Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"
Flipcard zum Stöbern im Blog-->Hier

Da ich gerade ein neues Kurzgeschichten-Buch schreibe (nein, anders als "Sehnsucht"), kann das Blog zur Zeit leider kaum "bespielt" werden!

Montag, 24. Oktober 2022

Aus der wunderbaren Paganini´Redaktion ...

Ein neues Buch is in the World:


"LOST PARADISE"


Cover "Lost Paradise" mit
 P. Klees "Armer Engel" CCO



Unser neues Buch ist da.

Wieder einmal sind es 8 Geschichten. Ich mag die Zahl 8. Sie versinnbildlicht für mich einen Kreislauf. Sie ist schön rund. Sie hat etwas Weiches. Gleichzeitig steht sie für Stirb und Werde. Damit kommt sie von allen Zahlen symbolisch dem Leben besonders nahe. Zu den Geschichten will ich natürlich nicht viel sagen. Die ersten sieben sind eine Einheit, kürzlich geschrieben, jede für sich stehend und doch irgendwie thematisch verbunden. Außer bei "Sonne über Social Media", ließ ich mich für die Storys von Gemälden sowie dazugehörigen Texten der Künstler oder Bild-Titeln leiten:
Paul Klee, Edvard Munch, Vincent van Gogh, Jonas Burgert, dem Twitter Art Account "GracefulMadness", Marc Chagall u. a. 

Die letzte Geschichte "Das Haus", ist die Vorgänger-Version der gleichnamigen Story aus "Sehnsucht". Geschrieben vor vierzehn Jahren, fand ich, dass sie einen passenden Kontrapunkt zu den übrigen Geschichten bildet. Eine Art Schluss-Akkord.

Um was es geht? Natürlich um Sehnsucht, um das Ich & das Du, um Fantasie versus Wirklichkeit,
um Wirklichkeit versus Kunst, die Wahrheit & die Lüge & all sowas eben, weswegen wir schreiben, malen, musizieren & schmachten!
(Die Redaktionschefin d. Redaktion)


""Eine fehlt noch?" 

Das habe ich mich anschließend selbst gefragt und dann an den Traum gedacht, der mit bleiernen Schwingen meinen heutigen Tag zu einem besonderen macht, einem ungewollten, einem abzuschüttelnden, einem bohrenden, quälenden, ja, Herrgott, zum Teufel mit dieser Geschichte, die mir im neuen Kurzgeschichten-Buch tatsächlich noch fehlt und die ich - das zu denken weigere ich mich mit jeder Faser meines Seins - heute Nacht ärgerlicherweise geträumt zu haben scheine."

(aus der Story "Eine fehlt noch")

 

Was noch zu sagen ist? Unser Blog & unsere Bücher sind "Kinder der Liebe".
Da sie alle irgendwie zusammen gehören, haben wir in alter Paganini´s-Tradition wieder als Selbst-Verleger fungiert und BOD zur Umsetzung genutzt. Behandeln Sie uns bitte gewissermaßen als einen Indie-Verlag, den wir übrigens gerne gegründet hätten, wenn Zeit & Geld dafür vorhanden wären.
So schwer es anfangs war, auf die unglaubliche Anerkennung zu verzichten, die mit dem Schreiben für "echte" Feuilletons einhergeht, so beglückend sind die, mit dem Blog verbundenen, Freiräume einer kreativen Spielwiese!

Dennoch: Es tut ungemein gut, gelesen zu werden sowie Feedback zu bekommen. Was sich diesbezüglich in den letzten 2 Jahren auf Twitter ereignet hat, ist in tiefste Tiefen hinein berührend und wunderschön gewesen. Großen (u. ewigen) Dank dafür!

(An den Büchern verdienen wir übrigens insgesamt nichts, also keine Scheu, zum günstigen E-Book zu greifen. Für eigene Exemplare zahlen wir den selben Preis wie Sie, da uns bei der Preiskalkulation wichtig war, dass wirklich Alle InteressentInnen sich 1 Buch leisten können.)

Nun, bitte schön: viel Freude an "Lost Paradise"!

Leseprobe hier -->

Erste Rezension vom Redaktionschef Boncuk, dem Kater:

"Ganz großartig! Putin kommt vor, Corona kommt vor, die Apokalypse kommt vor. 
Und alles andere kommt auch vor."


Die Bezugsquellen:

Print im BOD-SHOP zu empfehlen, zur Zeit scheinbar Lieferung binnen 48 Stunden!
Ansonsten bereits in allen anderen Online-Book-Shops, z. B. amazon.debuecher.de etca.

E-BOOK bereits im BOD-Shop als ePUB und auf A. als KINDLE , sowie in allen Shops z.B. buecher.de!

Das listen in den Buchhandlungen vor Ort kann dauern.

Print ISBN-13: 9783756887217116 Seiten, DIN A5 - Format
E-BOOK ISBN-13: 9783756868384

Die wunderbarsten Feedbacks zu den bisherigen Büchern werden übrigens in Ehren gehalten -HIER 

Dienstag, 13. September 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

...der Paganini´s-Redaktion!



