Freuden" interpretieren über 20 internationale Künstler*innen das Motiv des Gartens als eine Metapher für den Zustand der Welt, um die komplexen Zusammenhänge unserer chaotischen und zunehmend prekären Gegenwart zu erforschen." (Martin Gropius Bau)

Wir steuern einen der ältesten und bekanntesten Texte in puncto "Garten" hinzu:

Der Garten Eden

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte.

5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;

6 aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.

7 Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.


8 Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.

9 Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.


10 Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme.

11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;

12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.

13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.

14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.


15 Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

16 Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten,

17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.


18 Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.

19 Und Gott der Herr machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.

20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.


21 Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.

22 Und Gott der Herr baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.

23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.

24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.

25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. (
Das erste Buch Mose (Genesis) (1.Mose 2,4-3,24))



Manchmal macht die Bibel einfach Freude wie ein Dejavu, wie etwas Altbekanntes, das verloren schien, wie ein Hauch von Nostalgie oder einfach wie ein Urgrund, aus dem bis Heute die Metaphern wachsen...

Dienstag, 23. Juli 2019

Der wunderbare Buchanfang: XV. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, lebendig wie ein Leben und doch poetisch wie ein Gedicht:

Leonard Cohen, Das Lieblingsspiel

I

Breavman kennt ein Mädchen namens Shell, das sich Ohrlöcher stechen ließ, weil es lange, filigrane Ohrringe tragen wollte. Die Einstiche entzündeten sich, eiterten und hinterließen winzige Narben, die er entdeckte, als er ihr einmal das Haar nach hinten strich.
Eine Kugel zerfetzte seinem Vater den Arm, als er sich im Schützengraben aufrichtete. Ein Mann, der an Herz-Kranz-Thrombose leidet, findet Trost in einer alten Kriegsverletzung.


Bon Boncuk, der Kater, präsentiert "DAS LIEBLINGSSPIEL"


"Das Lieblingsspiel" ist der erste Roman (von Zweien) von Leonard Cohen, der sich zu dem Zeitpunkt der Erscheinung des Buchs (1963) noch ganz und gar als Schriftsteller identifizierte. Vom Musiker Leonard Cohen war damals weit und breit nichts zu sehen und nichts zu hören. Auch er selbst kannte ihn damals als Endzwanziger noch nicht!

Das Buch beginnt mit der Schilderung von Wunden und Narben und Versehrtheiten, auch von Falten, die der Gang des Wegs namens Leben so mit sich bringen kann, einmal selbst zugefügt und manchmal einfach so eingefangen, wie ein Schicksal oder einen Zufall.

Das Buch endet mit der Erinnerung des Protagonisten "Breavman" an das Lieblingsspiel der Freunde aus Kindheitstagen. Im Winter, wenn es stark geschneit hatte, hielten sie sich an den Händen, wirbelten herum wie ein Kreisel und ließen dann plötzlich los. Jeder fiel ins Weiß hinein, in einer ulkigen Stellung abgespreizter Glieder und stand rasch erneut auf den Füßen, um sich an den Abdrücken im Schnee zu erfreuen. 

Das Leben hinterlässt Spuren. Man nehme sie mit Leichtigkeit!

Ein Buch, prall gefüllt mit Geschichten, sprachlich von einer Frische, einem Spieltrieb und einem sprühenden Witz, der sich immer wieder an der dichterischen Metaphorik bricht.

Wer dies Buch noch nicht kennt: Unbedingt Lesen!






Mehr zum Buch HIER___>


Dienstag, 4. Juni 2019

Die Suche nach dem allerersten Kinderbuch...

...führt über Neukölln-Rixdorf hinein ins verloren geglaubte Paradies!



Orbis pictus, Comenius, @CC


Die besten Streiche spielt uns noch immer das Schicksal. Und das folgt häufig geheimen Fäden. Erneut  (und nach Jahrzehnten eines Versuchs, das Erwachsenen-Leben zu bestehen) mit der Nase auf "Max und Moritz" gestoßen worden und darum niesend auch den "Struwwelpeter" aus der verstaubten Schublade ziehend, stand in großen LETTERN eine bis dato nicht interessierende Frage hinter unserer (der Paganini´s-Redaktion) Stirn:
Was, wenn gar nicht "Max und Moritz" und der "Struwwelpeter" die erste Generation der Comics für Kinder gewesen sind? Wer hat es dann verfasst und wie ist es gewesen, das allererste, populäre und illustrierte Kinderbuch der Welt?
Doch Fragen, die ungefragt hinter Stirnen  aufblinken, ziehen im Geiste wie Wolken weiter und hinterlassen nichts. Dieses Nichts zeigt sich als Leere, die bis dato so nicht offenbar gewesen ist.
Mit anderen Worten: wir hatten keine Lust zur Recherche, doch das Schicksal ließ uns nicht in Ruhe ignorieren.

