Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Freitag, 4. September 2020

Die wunderbare "Melissa kriegt alles":

Mit Rene Pollesch eröffnet das Deutsche Theater Berlin die neue Spielzeit



Theaterplakat DT-Berlin, Foto@Paganini´s

Es ist schon paradox. Da ordern wir, die Paganini´s-Redaktion, online die Tickets der untersten Preis-Klasse, sitzen im "Olymp" und sehen die -auf Leinwand- projizierten Schauspieler-Götter nur mit abgeschnittenen Köpfen. Dies ganz profan geschuldet, den persönlichen Zeiten des (sagen wir mal) eher knappen Geldes. Und doch lassen wir uns per Taxi zum Deutschen Theater Berlin sowohl hin- als auch zurück kutschieren und finden nichts dabei. Dies, wiederum sehr profan, geschuldet der Bequemlichkeit die eine gute Ausrede kennt, nämlich die U-Bahn in ihrem aktuellen Gefahren-Zustand. Und später dann, während des eigentlichen Ereignisses, dem wiederum dies ganze Drum und Dran geschuldet wurde, erfahren wir, dass dies Verhalten nichts anderes als Kommunismus ist. Denn der besteht, so hören wir, aus dem Paradoxon des Zweifelns bei gleichzeitiger Akzeptanz von ALLEM. Ob diese Behauptung, heraus gefiltert aus Rene Polleschs jüngstem Stück "Melissa kriegt alles", stimmt oder nicht stimmt oder ob wir (in Trance versunken) dies alles einfach falsch verstanden haben, ist uns (Pollesch sei Dank) schnurzpiepegal. Vollkommen schnuppe!
Und das tut richtig, richtig gut!

Oh, was sind wir froh und dankbar, dass wir keine Kritik oder Rezension über diesen ersten echten(!) Theaterabend (nach gefühlt unendlich vielen Online-Darbietungen) schreiben müssen. Da würden wir schwitzen und ächzen müssen und am Ende jämmerlich versagen. Wie kann man, wie soll man dieses Stück in Worte fassen, wie erklärlich machen, was da auf der Bühne passiert und was gleichzeitig nicht passiert.
Denn Kritik zu üben bedeutet doch auch, darüber zu schreiben, was als fehlend empfunden wird. Gerade in diesen, unseren Zeiten des "Leben mit dem Corona-Virus". Da fehlt ja doch wahrlich so unbeschreiblich viel! (Oder?)

Doch nur nicht verplappern. Straight Eins nach dem Anderen. Wie es diese 6 Schauspieler auf der Bühne zumindest gar nicht tun. Denn die verplappern sich vehement und da führt dann Eins zum Anderen und ergibt dennoch so gar keinen rechten Sinn. Am Beginn kriegt "Melissa alles" und am Ende steht das Entsetzen (oder besser: die Wehmut), dass der Verlust (von etwas Kostbarem/Geliebten) durch einen Ersatz kompensiert zu werden üblich ist.
Und dennoch lässt sich beschreibend so gar kein Bogen fassen.

Springen wir also ganz an den Anfang unseres Theater-Abends. Da konnte man schon unwirsch werden. Im Feuilleton nennt sich das "fehlender Resonanzraum". Wir nennen es, wiederum profanisiert, die Abwesenheit von Trauben erwartungsfroher, zeigefreudiger Menschen, die sich in der Theater-Bar schon mal mit Schampus einstimmen können.
Im Ernst, ein lauer Alt-Weiber-Sommer, ein ausverkauftes Stück im großen Haus des Deutschen Theaters zu Berlin - und weit und breit kein Service-Stand, an dem man auf die Schnelle zu seinem Glaserl Weißwein käme. Bei diesem ausgedünnten Besucher-Andrang, bewaffnet mit Masken, sollte das möglich sein. (Nein, in der Kantine wurde ausgiebig gekocht, ignoriert und nicht "ausgeschenkt").
Also hieß es -mies gelaunt und gänzlich unbetäubt- den Pfeilen nach, um endlich auf dem Sitz zu landen. Ironisch-symbolisches Hihihi und jede Menge Ersatz für uns, DAS PUBLIKUM, macht teuflische Begrüßungs-Freude, denn "Melissa" hat vorgesorgt. Wir blicken erstaunt in die Gesichter einer erwartungsvollen Besucher-Meute aus Zeiten der eng besetzten Theater-Bestuhlung. Kaum geärgert und kaum amüsiert, dann geht es auch schon auf der Bühne los.