Edvard Munch, "Der Schrei" @Wikimedia Commons


Ich bin nicht gewillt zu lügen, wenn ich vor dem Bild stehe und dich ansehe. Ich stehe nicht vor diesem Bild, sehe dich an, sehe dich überhaupt zum ersten Mal an und fange hier nun an, über dich nachzudenken, als würde ich nicht denken, dich gekannt zu haben. Wir lieben uns, dachten wir, wir kennen uns nicht, denke ich nun. Du stehst vor diesem Bild, mit hängenden Schultern und roten Haaren und schaust wie ein Habicht darauf und schüttelst dich. Erst zerlachst du das Bild, dann setzt du es wieder zusammen und beginnst dich erneut zu schütteln, zu schütteln vor etwas anderem, das ich nur sehen kann, weil du stattdessen viel lieber weinen möchtest. Und tatsächlich, eine Träne rinnt aus einem deiner Augen, doch du tust es nicht, du sagst es nicht. Dann kannst du es nicht mehr fest halten. Dein Gesicht nicht und das andere nicht ... halte still, halte dich fest, umklammer` dein Gesicht und 
hör´ den Schrei ...

(Notizen zu 1 Kurzgeschichte, das Bild "Der Schrei" spielt darin 1 Rolle)





Heute auf Wikipedia gelernt, dass Munch seinen Gemälden gerne einen literarischen Entwurf voranstellte. Wie z. B. diesen hier zu "Der Schrei": 
„Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – Ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand, lehnte mich an den Zaun Todmüde – Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“.

Mittwoch, 7. September 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXVIIII. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, in dem die Sprache - gefundene, verbotene, verlorene und verschwiegene - als (Über-)Lebensnotwendigkeit im Mittelpunkt einer Identitäts-Suche steht. 

Herta Müller, "Der König verneigt sich und tötet"


In jeder Sprache sitzen andere Augen

In der Dorfsprache - so schien es mir als Kind - lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten. Die Dinge hießen genauso, wie sie waren, und sie waren genauso, wie sie hießen. Ein für immer geschlossenes Einverständnis. Es gab für die meisten Leute keine Lücken, durch die man zwischen Wort und Gegenstand hindurch schauen und ins Nichts starren mußte, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere.


Boncuk, der Kater, auf Schmusekurs mit Herta Müller


"Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt"(S. 14), schreibt Herta Müller und bringt damit vielleicht die Quintessenz dieses Buchs auf den Punkt. Nach dem Lesen will man meinen, die Aspekte der Sprache, der Wörter, des Redens, Schweigens und Schreibens seien so zahlreich, so diffizil und auch so individuell wie kollektiv zu betrachten, dass man sich fast wundert, dass Sprache hier und da tatsächlich relativ eindeutig verstanden werden kann.

Warum genau jenes Buch also lesen, das aus Essays besteht, die sich um das Thema der Sprach-Findung und der Sprach-Aneignung im Spannungsfeld von Diktatur, Dorfleben und Fremdheitsgefühlen drehen? Was haben wir Heutigen von dieser Lektüre, geschrieben von einer Nobelpreisträgerin, die im rumänischen Banat in einem deutschsprachigen Dorf aufwuchs, die Repressalien einer kommunistischen Diktatur überlebte, in die BRD ausreisen konnte und hier zu großen Ehren kam? Warum nicht gleich zu einem ihrer Romane greifen oder noch lieber zu ihren verspielten Collagen? 
Dass sie ein Sprachgenie ist und Wortneufindungen zu ihrem poetischen Ausdruck gehören, erlebt man tatsächlich hautnah in diesen explizit literarischen Werken. Wohl wahr. So sehr wir, die Paganini´s-Redaktion, all diese Bücher von Herta Müller bewundern, so sind wir doch insbesondere von dem Essay-Band "Der König verneigt sich und tötet" beeindruckt, gefesselt sowie beseelt worden.
"Jeder, wirklich JEDER, der selber schreibt oder sich mit Sprach-Ausdruck reflektierend beschäftigt, MUSS dieses Buch gelesen haben." (Zitat von Redaktions-Chef Boncuk, dem Kater, in der Redaktions-Konferenz zum Thema)

Die hier gesammelten Vorträge oder Essays sind über 20 Jahre alt. Selbst wenn man die ungemein selbstkritische Auseinandersetzung mit den Wörtern, ihren Grenzen sowie ihren Möglichkeiten als zeitlos benennen könnte, so legen wir diese Sammlung hiermit ans Herz, weil die darin erörterten Fragestellungen derart aktuell in heutige Diskurse verweisen, dass es uns wirklich die Sprache verschlug. 

Bekannterweise leben wir in Zeiten, in denen einzelne Worte und das Sprechen über die/den Anderen sehr genau unter die Lupe genommen werden. Wir leben auch in Zeiten, in denen das politisch-gesellschaftliche System namens "Demokratie"  mal kriegerisch von Außen oder von Innen heraus angegriffen wird. Demokratie steht auf einmal zur Disposition, in ihrer Integrität mal bezweifelt, in ihrer Einflussnahme auf den Einzelnen kritisch beäugt. In der Literatur wiederum wird nach dem "Top-Aktuellem", dem "Relevanten" gerufen. Autofiktionales Schreiben ist en vogue, stellt die Autor*innen allerdings vor die Problematik, Faktizität und Fiktion in eine Einheit zu bringen, bei der die Autor*innen sowohl im Buch verschwinden,  als auch außerhalb dessen bleiben. 