Sonderbar sind der Nornen Winkelzüge. Sengende Sonne Anfang Juni in Neukölln. Müde der Rixdorfer Pflastersteine unter brennenden Füßen machen wir Rast, lehnen uns leger an einen hölzernen Zaun, den wir seit Jahren als unbezwingbar kennen. Und auf einmal springt auf das Tor, das stets verschlossen schien und hinter dem der "Comenius-Garten" auf einem Täfelchen angekündigt liegt. Uns genügte bisher ein Blick ins unspektakulär scheinende Grün hinein. Ein Garten ist kein Park und daher nicht öffentlich, so unser Vorurteil. Was wäre uns da fast entgangen!

Nicht nur die Findung des allerersten, illustrierten Kinderbuchs, nein, auch die Bäume und Sträucher und Gräser der Erkenntnis, die mitten in das verloren geglaubte Paradies hinein winken. Eine Wonne, eine Natur, eine einzige Harmonie, mitten im Brennpunkt-Bezirk Neukölln. Our Heart is open now for this strange Area.


Comenius-Garten, Natur-Paradies mitten in Neukölln, @Paganinis

Wiese! Wie lange ist es her, dass unsere Augen sich tatsächlich an einer Wiese sattsehen konnten. Nicht an einem Rasen und nicht an Gras und nicht an einem Monokultur-Feld und nicht an einer Grün-Anlage. Sondern an einer Wiese, deren Vielzahl an Halmen, Blumen und Kräutern im Wind rascheln, dazu die Bienen und Käfer ihr Summen und Surren zum Besten geben. Natur pur und doch nach strengen Regeln geplant und gepflegt.

Und hier, an dieser Stelle, werden wir neugierig und finden so das allererste, illustrierte Kinderbuch der Welt! Denn auf die nahe liegende Frage, was ein Naturschutz-Gebiet mitten im Großstadt-Berlin verloren hat, gibt nur ein asketisches Hinweis-Schild am Gartenzaun eine vage Antwort, die nun doch nach weiterer Recherche schreit. Das Schicksal macht nicht geneigt, das Schicksal zwingt. Es führt uns zu Comenius. Denn in seinem Geiste ist dieses Idyll geboren worden. Und in seinem Sinn sitzen hier nun eine bunte Kinderschar um einen langbärtigen Philosophen herum unter den Kirschen und reden über Sonne, Mond und Sterne, deren Spiegelbild im Teich erscheint. Was für eine Pracht aus Nostalgie!

Lange her ist es, dass Johann Amos Comenius seine neuzeitlich anmutende Pädagogik erfand, die vom Kind her gedacht, auf Zwang verzichtete, um das Humane im Menschen durch freudvolle Wissensvermittlung zu wecken. Als Tüpfelchen auf dem "i" seiner Reform, schrieb er das 1. Kinderbuch der Welt, das sich mit dem Gesamt eben dieser Welt in Muttersprache und Latein auseinandersetzt und mit gedruckten Holzschnitten illustriert ist. Lateinfibel, Lehrbuch für deutsche Sprache und Enzyklopädie. Doch staunen Sie selbst!(Link zum Buch unten!)

Wir wollen uns jetzt die Sonne auf den Pelz brennen lassen und im Comenius-Garten die Füße hochlegen. Kindheit ist immer. Auch Heute. Für uns.




HIER GIBT ES DAS ERSTE ILLUSTRIERTE KINDERBUCH DER WELT ZU BESTAUNEN
HIER ETWAS ÜBER DEN GARTEN UND SEINE PHILOSOPHIE

Montag, 6. Mai 2019

Der wunderbare Buchanfang: XXV. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, das für die Meisten von uns ganz am Anfang der Kette aller Bücher stand, die wir bisher gelesen haben: 

"Max und Moritz" von Wilhelm Busch

Max und Moritz machten beide, Als sie lebten, keinem Freude:
Bildlich siehst du jetzt die Possen,
Die in Wirklichkeit verdrossen,
Mit behaglichem Gekicher,
Weil du selbst vor ihnen sicher.
Aber das bedenke stets:
Wie man”s treibt, mein Kind, so geht”s.


Originalzeichnung von Wilhelm Busch

Wir hatten ganz vergessen, welch hämische Freude in den Reimen dieses "Kinderbuchs" versteckt ist.
Grausamkeit an Grausamkeit reiht sich da von Streich zu Streich und dennoch vergeht einem nicht das Grinsen in den kindlich aufgeblasenen Backen. 