Und: Surprise, surprise, da wird dann tatsächlich - an einem von Rene Pollesch kreierten Abend - ein ziemlich typischer Rene Pollesch gezeigt. Huch??? Und das in diesen, unseren Zeiten, wo bleibt denn da, wo ist denn da, ja, wo findet sich denn da:
 a)DIE RELEVANZ
 b)DER ZEITBEZUG
 c)DER CORONA-BEZUG
 d)DIE NEUERFINDUNG
und
e)DIE METAMORPHOSE VON THEATER???

Uns alles schnuppe, uns alles wurst und uns alles obendrein schnurzpiepegal (s.o.)!

Ein Puppenhaus steht auf der Bühne, die Farbe Quietschbuntrot korrespondiert possierlich mit der behaupteten Kommunismus-Tapete in Schwarz-Weiß, eine überragende Kathrin Angerer ruft nach ihrer Katze ("Komm zurück, kleine Shiva des Militärkommunismus") und ein (schon immer zutiefst russischer!?) Martin Wuttke stampft mit dem Fuß, wie ein verschusselt, dementer Möchtegern-Revolutionär. Und alle 6 Schauspieler agieren zusammen wie nur Kinder spielen, selbstvergessen, anrührend und teilweise versunken im Miteinander und Ohneeinander. Und wieder Einer gibt als Autor und Regisseur den roten Faden vor und wir schauen zu.

Das Publikum hat sich scheinbar nach mittlerweile 5 oder 6 (?) Vorstellungen aus der Lethargie befreit. Es nimmt begleitend ziemlich lauten Anteil. Bis zum Schluss.
Dann nämlich donnernder, trampelnder, johlender, grölender (kurz: begeisterter) Applaus.
Und wir klatschen auch. Bis die Hände schmerzen. Mit Gänsehaut.
Das war kein Ersatz. Denn da ist kein Verlust.
Nur THEATER!




Parallel zu dieser Theaterproduktion hat René Pollesch mit dem Ensemble aus Melissa kriegt alles außerdem einen Film gedreht, der am 23. September erstmalig im DT gezeigt wird: 
"Непский проспект – Nepski-Prospekt"

Wir waren HIER ----->
Zur Filmpremiere v. Rene Pollesch HIER---->

Montag, 3. August 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s





Eltern im Hamsterrad 
(falsch gedeutet)
oder
Eltern 
(aus dem Hamsterrad fehl interpretiert)
oder 
Symptome
(nicht zu deuten)

Falsche Symptome, alles falsch gedeutet, dabei aber: richtig gemacht, schnurgeradeaus ins Verderben gerannt, in dieses  Hamsterrad,  im Hamsterrad,  der/die/das das Hamsterrad, da geht es mir gut, da kann nichts schief gehen, immer in die Pedale, so ein Rad, da ist sicher was sicher und wie alle und so: (Hehe, das bin doch nicht ich. Das bin doch nicht ICH. Der das sagt. Das sagt doch ganz ein Anderer. Irgendwo sagt der das...) ohne Symptome, aber immerzu mit diesen Symptomen, da kommt die Flaute auf, da rennt es sich unkomfortabel, da rennt es sich, rennt es sich rund, rennt einer um die Wurst, rennt und rennt, ohne Puste, so ein Rennen, als ginge es um was, im Hamsterrad, aber es rennt, von ganz alleine rennt das und renne ich, da  kommt das alles ins Rennen, wo auch sonst, als hier. In diesem wunderbaren Hamsterrad. Da sind dann die Symptome, diese vielzähligen Symptome und auch nirgendwo Sinn, gar kein Sinn, im Rennen, mit diesen Symptomen, ist da nicht die Rede, nicht die Rede von diesen Symptomen, nicht die Rede, ohne Sinn, das Ganze, ganz ohne, doch die müssen doch irgendwo her, irgendwie, irgendwo her kommen, die Symptome, da muss man doch laufen oder wenigstens entlaufen, mit diesen Symptomen, die sind doch nicht von schlechten Eltern, sind die...