Inspiration für gelungene, nicht einfache Antworten auf diese (und andere) Fragen rund um Sprache, Sprechen und Schreiben finden sich in "Der König verneigt sich und tötet", in dem eine Frau, versehrt durch - fast nur metaphorisch wiederzugebende - Grausamkeiten einer kommunistischen Diktatur, in das Land ihrer Muttersprache (Deutschland) flieht und sich hier in einer "Fremde" wiederfindet. Insofern sind die Essays autobiografischer Natur. Die Fremdheit erlebt Herta Müller vorrangig da, wo ihre Erfahrungen zum "fremden Blick" geworden sind, der kaum vermittelbar scheint. Die Leere, die Kluft zwischen Sagbarem und "erfahrener Wirklichkeit", füllt sie mit Umschreibungen, Wortschöpfungen, Metaphern, Collagen - kurz - mit all ihrem literarischen Vermögen. Oder aber sie schweigt, weil ihr sowieso keiner glauben würde: "Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm - wenn wir reden, werden wir lächerlich"(S.74).

So riesenhaft der Schatz ihrer Ausdrucksmöglichkeit auch sein mag, genau so illusionsfrei appelliert sie immer aufs neue, die Grenzen der Worte zu (be-)kennen: "Nachdenken, Reden, Schreiben sind und bleiben Behelfsmäßigkeiten, das Vorgefallene treffen werden sie nie, nicht einmal ungefähr." (S. 136)

Ein Buch, das wir so rasch nicht mehr aus der Hand legen werden!


Mehr zu "Der Köing verneigt sich und tötet" --->HIER

Sonntag, 28. August 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

 ... der Paganini´s-Redaktion!


Paul Klee, Der Bote des Herbstes @CC

Ein Blatt fällt vor meine Füße. Von ganz weit oben. Kein vergoldetes Blatt. Kein Blatt mit Noten darauf. Ein Blatt wie ein Blatt nur, sonst nichts. Ein Blatt, sanft getragen aus unendlichen Höhen, hinab in meine Tiefen. Unselige Tiefen? Immerhin ist da ein Blatt, das vor meine Füße fällt. Ich kann drauftreten, darauf herumtrampeln, einen widerlichen Feixtanz des endlosen Lamentierens veranstalten, das Blatt verfluchen, weil ich auf dem Blatt hätte ausrutschen können. Ich kann die Fäuste ballen und gen Himmel richten, mich tatsächlich mal so richtig schön in meiner entsetzlichen Wut austoben und doch werde ich das Blatt nicht klein kriegen. Denn kaum ist es pulverisierte Erde unter meinen Schuhsohlen, kaum fühle ich mich mächtig, in meinem gedemütigten Sein, schon fällt ein neues Blatt auf meinen großen Zeh herab. Welch Hohn, welch göttliche Unverschämtheit will mich da foppen? Und doch kann ich das Blatt erkennen, seine zarten Adern im Gelbrot der faltigen Haut schimmern sehen, Adern wie ausgetrocknete Flüsse im brach liegenden Land, wo einst die goldenen Ähren wuchsen. Adern, durch die der Saft floss, der mich selbst durchpulst. Ich stehe wie angewurzelt im Bann eines Blattes, das aus unendlichen Höhen fiel, hinab zu mir, wie Staub zu Staub, wie Leben zu Leben, wie Wetter zur Erde, wie Du zu mir, damals, als ich den Engel sah.



"Vorfreude" der Paganini´s-Redaktion auf den (wievielten?) kommenden, hitzigen Herbst in Deutschland!

Samstag, 13. August 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

 ... der Paganini´s-Redaktion!


Paul Klee, Engel @CC


Dann sagst Du zu mir, als Du Dich im Wind wiegst wie ein dürrer Baum, dass Du nun los müsstest, fliegen, irgendwohin, wo Du neu sein könntest. Und ich rufe, Du kannst ein Windrad werden, das steht fest, das kann bleiben und bewegt sich doch im Himmelsblau, ganz so als habe es Flügel. Er beginnt mit weit ausholenden Bewegungen seine Arme zu kreisen, wie ein Fuchteln sieht das aus, kreisförmig angedacht doch nicht konzentriert umgesetzt, er hebt dazu ein Bein, winkelt es an, der Fuß des Linken am Schienbein des Rechten und wackelt, wackelt, wackelt bis er fast stürzt und die Figur auflöst, um nicht zu fallen. Nur noch hängende Arme an hängenden Schultern, herab hängend an der traurigen Gestalt, die kein Ritter mehr sein möchte. Hängend seine Mundwinkel, hängend seine Augenlider, hängend sein Kopf, hängend und müde mein Liebster, mein Gefährte einer kurzen, flattrigen Zeit und ich fächele ihm Wind zu, blase meine Backen auf und puste, was das Zeug hält, sehe zu, wie ihm ein Flügel wächst und dann noch einer, der zweite nämlich und winke, winke, winke zum kleiner werdenden Punkt am Horizont.




Dienstag, 2. August 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXVII.Teil!

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, waghalsig und verblüffend, wie die Katze im Sprung. 

Brigitte Kronauer, "Die Tricks der Diva"


Im Gebirg`


Hornochse! Das böse, sehr böse Wort. Immerhin ist Schluß mit der Stolperei. Er hat die tückischen Baumwurzeln hinter sich. Zwischen den Felsbrocken, auf dem steilen, aber sonst ganz braven Weg darf er sich fühlen wie ein Tier, das für seine lauernden Muskeln endlich Auslauf bekommt, der kleine Lackaffe.