Haben wir - damals - als Kinder etwas daraus gelernt? Nein!
Haben wir uns - damals - als Kinder davor gefürchtet? Nicht die Spur!

Oder haben wir nur den tiefgehenden Eindruck, kleine Zeugen eines letztlich furchtbaren Geschehens zu sein, verdrängt? 
Zumindest nicht, dass wir es heute noch wüssten. 

Aber aufgewachsen mit Grimm, Hauff und Andersen, Hexen, die Kinder backen wollen und selbst im Backofen ihr (böses) Ende finden, schien die Unterteilung der Bücherwelt in Gut und Böse ein Fatum zu sein. Ein Fatum der Welt der Fantasie, wohlgemerkt.
Gefürchtet haben wir uns in der Erinnerung einmal bei "Struwwelpeter" und bei den "roten Schuhen".
Und ganz sicher, ein wenig, vor der verwirrenden, da un-(be)-greifbaren Realität!




Wer nun wieder einmal Lust auf "Max und Moritz" hat, voila --->

Und hier das weise Wikipedia zu diesem Buch und seiner Rezeption ---->

Erst ab 14 Jahren darf man ab 22.05. zu "Max und Moritz" ins Berliner Ensemble.
Wir sind sehr gespannt, was der verspielte Regisseur Antu Romero Nunes daraus macht--->

Mittwoch, 17. April 2019

Theater, Theater und 1 Film...





Volksbühne Berlin


Und es ist angerichtet, vorerst, in der Volksbühne Berlin. Klaus Dörr, der als Provisorium gerufen wurde und nun die Intendanten-Rolle bis 2021 (?!) immer selbstbewusster nutzt, um aufzuräumen (mit den Schulden z. B.), aufzubauen ( 1 Ensemble, inzwischen bestehend aus 17 weitgehend unverbrauchten Gesichtern z. B.) und auszurufen, wohin als Nächstes die Reise des Koloss Volksbühne gehen soll: "Geschichtsmaschine" heißt der Fahrplan.

 An der Seite des Kapitäns Dörr stehen nun die Geschäftsführende Direktorin Nicole Lohrisch, die Haus-Regisseurin Lucia Bihler und als 1. Offizier und Schauspieldirektor der Träger eines klingenden Namens, nämlich Thorleifur Örn Arnasson. Letzterer begeisterte zuletzt in Hannover mit seiner Version der EDDA und erhielt in 2018 den Theaterpreis DER FAUST.
Gedeckt wird der Tisch für die Gäste der kommenden Spielzeit unter Anderem mit Arnassons Nacherzählung der Odysee, Inszenierungen von Voges, Pucher, Bauer, Kennedy u.a. sowie Lucia Bihlers Feminismus-Spezial über weibliche Lust und Iphigenie im Callcenter.

Frischer Wind also, der da die Segel bläht, Dörr hat handfeste Arbeit geleistet (ein Theater ist wieder einsatzfähig) und den Mut bewiesen, ohne viel Brimborium und ohne weiche Knie, ziemlich rasch zudem, etwas zusammenzustellen, das (insgesamt durchdacht und stimmig) für Neugier sorgen kann. Ach ja, und echte Dramaturgen gibt es auch wieder an Bord. Dass bereits ein bisserl Gegenwind pfeift und hie und da kritisch gefleddert wird, ach, was sind das für Peanuts gegen das, was die Volksbühne hinter sich hat. Ahoi und wohl bekomms!

3 x Schaubühne


Ach ja, Theater, Theater! Die Abende sind noch nicht lau genug gewesen, das Angebot zu vielfältig, in FIND tummeln sich genügend Interessierte und für den Mai benötigt es noch Energien, da geben sich Autorentheatertage und das Theatertreffen die Klinke in die Hand. Thomas Ostermeier bekam für 2 seiner aktuellen Inszenierungen wenig Begeisterung, zu glatt sei das eine, zu schmerzfrei das andere ("abgrund" und "Ein Volksfeind") und Michael Thalheimers aktuelle Vorliebe für Shakespeare trifft wahrlich auf keine Gegenliebe in der Kritiker-Zunft.