Oder wo kommen die her?
(Notizen zu Menschenlichter im Tollhaus, II)




Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz:
Katze, Kater, Paganini´s und Inkonsequenz.
Alles Synonyme!

Wir versprechen jetzt endlich (weitgehend) die Sommerpause ein- (und somit das Maul) zu halten;

Farewell!


Donnerstag, 23. Juli 2020

Kurzes Poem


GEWIDMET


Düster und schön - will ich vergehn. Wie Du damals, als ich Dich fand.
Schlafend im Leben. 
Kann nie vergessen - will nicht vergeben.

Die grausige Tat. Die Du mir schuldest, lebendig im Tod. 

Wache ich auf. Wache ich. 
Wache über Dich. 

Du wachst nicht mehr auf.
Und bist schön raus.

Wie ein Abzählreim.




Wir, die Paganini´s, machen vermutlich mal wieder Sendepause auf dem Blog bis Ende August.
Auch wir müssen für Geld arbeiten.

Halten Sie bis dahin die Ohren steif und seien Sie glücklich. Miau!

Sonntag, 19. Juli 2020

Der wunderbare Buchanfang: XXIX. Teil!

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das seinen Titel großzügig diversen Verfilmungen schenkt und gleichsam nach Einmaligkeit schreit.


Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz

Dies Buch berichtet von einem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf in Berlin.
Er ist aus dem Gefängnis, wo er wegen älterer Vorfälle saß, entlassen und steht nun in Berlin und will anständig sein. 
Das gelingt ihm auch anfangs. Dann aber wird er, obwohl es ihm wirtschaftlich leidlich geht, in einen regelrechten Kampf verwickelt mit etwas, das von außen kommt, das unberechenbar ist und wie ein Schicksal aussieht.
Dreimal fährt dies gegen den Mann und stört ihn in seinem Lebensplan. Es rennt gegen ihn mit einem Schwindel und Betrug.


Boncuk, der Kater, präsentiert BERLIN ALEXANDERPLATZ


Dreimal schwarzer Kater. Dreimal Berlin Alexanderplatz. Man kann nie genug davon bekommen?
Doch, man kann. Aber man kann auch eine ganze Menge von dieser Wucht - und es ist immer eine - in sich reinschaufeln. Man kann sich ein bisserl den Magen verderben, vielleicht. Aber man wird es (vermutlich) nicht recht bereuen.

Zum Einen und Allerersten die Lektüre: Was Alfred Döblin da vor dem Leser ausbreitet und vor ihn hinschmeißt, das ist ein wahrer Brocken "Welt"-Literatur. Viel Welt und viel Sprache. Ein dicker Schinken (560 Seiten TB), der manchmal schwer verdaulich aber nie ungenießbar ist. Ein derber, frecher, virtuoser und schließlich sprachberauschter und berauschender Genre-Mix aus Bänkel-Gesang, expressionistischem Groß-Gedicht und eigenwilligem Bildungs- sowie Gesellschaft-Roman. 
Kurz, das Menschheits-Buch eines Berserkers. Dazu natürlich, der Titel weist darauf hin, versprachlichte Großstadt-Melodie. Berlin wie es laut ist und grell ist und schnell ist, dass einem schwindlig werden muss. "Die Wagen tobten und klingelten weiter, es rann Häuserfront neben Häuserfront ohne Aufhören hin. Und Dächer waren auf den Häusern, die schwebten auf den Häusern, seine Augen irrten nach oben: Wenn die Dächer nur nicht abrutschten, aber die Häuser standen gerade..." In dieser zischenden, tanzenden, dröhnenden Stadt, das ist der Trick, kann alles jederzeit ins Rutschen kommen. Und Franz Biberkopf rutscht. Und der Abgründe sind gar Viele!