2 Diven unter sich: 
Bon Boncuk, der Kater, präsentiert B. Kronauer


Allein der Titel "Die Tricks der Diva" würde uns, der Paganini´s-Redaktion, genügen, um vor Begeisterung das Schnurren im Chor zu beginnen. Und dies kleine Buch, voll mit sehr kurzen Kurzgeschichten, hat wahrlich noch vieles zu bieten, das diese Titel-Entzückung ins Unendliche potenziert. Dazu nämlich ein zweites, kleines Buch, voll mit ebenso kurzen Kurzgeschichten, genannt "Die Kleider der Frauen". 

Darinnen, in diesen beiden Sammlungen kurzer, präziser, unvergesslicher und unglaublich glaubwürdiger Geschichten, finden sich weitere Überschriften, die zum Hinknien schön, schon als Titel wie Miniaturen zu lesen sind: Zum Beispiel "Stille mit finsterer Figur" oder "Wirre Witwen, wissende Witwer" sowie auch "Fräulein Welziehn im Reich der Fische".

Die konkrete, schillernde, Fantasien anregende und gleichsam sich klaren Vorstellungen entziehende Wirkung, findet sich ebenso in der literarischen Ausmalung der dazu gehörigen Short-Story wieder. Nichts scheint gesichert, der Leser oder die Leserin fühlen sich in der ständigen Gefahr, aufs Glatteis geführt zu werden, das eigentlich (bei genauer Betrachtung) überhaupt nicht (und nie) vorhanden war. Ätschbätsch! Freut sich die Kronauer in ihrem Schreiben. Ätschbätsch! Ich bin doch gar nicht so böse (wie IHR denkt!).

Schaurig-schön zeigt sich ein unterschwelliges, nicht zu erklärendes Grummeln in den gesammelten Geschichten der "Tricks der Diva", das wie ein heranziehendes Gewitter eine Spannung in der  Atmosphäre, im Ton der jeweiligen Erzählung entstehen lässt, aus dem sich weder Leser noch Protagonisten befreien können. Auch dieses deutet sich nur an und entlädt sich nicht wirklich. 
So sind sie, die feinen (abgefeimten) "Tricks". Artifiziell wie die Natur (das Leben). Nicht greifbar hinein ziehend in dieses Irgendwas und im Irgendwo ausspuckend, als sei nichts passiert.

Ein Blick in den Spiegel genügt dann manchmal. "Mir würde gefallen, wenn man die Sammlung als sehr lückenhafte Biographie in autobiographischer Form über eine gewisse unzuverlässige Rita lesen würde." "Die Kleider der Frauen" sind mehr als nur Beiwerk. Sie zeugen von Charakter.
Nicht nur von "Ritas" aufsaugenden und wieder ausspuckenden Blicken, sondern auch vom "Charakter" des Angedeuteten, des Erinnerten einer Begebenheit. Alles changiert wie ein seidener Stoff, die Finger gleiten darüber, benommenes Schwelgen setzt ein - schon ist es wieder vorüber - und fast ist nichts gewesen.

Brigitte Kronauer beherrscht die Tricks der Literatur par excellence und weiß um sich. Als Meisterin einer Sprache, die sich was traut und dennoch so lässig bleibt, wie der Kater beim Anblick einer - sich in Sicherheit wähnenden - Maus.

Unbedingte Lese-Empfehlung!


Mehr zum Buch --> HIER

Freitag, 1. Juli 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

... der Paganini´s-Redaktion!


Derweil


Und derweil ich sterbe,
werden die Weichen im Gras,
damit ein Zug seine Richtung
kennt, liegen (schlafen und träumen vielleicht!),
derweil die Vögel zwitschern, derweil ein neuer
Tag hereinbricht (über unser aller
Köpfe herein bricht), derweil
die Wecker schellen, derweil eine
Tür ins Schloss fällt, derweil
eine andere Tür sich öffnen will.
Geschäftigkeit. Ihr Alle.
Ich auch.


Comenius-Garten in Rixdorf bei Dämmerung



#1000Tode

Donnerstag, 16. Juni 2022

Der wunderbare Buchanfang: Teil XXXVIII

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, in dem es um Tod und Leben geht. 

Dieter Wellershoff, "Blick auf einen fernen Berg"


DIE TODESNACHRICHT


Auf der Todesanzeige meines Bruders stehen zwei Zeilen eines Gedichtes, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe. H., die Lebensgefährtin seiner letzten Jahre, hat den Text für ihn ausgewählt:
Tod mit seinen schwarzen Lippen
trägt in der Hand eine singende Amsel.
Eigentlich war das immer mein Text gewesen, mein persönlicher Glaubenssatz, allen meinen Erfahrungen eingeritzt wie eine geheime Signatur. Aber mein Bruder war vor mir gestorben, obwohl er jünger war. Es war die falsche Reihenfolge. So fand ich, daß ich ihm den Satz überlassen mußte.


Pati, das Katerchen, bei der Lektüre v. D. Wellershoff


Es kommt nicht so oft vor, dass wir, die Paganini´s-Redaktion, ein Buch in die Hand bekommen, morgens (noch vor Beginn der Arbeit) zu lesen beginnen und es erst spät in der Nacht aus der Hand legen, nämlich dann, wenn der letzte Satz in uns verklungen ist. Natürlich ist es ganz genau so, auch  diesmal, nicht zugegangen (dazwischen mussten wir hier und da ein wenig werkeln), doch tendenziell eben schon. Und das will was heißen!