Ach, das tun wir uns nicht an, das sitzen wir aus, so dachte die Paganini´s-Redaktion. So ist das eben mit den Ausreden, die sind selten sonderlich schlüssig, dafür aber dienlich. Und Letzteres manchmal sehr. Nach der Ausrede für ein Versäumnis, folgt nämlich oft schon die Suche nach einer (bequemeren) Alternative. Schaubühne sollte es irgendwie sein. Aber ohne Anfahrt und Kokolores. Dafür mit der Nina Hoss. Und mit dem Mark Waschke. Und natürlich auch mit Ungetüm Lars Eidinger. Direkt zu uns auf das Kanapee. Oder so. Und wir wurden fündig. Und noch mehr.

Ein tatsächlich hiermit wärmstens ans Herz gelegtes Kino-Kleinod kam per Video-Stream zu uns: "Fenster zum Sommer". Zwar fehlt Ursina Lardi, um die Schaubühnen-Stars zu komplettieren, dafür gibt es als Bonus eine Fritzi Haberlandt, die mehrere Tode stirbt. Und eine Nina Hoss, die ihr spannendes Gesicht zum glühen bringt, wie selten. Z. B. bei der 1. Begegnung mit ihrem Schicksals-Menschen (Waschke, oh, welch schönes Paar!) in der Wiederholungsschlaufe. Oder bei der Konfrontation mit dem Unerklärlichen namens DETERMINATION. Und bei ihrem Kampf um Selbstbestimmung und das Leben ihrer Freundin. Ein verzaubernder Genre-Mix (Zeitreise, Melodram, Scifi) ist da zu bewundern, der lange nachweht, in der Seele und Freude (im besten Sinne) hinterlässt. --->

Lanthimos und das Kosslick-Motto


Ein roter Schal allein, macht noch keinen Kosslick. Wir sind bekennende Gewohnheitstiere. Seit 18 Jahren wärmte der Schal den Hals des Direktors des Berlinale-Zirkus, nun hängt statt dessen das Verdienstkreuz 1. Klasse auf seiner Brust und der Dieter Kosslick ist dennoch weg! Nie mehr ein Motto, auf das sich die hungrige Meute der Presse-Menschen stürzen könnte. Nie mehr eine Agnes Varda zu Besuch in unserer Stadt. Nie mehr die Berlinale, wie sie (für uns subjektiv gefühlt "seit immer"!) gewesen ist. Winkewinke und Good Bye, vorbei ist vorbei. Ach Herrjeh, Vanitas! Alles ist eitel und vielleicht ist das auch gut so.

Die neue Doppelspitze bekräftigt, dass das Kino-Festival auch weiterhin Publikums-Festival bleiben soll. Aber zunächst einmal örtlich dezentralisiert (über die gesamte City verteilt) oder so, wir wollten das gar nicht wissen, huhuhu, und wissen es auch nicht, wie soll das denn gehen, da wird doch alles anders, ohgottogott, huhuhu..! --->

Genug gejammert. Halten wir uns einfach fest. Fest am Bleibenden. Wir wissen nun alle was ein "Systemsprenger" ist, Kosslick sei gedankt und wir haben begriffen, dass "das Private politisch" ist. Und auf unserer detektivischen Suche nach der Bestätigung des allerletzten Berlinale-Mottos aller Zeiten (huhuhu) und auf der weiteren Suche nach der intensivst-möglichen Umsetzung desselbigen, landeten wir bei "Dogtooth" und seinem Macher Giorgos Lanthimos. Und das wiederum ist sehr lohnend gewesen. Wenngleich nicht unbedingt schön. Und mit Sicherheit ganz und gar nicht herzerfreuend. Aber dennoch.

Lanthimos, dessen Film "The Favorite" bei den diesjährigen Oscars hoch gehandelt wurde (weniger reich bedacht, am Ende) hat mit "Dogtooth" das Wunder vollbracht, einen der unsympathischsten, kältesten und sezierendsten Filme der Filmgeschichte zu erschaffen. Perfekt inszeniert, wird hier eine faschistuid funktionierende, das Böse hervorbringende Eltern-Welt vorgeführt, die noch Lars von Trier das Fürchten lehren könnte.
Unbedingt sehenswert!


Montag, 25. März 2019

Der wunderbare Buchanfang: XXIV. Teil


"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, wie es melancholischer und skeptischer kaum denkbar ist:

Roger Willemsen, Der Knacks

 Alle wurzeln im Märchen: Ich war einmal. Eine Reihe von Wegmarken später, und alles steht fest und muss nicht mehr erzählt werden: "und wenn sie nicht gestorben sind..." Wie jemand wurde, das erklärt er anhand von Ernstfällen - als sei ein Individuum erklärbar aus der Summe seiner Narben. Doch dann ist da noch eine andere Biographie: "Irgendetwas " hat sich gewandelt, sagt man, "irgendwann" war es da, "irgendwie" von innen heraus, gelöst vom isolierten Anlass, nicht logisch und auch nicht im Gegenteil psychologisch. Man blickt zurück und weiß nicht recht, was es war und wann es geschah und woraus genau es bestand und wohin es führte, aber man sagt: Nie mehr fühlte ich wie damals...