Zum Zweiten, ganz nah und liebend am Buch und dennoch (natürlich) emanzipiert durch die Umsetzung in das Medium Film: Rainer Werner Fassbinder und seine Mammut-Fernseh-Serie "Berlin Alexanderplatz". Auch dies eine brachiale Zumutung, eine Mixtur aus Volkstheater-Style, Stummfilm-Flair und Fassbinder-Künstlichkeit. Günther Lamprecht und Gottfried John. Welt-Klasse!
Die "Mini-TV-Serie" (Wikipedia!) zelebriert 15,5 Stunden lang diese Welt des Berlins der 20er Jahre und diese Welt des Franz Biberkopfs und diese Welt des Fassbinder-Kosmos mit all seinen Getreuen, wie Schygulla, Sukowa, Mira, Hermann und und und natürlich dem unvergleichlichen Peer Raben, dessen Musik seine Dichte, Spannung und Rhythmus zum Bild hinzugibt. Kongenial! 
Dazu die Döblin zitierende, sanfte Stimme des Regisseurs aus dem Off. Eine gewaltige Übersetzungs-Leistung des Romans in adäquate Kino-Kunst. Adäquat, weil wahlverwandt. Döblin und Fassbinder passen naturgemäß gut zusammen. 
Nochmals schwärmerisch aber muss hier die Magie im Zusammenspiel von Lamprecht und John genannt sein. Diese verstrickende, schicksalhafte Beziehung, bestehend aus Anziehung und Abstoßung, aus innerem Zwang geboren scheinend, wie er Planeten miteinander bindet oder das Insekt zur zerstörenden Kerze bringt, das verkörpern diese Schauspieler im Miteinander derart  glaubwürdig, dass sich schwer nur ein neues Couple namens Franz B. und Reinhold im Kino denken lässt. Diese Beiden sind einfach betörend!

Zum Dritten nun: Burhan Qurbanis Neuinterpretation und Aktualisierung des Stoffs. Soeben im Passage-Kino gesehen. Noch immer wackelig auf den Beinen, nach 3 Stunden im dunklen Raum - mit Blick ins grelle Bunt der Schrecknisse hinein. Durchaus viel Wiedererkennungseffekt. Und das ist anerkennend gemeint. Die Unterteilung in Kapitel, eingerahmt von Pro- und Epilog, geben auch hier zu bloßem Plot und Bildern das Parabelhafte hinzu. 
Da die Geschichte des Franz Biberkopf ins Hier und Jetzt der Flüchtlingsunterkünfte verlegt wurde, entzieht sich Qurbani geschickt der Verpflichtung, sich sozusagen im Schatten der gewaltigen Vorlage bewegen zu müssen. "Neu interpretiert von Regisseur Burhan Qurbani", so steht es vorsorglich bereits auf dem Plakat geschrieben, das im Entree zum Kinosaal auf die Verfilmung einstimmt. 
Und doch ist viel Franz Biberkopf geblieben (dagegen wenig Sichtbares von Berlin und Alexanderplatz). Qurbani hat Respekt vor Döblin und er hat Hochachtung vor Fassbinder
Letzteres zeigt sich in kleinen Zitaten, vorrangig dort, wo es um Reinhold geht. Nicht nur Schuch verbeugt sich in Anleihen vor John, auch die stampfenden Bässe der Musik beruhigen sich dann und lassen den Flötenton (des Rattenfängers) hören, dessen sich Peer Raben (allerdings weit exzessiver) bediente. Ja, Reinhold! 
"Wenn Du das Böse siehst, schau hin und geh weiter!" So sagt man doch manchmal. 