 "Blick auf einen fernen Berg" ist, auch weil autobiografisch, nicht das sprachlich kunstvollste Buch von Dieter Wellershoff, es wimmelt von Wiederholungen in den 9 Kapiteln, aus denen diese Schilderung eines qualvollen Sterbens des jüngeren Bruders besteht. Doch es ist eines seiner intensivsten, gerade weil intimsten, Bücher geworden. Dies vorab.

Thematisch beschränkt sich der Autor auf die Skizzierung des Lebens des Bruders, der nie die Wonne eines genussvollen Hier und Jetzt kennen lernen konnte, sondern sich, immer gehetzt und getrieben, auf ein fernes, unbedingt zu erreichendes Erfolgs-Ziel  hin bewegte, das er verschwommen in baldiger Zukunft vermutete. Kurz vor Erreichen einer dieser anvisierten Ziel-Linien, die allerdings weitere Kraftanstrengungen nach sich gezogen hätte, gibt der Tod mit Nachdruck "seine Visitenkarte ab". Der Bruder ist erkrankt, ihm bleiben unbehandelt 2 Wochen an Leben oder die Tortur von 3 Chemotherapie-Behandlungen mit ungewissem Ausgang. Der Bruder entscheidet sich für diesen letzten "Versuch". 

Dieter Wellershoff, der 5 Jahre ältere, inzwischen längst berühmte Schriftsteller, erfährt von der niederschmetternden Diagnose und besucht den Bruder, der einem Spielsüchtigen ähnelnd, mal als millionenschwerer Unternehmer auf der arbeitsreichen Sonnenseite lebte, bald aber durch riskanteste Geschäfte Armut und Ansehens-Verlust ertragen musste. Gerade hat er sich wieder einen Namen in seiner Branche machen können, eine neue Lebenspartnerin gefunden (sich allerdings durch den Bau einer exklusiven Wohnung und eines absurd luxuriösen Büros bereits wieder in Schwierigkeiten bugsierend), da finden die Ärzte den Grund seiner körperlichen Schwächeanfälle: Leukämie im Endstadium. 

Im Mittelpunkt des Berichts stehen nun die Begegnungen der Brüder angesichts dieses schicksalhaften Einbruchs, meistens in der Klinik und am aseptisch weißen Bett des Kranken stattfindend, der sich psychisch zwischen Phasen aus Hoffnung, Verzweiflung, Verdrängung und Wut bewegt. Auf der anderen Seite befindet sich Dieter Wellershoff, ringend um Fassung und taktierende Konversation, zerrissen zwischen brüderlichem Mitgefühl, Schuldgefühlen und Zorn. Zwei Geschehnisse sind bezeichnend für die Nähe und gleichzeitig die unterschwellige Feindschaft der Brüder. 

Der erste Krankenbesuch endet mit einem Nervenzusammenbruch des Erkrankten, da der "große Bruder", angesprochen auf seine Rede bei einer Preisverleihung, mit den auftrumpfenden Worten "Ich habe rauschenden Beifall bekommen" antwortet. Schmerzhaft der Ausbruch tiefsten Neids des Bruders, verräterisch allerdings auch, Wellershoffs prahlerische Formulierung. Hier zeigen sich tiefe Rivalität, mangelnde Empathie oder Entfremdung.
 
Eine fast mystisch anmutende Verbundenheit offenbart sich dagegen, als Dieter Wellershoff genau in dem Moment (weit entfernt vom Sterbenden) die partielle Erblindung seiner Augen erfährt, als die Brille des Jüngeren im Krankenzimmer nicht mehr auffindbar ist und dies so bleiben wird. Allerdings wird die Brille zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr gebraucht werden. 

Die Widersprüche dieser Beziehung finden sich gespiegelt in der Erwähnung der äußeren, fast zwillingshaften Ähnlichkeit der Beiden, bei großen Unterschieden in Lebensausrichtung und Begabung. Letztlich entdeckt Wellershoff eine Um-Schreibung der Geschichte von "Kain und Abel" in seiner komplizierten Bruderschaft. So brillant Wellershoffs psychologische Zeichnungen auch sind, in diesem autobiografischen Werk bleibt er weit schamhafter und unkonkreter in  der Benennung biografischer Details oder Rollen-Prägungen der Kindheit, als in seinen fiktiven Romanen üblich. Im krassen Gegensatz zu dieser Diskretion erstaunt allerdings eine ungezähmte, nichts beschönigende Offenheit bezüglich der eigenen Gefühlswelt angesichts des Sterbenden. Auch in der größten Erschütterung durch den Tod des Bruders, kämpft er für sich und sein Glück, indem er den inzwischen Toten nahezu zwingt, ihn, den Lebenden, los zu lassen.

Durch das immer tiefer werdende Dunkel des Todes, der das Individuum unvermeidbar am Ende um alles beraubt, tritt das LEBEN für den Autor immer heller und unverstellter in den Vordergrund. Er darf weiter leben, welche Gnade, angesichts des endgültigen "Scheiterns" des Bruders. Es ist eine reine (amoralische) Wucht, mit der diese Erkenntnis in diesem Buch wütet oder beglückt und die das Buch zu einer gnadenlosen, doch in tiefster Tiefe berührenden Lektüre werden lässt.