Petit Pati präsentiert den "Knacks"


Das ist der Knacks. Er lässt sich nicht einfach greifen und bearbeiten und dann ist er wieder weg. Der Knacks schleicht sich ein und er nistet sich ein und er breitet sich aus, in der Psyche, in der Betrachtung, im Denken, ja, der Knacks prägt von diesem einen Moment an, in dem er - unmerklich fast - geschieht, das weitere Leben eines jeden Einzelnen. Der Knacks ist individuell und doch universal, in jedem Leben zu finden und doch nicht kollektives Geschick. 

Der Knacks ist nicht mal eben so einzufangen, da braucht es schon 290 Seiten, die zunehmend den Ernst der Lage verbreiten, um von meisterlichem Geiste be- und umschrieben zu werden. Roger Willemsen gewährt in diesem Buch einen Blick in seine melancholische, wenn nicht gar tieftraurige Seelen-Seite, macht aber nie vergessen, dass er auch schreibend ein brillanter Conferencier ist. So reiht sich im Knacks Bonmot an Apercu, dass es eine reine Freude ist, obwohl doch voll der herzzerreißenden Tristesse. 
Vorsicht dennoch: der Knacks  ist hoch ansteckend!

  

Sonntag, 3. März 2019

das wunderbare erbauungsstück:

der tempelherr von Ferdinand Schmalz

(Die Chefredakteurin berichtet von der Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin)


PlakatDT@Paganini´s

Was sind das für Theaterstücke, was für Inszenierungen, die mich nicht sofort wissen lassen, was ich von Ihnen halte?
Da gibt es doch sonst diese Sachen (und ich nenne das jetzt einfach mal so, bezogen auf Theater-Erfahrungen), die mich mit sich reißen, ob ich will oder nicht und diese Sachen, die mir nichts zu sagen haben, aber dennoch faszinieren und diese Sachen, die mich abstoßen und dennoch auch anziehen und dann, natürlich, diese Geschichten, die mich langweilen und/oder die ich einfach schlecht gemacht finde. Da weiß ich doch, am Ende des Abends, was ich fühle, nachdem ich das gesehen habe, das weiß ich doch meist schon, wenn ich in meinem Theatersitz versinke und mich auf die Bühne konzentriere. Das weiß ich in der Regel (subjektiv für mich selbst) sofort, dieses: Daumen hoch, Daumen runter.
Dieses "Gefällt" oder "Gefällt halt mal nicht".

Hier und Heute weiß ich erst einmal gar nichts. Und später auch nicht.

Nach ungefähr 15 Minuten sehe ich mich an den Gedanken ausgeliefert (das kann passieren, auch im tollsten Stück Theater), dass ich fürchte, unlustig zu werden und mich für den Rest der Aufführung zu mopsen. Dann kommt just in diesem Moment Spannung im Theater-Geschehen dazu.
Der Ferdinand Schmalz hat an diesem Abend einige Spannungs-Steigerungen eingebaut - sprachlich und inhaltlich - und ich langweile mich nicht mehr. Es genügt nur nicht.
Oder besser: Der Abend überzeugt mich nicht.

Mir fehlt absolut jede Einsicht, worin ich dem Ensemble oder der Regie von Philipp Arnold einen Vorwurf machen könnte. Ich denke nur leider während der Vorstellung immer mal wieder, dass ich diesen Text vom Ferdinand Schmalz viel lieber als ein Stück Prosa in einem dünnen, bibliophilen Bändchen lesen würde als zuzusehen, wie dieser Text letztlich krampfhaft versucht, für das Theater gemacht zu sein.

Um es noch profaner auszudrücken: Mir fehlt Heinar, der titelgebende Tempelherr, dieser Außerirdische, dieser Außenseiter oder auch Ausnahmemensch (vielleicht schlicht: dieser Künstler), von dem der ganze Abend durch einen Chorus aus Ehefrau, Schwiegervater, Freunden und Schaulustigen erzählen lässt, der allerdings selbst nicht für Berührung sorgen darf.
Weil Gottvater und Erfinder von Heinar - also der Autor - das so beschlossen hat.

Dieser, natürlich gewollte und reflektierte Kunstkniff, führt wohl zu einem intelligenten Blick auf die Herrschaft der Öffentlichkeit und die Diktatur gesellschaftlicher Erwartungen (im Sinne der Konformität), aber es schmälert gewaltig die dramaturgische Spannung des Ganzen.