Jeder, der bereits durch Erfahrungen mit dem Tod gezeichnet wurde, wird sich (mal auf der einen, mal auf der anderen Seite) wiedererkennen. Der Tod ist von Anfang an nur aufgeschoben, am Ende sicher. Das Buch macht das nicht zwingend tröstlicher. Dafür auf ergreifende Weise greifbar. 

Große Lese-Empfehlung!


Mehr zum Buch ---> HIER

Samstag, 21. Mai 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

... der Paganini´s-Redaktion!


Regengedicht

Ein Regengedicht steht vor der Tür, ich mach nicht auf, wohlwissend, dass ich dann nass würde, nass, wie eine nasse Ratte oder wie Du, als ich Dich im Regen stehen ließ. Tanz den Regenwalzer, immer schneller, immer im Dreivierteltakt, tanz den Regen platt, bis das Rinnsal unter meinen Füßen landet, eine dünne, dunkle Spur nach irgendwo ...
(... jetzt mit dem Finger schnippen und denken, die Sonne scheint. Kein Regengedicht, dafür aber: Happy End!)


Das UNWETTER ist da.


Montag, 14. März 2022

Gibt es ein "nach der Pandemie" ...

 ... und warum nun Krieg?


Redaktionschef Bon Boncuk, der Kater, zur aktuellen Situation


Bon Boncuk, der Kater, in der PK zum Thema



Wären wir, was wir natürlich nicht sind, an die Schicksalsmächte glaubende Persönlichkeiten, die diesen dann zusätzlich einen korrigierenden Einfluss auf Gesellschaften plus deren Individuen zugestehen würden, dann möchten wir zunächst einmal das große Lamentieren anstimmen wollen:

"Ja, haben wir denn noch nicht genug gelitten. Ja, haben wir denn noch nicht genug gelernt"?
Und der Chor würde mit dem Finger auf uns zeigen und singen: "Seht da, Europas Stolz und Herrlichkeit. Oh weh und all dies Sterben"!

Wir haben nun seit über 2 Jahren anstelle der Nase eine steife, kratzende, atmungserschwerende Maske im Gesicht, wir haben uns in Solidarität mit den Schwachen und Schwächsten geübt, wir haben uns - wie das Vieh im Stall des Bauern - Unbedenklichkeitszertifikate nach Impfungen ausstellen lassen (fast wie das niedliche Kalb mit Knopf samt gelber Flagge im Ohr), haben gegen alle gezürnt, die unser neu erwachtes Gemeinschaftsgefühl nicht zu schätzen wussten, haben um der Sache willen zu Hause gejobbt, dazu wie die Weltmeister gekocht, viel auf die Politiker geschimpft (zu viel oder zu wenig an Maßnahmen), haben in der Einsamkeit an den Fingernägeln geknabbert, Neurosen entwickelt, auf Twitter Selbsthilfegruppen gefunden und nun, kurz vor Schluss, dieser Knall: Wir haben Krieg in Europa! 

Götter was wollt ihr noch? Haben wir nicht genug geklatscht, die Herzen geöffnet (für Systemrelevante ehemals Unterprivilegierte), haben wir nicht eine geraume Weile gegen Amazon rebelliert, uns die Füße in den Schlangen vor den Buchhandlungen wund gestanden, den Apfel aus der Region gegessen?

Haben wir nicht "auf, auf" gedacht, um nun geschwind das Klima zu retten, den Klimakanzler mitsamt Klimakoalition haben wir gewählt (ein bisserl Mobbing gegen die heutige Außenministerin hatte rein moralische Gründe, versteht sich!) und jetzt dieses Desaster.
Wir wollten mal wieder richtig, richtig, richtig heftig die mittlerweile durchgeboosterte Sau rauslassen und nun: KRIEG! 
Atomare Bedrohung gar, Putin ersetzt das Virus und gibt ihm eine greifbare Visage. Und was für eine:
"Da, seht hin, gegen diesen da, da hilft keine Impfung". Da hilft nur noch die Anerkennung der "Zeitenwende". 

Und mit der Anerkennung der "Zeitenwende" kommen erneut Opfer und milliardenschwere Ausgaben auf uns zu. Oh, oh - da wollte manch Peace-gepiercter Mensch fast "auf in den Kampf" (für das Richtige natürlich) trommeln und nun wird er böse in der Begeisterungs-Fahrt gestoppt - denn woher nehmen das Geld für den Sprit? Und wovon zahlen, bitte, die Reform von Hartz 4 und wo, bitte schön, ist eigentlich das gute, das essentielle, das bio-organisch-dynamische-omega-arme und omega-reiche Sonnenblumenöl hin verschwunden? Wie nun leben?

Refugees sind (wir sind doch die Guten) erst einmal völlig o.k. (sofern sie aus der Ukraine stammen)! Wir werden sie klatschend am Bahnhof empfangen. Apropos "Klatschen", für die Pflegekräfte müssen wir das vorerst nicht mehr tun, wenn denen das Honorar für ihren Job ("unterprivilegiert bleibt eben unterprivilegiert" entre nous) zu eng ist und sie -verwöhnt durch Aufmerksamkeit und Rampenlicht - gar hinschmeißen möchten, nun ja, dann sollen sie nicht aufgehalten werden, die Ukrainer machen das gerne für kleines Geld und Sicherheit (mit Liebe, machen die das!).