Man stelle sich eine antike Tragödie vor, in der außer dem Chor tatsächlich kein Tragöde auftritt.

Diese Leerstelle muss ziemlich fragwürdig und gewollt das "Kind" des "Helden", ein Zwitterwesen aus Mensch und Insekt, füllen. Einerseits verwandt mit Ikarus und Co, ähnelt es gleichsam Gregor Samsa. Allerdings ist auch von Diesem nur in der indirekten Rede zu hören.
Was das für eine Kreatur ist und warum sie ist, wie sie ist, steht nicht zur Debatte.

Und warum kann ich nun keine Kritik schreiben, in der ganz naiv steht, dass mir der Abend nicht gefallen hat?

1.) Weil der Text grandios ist, in seiner Intelligenz, seiner Tiefe, in seiner Vielschichtigkeit und seinem Witz.
Wie bereits gesagt, das wäre als Prosa der 2. Bachmann-Preis für Ferdinand Schmalz.

2.)Weil das Ensemble und der Regisseur das Bestmögliche ermöglichen.
Dass der Heinar fehlt, ist ja nicht deren Schuld!

Und vielleicht fehlt er ja auch nur mir, der Heinar, und sonst Niemandem.
Man wird sehen!
Am Ende des Abends jedenfalls einhellig Jubel von Seiten des Publikums!
(Und ein unsagbar sympathischer F. Schmalz, mit sehr großen Verbeugungen)





Wir waren HIER--->


WIKIPEDIA zum Begriff Erbauungsliteratur. (F. Schmalz spielt mit diesem Begriff und nimmt ihn wörtlich):
Der Begriff Erbauungsliteratur, der erstmals um das 14. Jahrhundert erwähnt wird, beschreibt ursprünglich volksnahe Schriften mit religiöser Motivation. Bei der Erbauungsliteratur handelt es sich nicht um theologische Literatur, da sie keine wissenschaftlichen Diskurse verfolgt und keine dogmatischen Absichten besitzt. Vielmehr war mit den Veränderungen der Neuzeit eine Konzentration auf die Innerlichkeit zu verzeichnen, die sich durch gesteigerte Frömmigkeit hervortat. Es handelte sich um eine Anleitung für ein tugendhaftes Leben, die emotional den Geist erbauen sollte.

Donnerstag, 7. Februar 2019

Alljährlich grüßt der Herr der Bären...

...und gibt sein Motto aus: "Das Private ist politisch!"



Film liegt in der Berliner Luft. Kino. Und das Politische. Beides vereint im grauen Himmel über Berlin. Viele Fragen und Erwartungen rieseln hinunter. Das Kritische sowieso. Es ist die Zeit gekommen, die Zeit der Berlinale. Denn Zeit kommt. Und Zeit (ver)geht. Und dazwischen ist ein Film. In diesem Fall sogar 400 an der Zahl. Darüber schwebt ein Slogan: "Das Private ist politisch"!
 
Gefunden hat ihn Dieter Kosslick, der seit 18 Jahren - alljährlich mit der Vorstellung des Berlinale-Programms - einen (passend zu seinem legendären Schal) roten Faden benennt, der sich thematisch durch die Vielzahl der ausgesuchten Filme zieht. Ein Halt in Zeiten der Unübersichtlichkeit, ein Rahmen für alle Sektionen, Ästhetiken und Stile.

In der aktuellen Jury-Pressekonferenz stürzen sich die Journalisten dankbar auf dieses Stöckchen und löchern zunächst die Jury-Mitglieder und bald darauf auch RegisseurInnen und SchauspielerInnen mit der Frage nach dem Bezug vom Film zum Politischen und umgekehrt. Die Findung des "Berlinale-Mottos" ist unbestreitbar eine der großen (vielen!) Findungen des Berlinale-Chefs.

Juliette Binoche, die diesjährige Jury-Präsidentin, bleibt in der Antwort verhalten und beschwört weniger die aktuelle Weltlage, als das Allgemeine: "Es muss menschlich sein. Und wenn es menschlich ist, dann ist es auch politisch". 

So ist es natürlich eine bewusste Setzung, dass der Eröffnungsfilm des Wettbewerbs von Lone Scherfig einer Botschaft mit therapeutischer Wirkung gleicht. Eine Frau auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann, mitten in der klirrenden Kälte der Großstadt New York, 2 Kinder an den Händen und mittellos, trifft in der Fremde auf Mitgefühl und menschliche Anteilnahme.
So könnte es gehen in der Welt und mit der Welt! Und so kann es gehen im Kino, wenn politische Themen auf intime Weise angesprochen werden!