Das Mastvieh, das übrigens kein Tier ist, sondern ein Mosaikstein in der aufwendig nach Quadratzentimeter und Ökonomie berechneten Fleisch-Produktion, sollte nun allerdings wie gehabt beibehalten und gehalten werden. Ein Zuviel an Veränderung bringt nur Verdruss!

Bereits Friedrich der Große sagte die weisen Worte: "Schweine" (oder so ähnlich), "wollt ihr ewig leben?" Und wo nur Grunzen als Antwort ist, da wird kein Widerstand zu erwarten sein. 

So können wir dieser Tage also erneut das Hoffen (und Schachern) wagen, den Status Quo rum schieben und ihn -irgendwie- zu halten suchen, dazu die Erdkugel (um unserer ehrwürdigen Art willen!) noch vor dem totalen und allzu raschen Zusammenbruch ihres Klimas schützen (KLIMA, ja, das ist doch ein sehr weiter und eher theoretischer Begriff) und uns larmoyant die Frage der Fragen stellen: 
"Götter, was wollt ihr noch von uns, dieser braven, gebeutelten (west)europäischen Menschheit?"

Good Luck!



Montag, 21. Februar 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

...der Paganini´s-Redaktion!


@PaganinisBerlin, Richardplatz 

Ein kleiner (Halbkreis aus) Mond wollte mich auf die Schläfe küssen. Er spitzte die Lippen und meine Schläfe wich furchtsam zurück, pardon, denke ich und mein Mund gibt ein entschuldigendes Lächeln dazu. Ich kann auch anders, sagt der Mond, nicht grimmig, wird zum kreisrunden Ballon und schwebt ins Dunkel hinauf. Dort schnappt er sich einen kleinen Stern, der entwindet sich und verliert eine Zacke, doch der Mond lächelt nun wie beschwipst am Firmament. "Lieber Stern, komm, küsse meine Schläfe" flüstere ich und schlafe ein.
(Gute-Nacht-Geschichte, Januar 22)


Samstag, 19. Februar 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXVI. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das rätselvoll und tiefgreifend, dunkle Aspekte der Liebe umkreist. 


Per Olov Enquist, "Gestürzter Engel"

Bewahre noch einen der kleinen seltsamen Zettel des Jungen auf. Auf diesem stehen nur vier Wörter:
"Hauche mein Gesicht hervor."
Ein Gebet?

Erwachte 03:45, der Traum noch immer ganz gegenwärtig. Strich unwillkürlich mit dem Finger übers Gesicht, über die Haut der Wange.
War der Antwort sehr nahe gewesen.
Stand auf.


Pati, das Katerchen, präsentiert Enquists "Gestürzter Engel"


Drei Liebesgeschichten (bei genauem Hinsehen sind es noch mehr) finden sich in diesem dünnen, 110 Seiten umfassenden Buch. Und doch ist das kein Buch, geeignet zum Verschenken an frisch Verliebte. Und es ist auch kein Buch, das sich nacherzählen ließe, indem man von den Protagonisten berichtet. Die da wären das "Monster" Pinon, aus dessen Stirn das Gesicht von Maria gewachsen ist, deren Lippen stumm, dennoch in seinem Inneren sowohl betörenden als auch zu Tode quälenden Gesang anstimmen können. Und der Psychiater, dessen Frau den Mörder (den "Jungen") der gemeinsamen, kleinen Tochter in ihre Wohnung lockt. Oder die verlassene, psychisch gebrochene Ruth Berlau, die den Ton-Kopf des Liebsten (Bert Brecht) in einer Schachtel aufbewahrt und in seinem Innern die tröstende Whiskeyflasche. 

Nein, was so berichtet, als flaches Sammelsurium grenzwertiger, unglücklicher Beziehungs-Verstrickungen daher kommt, wird von Per Olov Enquist zu einer einzigen, großen Beschwörung des "Menschlichen", das sich an dessen "Grenze" offenbart. So sind es die sich wiederholenden Beschwörungs-Formeln und Symbol-Bilder, die dies Buch zu einem Ereignis werden lassen. 
"Hauche mein Gesicht hervor" und schaue mich in der Tiefe. So lautet die Formel der Sehnsucht. Enquist folgt diesem Wunsch, sucht im Kreisen über dem Abgrund nach der Liebe:
"Man kann Liebe nicht erklären" schrie sie. 
Aber wenn man es nicht versucht, wenn man es nicht versuchte, wo ständen wir dann?"

Ein tief greifendes und ergreifendes Buch, das einen zunehmenden Sog entwickelt, dem man sich überlassen sollte. Lesenswert!



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Mittwoch, 26. Januar 2022

Die wunderbare Berlinale winkt "Hallo" ...

... wir winken müde zurück, aber dennoch!



Aus dem Bettchen - rein in die Berlinale?


Das waren noch Zeiten, damals mit dem, ach, wie hieß der noch, dem Dieter Kosslick. Da stürzten wir uns  schon im Vorfeld auf jedes Interview, strichen im Kalender die Tage an, inhalierten das "Motto zum Jahrgang" und freuten uns, freuten uns, freuten uns - wie Kinder oder so ähnlich. 