Denn Kino ist eine Sprache. Das sagt nicht nur Elfriede Jelinek, das sagt auch Juliette Binoche.
Und "Film ist eine transzendente Erfahrung". Das sagt Jury-Mitglied Trudie Styler. Und eine magische, kollektive Erfahrung obendrein. Ach, Kino ist so Vieles!
"Film ist Bewegung, ein Zeitvergehen, das auf genauester Planung beruht. Nur die brutalsten Maßnahmen können die Bilder zwingen, sich in eine bestimmte Aufeinanderfolge zu begeben und dort zu bleiben, in der Bewegung, aber man hat sich vorher genau ausgerechnet, wie das zu geschehen hat. Film suggeriert, daß alles, was ist, berechenbar sei. Aber jedes Leben, auch das eigene, vergeht, während man sich noch diesen oder jenen Film auf der Leinwand anschaut. Das eine Vergehen, das im Film, kann man berechnen, das des eigenen Lebens nicht..." (Elfriede Jelinek) 
"Kino ist auch nichts anderes als ein überhöhter Moment des Widerstands gegen die Vergänglichkeit. Das klingt einfach, ist aber tröstlich." (Juliette Binoche)
Womit wir wieder bei der Zeit wären, die ja ebenfalls stets eine politische ist. Eben eine jeweilig politische. Das Kino kann die Zeit einfangen. Das Theater muss sich mit der Zeit herum schlagen.
Und mit dem Politischen. "Theater und politische Bildung – geht das überhaupt zusammen?" fragt
sich Christian Rakow und mit ihm die Theater und ihr Publikum. Der Film und die Berlinale scheinen leichtfüßiger damit umzugehen.

Irgendwie um Zeit und um das Politische und um das Kino  geht es auch bei Rene Pollesch und seinem jüngsten Streich im Deutschen Theater Berlin. Da erinnert er mit "Black Maria" an das erste kommerzielle Filmstudio der Welt (mehr dazu in Kürze).  
"Beim Film lässt sich beobachten, dass die meisten, die über ihn nachdenken entweder an die Bewegung glauben und das Bild übergehen, oder am Bild festhalten und die Bewegung übergehen. Sie berücksichtigen dann nicht den Film, der zum Beispiel, wie etwa beim Kinematographen 50 Prozent dessen, was beim Schauen vor den Augen liegt, im Unsichtbaren belässt. Und darum müsste es vielleicht gehen..." (Tja, Rene Pollesch)
Hier also hat er das Laufen gelernt, der Film: "Die Filme aus dem Black-Maria-Studio zählen zu den ältesten Aufnahmen der Filmgeschichte. Die meist unter einer Minute langen Filme wurden zunächst in Kinetoskopen vermarktet, ab 1896 wurden die Filme auch auf Leinwand projiziert." (Wikipedia)

Herausgekommen ist ein Erzeugnis wie Dieses. Ein Zeugnis für die These, "dass der Film wohl Vergänglichkeit gleichermaßen verhindert als auch dokumentiert." (Boncuk, der Kater!)
 

  
Die Frauen-Quote hat es zu Zeiten der "Black Maria" eindeutig nicht gegeben.  Der Fortschritt seitdem ist unübersehbar. Da ist die Wettbewerbs-Jury, die von einer wunderbaren Frau angeführt wird. Und von den 17 Filmen des Wettbewerbs, entstanden 7 Filme unter weiblicher Regie. Immerhin. The Future is Female!
 
Und noch einmal die Vergänglichkeit der Zeit. Der Abschied von Dieter Kosslick rückt nahe. Ein Ständchen von Anke Engelke und Max Raabe lassen fast eine Träne sichten, in den Augen des Direktors. Die Kamera hat sie aufgefangen. Auf ewig archivierbar. Dazu Standing Ovations!
 
Alexander Scheer sitzt im Gala-Publikum und sieht aus wie David Bowie.
Wiederauferstehung geht eben auch. Manchmal. Wo auch immer.
 
 
 
 Alles rund um die Berlinale wie immer unter www.berlinale.de


Freitag, 18. Januar 2019

In Stanniolpapier...

…will ich gewickelt sein...


(Die Redakteurin hat sich nun endlich "In Stanniolpapier" im Deutschen Theater Berlin
angesehen. Und sie ist hingerissen.)





Ganz ehrlich? In dem Fall: Sei´s drum!
Gemeint ist der Ur-Text. Also der Grund des Theater-Skandals 2018. Entschuldigung Herr Deigner. Aber die Kunst muss tun, was die Kunst tun muss. Und die Kunst von Herrn Hartmann und auch die Kunst von Frau Pöppel musste GENAU so. Und die Kunst von den Herren Harder und Büttner musste ebenfalls so. Und das ganze "In Stanniolpapier" konnte gar nicht anders, als NUR so. Denn mehr Total-Theater ist nicht denkbar!

Das ist mein Resumee. Nach eineinhalb Stunden eines fordernden, intensiven, dichten Theaterabends.
Ein Theaterabend, vor dem ich mich gescheut -fast geängstigt- habe. Und ein Theaterabend, der sehr viel Aufsehen erregt hat, nachdem er unglückseligerweise im Rahmen der Autorentheatertage 2018 seine Premiere erlebte. Und der diesen eng gesteckten Rahmen sehr eigenwillig aufzusprengen wusste. Ein theatraler Grenzgang eben, ein überbordender Trip, der das umformen und rausschmeißen musste, was eigentlich den Anstoß zu seiner Geburt gegeben hatte: Den Text von Björn SC Deigner!

Dass dies so kommen könnte, ist allerdings vorhersehbar gewesen. Sebastian Hartmann äußert sich in einem auf Youtube zugänglichen Interview zu "Gespenster" bereits 2017 unmissverständlich zu seiner Herangehensweise an Textvorlagen.

In diesen wolle er, so sagt der Regisseur sinngemäß, eine eigene Geschichte finden, die ihn persönlich interessiere. Er fände diese in Sujets, Verdichtungen,  Momenten eines Textes. Mit diesen Bruchstücken könne er viel mehr anfangen, als sich "auf den Zeitstrahl der Narration" zu setzen, hinter dem sich dann auch das Publikum zu bequem verstecken könne.

Der Text als Steinbruch also. Bei dem das unterste zuoberst gekehrt wird. Sebastian Hartmann genügen kleine, sinngebende Sprachfetzen (neben einem etwas längeren Intro) als dehnbare Fassung für einen Psychotrip, einen "Zustand" wie Linda Pöppel es nennt, der das Thema vielgestaltig zu einem fast schon gewaltsamen Übergriff auf den Zuschauer werden lässt.

In einem Meer aus Farben und wummernden Bässen versinken, tanzen, kämpfen und ringen die 3 meist nackten Körper. Die durch Tränen und Schreie und Geilheit verzerrten Gesichter abgefilmt auf Großleinwand. Es gibt kein Entrinnen Hier. Nicht für die Schauspieler, die zu ihren Figuren werden. Nicht für die Zuschauer, denen diese Überwältigungs-Ästhetik die Distanzierung verweigert. Hier bleibt nur: Abwehr oder Hingabe. "Jetzt bitte Schluss", das denke ich 2 Mal in diesem Höllen-Ritt. Jedes Mal zieht mich ein überraschender Kniff dieser Ästhetik erneut in den Bann.

Nein, es gibt kein Entrinnen!

Für diese Quintessenz, diese Lesart des Theater-Textes hat sich Sebastian Hartmann gegen dessen ursprüngliche Intention entschieden. Er glaubt der Prostituierten bei Deigner, genannt Maria, nicht die behauptete Selbstbestimmung.
"In Deigners Text kehrt Maria nicht ihr Innerstes nach außen, sondern es verhält sich gewissermaßen umgekehrt: Sie betrachtet sich selbst, aus großer Distanz. Mit seiner Inszenierung sucht Sebastian Hartmann nach genau diesem Verdrängten: nach dem, was hinter einer Oberfläche bebt, was unter einer Schädeldecke verborgen ist." (DT-Berlin)
Und so setzt er ein, der psychedelische Reigen, bei dem immer auch die psychologischen Facetten zwischen Täter  und Opfer offenbar werden. Gerade hier nochmals ein dreifach Hoch den Schauspielern!

Am Anfang ist der Schmerz. Am Ende ist der Schmerz. Dazwischen ist der Schmerz.
Der Schmerz kommt in und durch Begleitung. Die Symbiose und die Abhängigkeit und die Verzweiflung ist immer im Gepäck. Die (un-)heilige Dreiheit aus Pöppel, Harder, Büttner gerät (und führt)  immer tiefer in den Kreisel.

Am ENDE - endlich - Applaus!


P.S. Sehr gespannt darf man sein, wenn mit der ersten, echten Uraufführung des Deigner-Stücks eine ganz andere Version des vielschichtigen Themas auf die Bühne kommt.

Mehr zu dieser Aufführung im DT-Berlin HIER--->