Nein, wir geben dem neuen Berlinale-Team Chatrian-Rissenbeek wahrlich nicht die Schuld, dass wir diesmal Null Lust auf gerade mal NICHTS der Berlinale haben. Wir schieben das auf 2jährige Abstinenz (in gefühlten Ewigkeiten) von kulturell beflissenen Massen, auf die Müdigkeit im Großen (hach, diese pandemischen Zeiten!) und auf uns, unser Alter, die Situation im Besonderen und die im Allgemeinen. 

Dazu ein einschläferndes Grau am Himmel über Berlin, eine mittlerweile antrainierte Unlust auf BVG und keine rechte Ahnung mehr, wie sich ein Zauber in dunklen Kinosälen ausbreiten könnte, wenn wir gar nicht vorort sind.
Es fehlt, kurzum, die Sehnsucht nach diesem  ganzen, ach so wunderschön erinnertem Theater namens Berlinale. Da ist inzwischen was eingetrocknet und verkrustet, das ist einfach lange her! 

Also keine Lust auf Kino-Festival. Aber so tun. Als ob. Das müsste doch noch möglich sein.
Ganz großspurig groß tun, als sei da was in uns, das uns sogleich, im Monat um die Ecke, zum Anstehen um Tickets bringen könnte. 

"Häh? Anstehen um Tickets? Herrjeh, ick steh mit Mundschutz halb fremdbeatmet an der Schlange vor der Penny-Kasse, sonst noch was, Alte?" 
(O-Ton, Pati, das Katerchen, Hospitant der Paganini´s-Redaktion)

Und wie geht es nun weiter für die Paganinis in Sachen BERLINALE 2022?

Erst mal ganz achtsam und ganz bedenklich und bedacht gucken, was Die überhaupt zu bieten haben.
Die Berlinale-Leute. Und dann können wir immer noch entscheiden. Oder uns wird die Entscheidung abgenommen und es gibt keine Karten mehr. Oder, oder, oder. 
Da fällt einem  immer was Feines ein. Oder auch etwas ganz Anderes!

Aber mal unter uns: Zumindest die Filme von Krebitz und Dresen würden wir doch eventuell gerne sehen. Vielleicht auch Ozon, Taviani oder Seidl ...

Gönnen wir uns einfach noch ein little Maß an Entschleunigung und - notfalls (trotz allem) "keine rechte Lust"!

P.S. Anstehen für die Tickets übrigens nur online, also virtuell, möglich. Doch auch dies benötigt natürlich planerische Weitsicht, Geduld und Optimismus!



ALLES RUND UM DIE BERLINALE ---> HIER 

Sonntag, 23. Januar 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXV. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, das dicht und atmosphärisch, eine besondere Kindheit und deren Folgen beschreibt. 


Alex Schulman, "Die Überlebenden"

Ein Polizeiauto pflügt langsam durch das blaue Grün, die Traktorspur zum Hof  hinunter. Da steht das Sommerhaus, einsam auf einer Landzunge, in der nie ganz schwarzen Juninacht. Es ist ein einfaches Holzhaus mit seltsamen Proportionen, etwas höher, als es sein sollte. Die Farbe an den weißen Giebeln ist abgeblättert, das rote Holz an der Südseite sonnengebleicht. Die Dachpfannen sind zusammengewachsen, ein Dach wie die Haut eines Urtiers.


Bon Boncuk und Petite Pati präsentieren "Die Überlebenden"


"Polizeiauto" - "blaue Grün" - "einsam" - "nie ganz schwarze Juninacht" - "Haut eines Urtiers". Irritierende Bilder entstehen in den ersten fünf Zeilen des Buchs "Die Überlebenden". Bilder, die den Vorstellungen eines "Sommerhaus" entgegen gesetzt zu sein scheinen. Dennoch fehlt auch im gesamten 1. Kapitel des Romans von Alex Schulman ein konkreter Hinweis darauf, weshalb ein Polizist in diese nahezu idyllisch anmutende Landschaft mit See gerufen wurde. 
Alles bleibt Andeutung und in einem merkwürdigen Nebeneinander stehend, seltsam miteinander verwoben und ins Ungefähre verweisend: "Etwas ist mit dem Licht, den blauenden Bergen über dem See und dem Blaulicht des Polizeiautos".

Was das ist, das da geschah und was so eigentümlich, fast verführerisch und dennoch toxisch schillert, kann nur aus dem Reich der Kindheit hinüber reichen. Denn nur in diesem haben die Dinge jenen lebendigen Zauber, der Gut und Böse, Vertrautes und Schrecken als Untrennbares (miteinander Streitendes?) aufscheinen lässt. 

Alex Schulman ist ein dichtes, extrem atmosphärisches Buch gelungen, dessen formale Kreisbewegung 
den Gesetzen der Erinnerung und den Gesetzen von Ursache und Wirkung entspricht. "Das Gewicht all dessen, was in diesem Moment passiert (...), ist nur der letzte Ring auf dem Wasser, der äußerste, der am weitesten vom Einschlagspunkt entfernt ist". 

So schließt sich der Kreis des Erzählten, in dem es den Beginn gegen Ende wiederholt. Der "Einschlagspunkt" ist spürbar geworden. Am Horizont ein neues Licht. Was kommt nach dem "Überleben"?
Vielleicht - ein "Leben"!


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