3x Reinhold und 3x wird nachvollziehbar, wie schwer es sein kann, einer unguten Verführungskraft zu widerstehen. Albrecht Schuch ist zutiefst glaubwürdig in seinen Facetten und Brüchen. Dagegen hakt es in der sogenannten Psychologie der eigentlichen Front-Figuren Franz-Francis und Mieze. Durch die Übersetzungs-Arbeit des Regisseurs in ein Flüchtlings-Schicksal hinein, werden manche Entwicklungs-Sprünge und Entscheidungen des Protagonisten zu sehr durch "äußere Umstände" erklärt. Der Schuldkomplex des Überlebenden wird als Selbstbestrafungs-Wunsch angeführt, der indes nicht wirklich zu einer Vielschichtigkeit sondern eher zur Verflachung der Figur des Franz führt. Auch die kecke Mieze scheint in dieser modernisierten Fassung durchaus genau zu wissen, was sie will. Und sie ist weit davon entfernt, nur naiv und gut zu sein. Sie wird so in ihren Vorwürfen gegen Francis unglaubwürdig. Hier wirkt manches geglättet und aufgesetzt. Das geht insgesamt auf Kosten der emotionalen Identifizierung des Zuschauers mit den Helden und auch mit dem Held als Antiheld. 

So hält man sich in dieser Fassung der großen Geschichte noch am Leichtesten an Reinhold. Der bleibt  wenigstens klar erkennbar als zutiefst zerstörter und deshalb zerstörender Mensch.



Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz:

"Da rollen die Worte auf einen an, man muss sich vorsehen, dass man nicht überfahren wird, passt Du nicht auf auf den Autobus, fährt er Dich zu Appelmus. Und nun weg, mit dem Schmöker, muss auch mal wieder ohne gehen..."

Und ein erleichtertes Schnurren breitet sich aus, in den Räumen der Paganini´s-Redaktion!


Lesenswert: Tom Tykwer in der FAZ zu Fassbinders BERLIN ALEXANDERPLATZ--->

Dienstag, 7. Juli 2020

Die wunderbare Undine...

...schwimmt (und liebt) nun endlich im Kino!


Die Chefredakteurin berichtet


Mit Katzen-Maske im Passage-Kino, Neukölln



Von Christian Petzolds neuem Film, der bereits auf der diesjährigen Berlinale für ziemlich begeistertes Aufsehen sorgte und Paula Beer einen Bären brachte, war viel zu erwarten und die Vorschuss-Lorbeeren, die ich mit ins heimatliche (Rixdorfer) Passage-Kino brachte, ein wahrlich dicker Strauß. Die Berlinale-Kritiken, wenngleich durchaus polarisierend, zweifelten allenfalls auf anerkennend hohem Niveau an der Kraft dieser Undine, sofern sie nicht ausschließlich Lob und Beifall bekundeten. 
Petzold ist, da ist wenig drumherum zu reden, deutsches Kino für Bildungsbürger. Da konnte in der Vergangenheit so manchem Kino-Gänger schon mal das Eine oder Andere im Film zu manieriert, zu intellektuell verbrämt und dadurch leicht anämisch oder zu artifiziell erscheinen. 
Um Liebe ging es gewöhnlich immer, in den Filmen des Regisseurs, um sensible Gefühls-Gewächse, die in politische Verhältnisse verstrickt wurden und gegen menschliche Abgründe (auch im Liebenden selbst) anwachsen mussten. Etwas Poetisches lag dennoch (wie ein guter oder böser Zauber) in der Atmosphäre hinter jedem Plot.

Ich erwartete also durchaus, dass diese Undine mitunter leicht blutleer und verkopft, an mancher Stelle gar verquast wirken könne. Zumal über die (angeblich weit ausholende) Kritik des Filme-Machers an städtebaulichen Verirrungen im modernen Berlin, ausgiebig in den Zeitungen zu lesen stand. Aber insgesamt beherrschte mich eine große Vorfreude, sicher auch, da es nun doch eine gefühlte Ewigkeit her zu sein schien, in einem realen Kino zu sitzen. 
Die Karte wurde online gesichert und ausgedruckt, die Mund-Nase-Schutz-Maske frisch gebügelt angezogen. Klar, da wird natürlich kein auflockernder Drink im plüschigen Foyer hinter die Binde gekippt, da folgt man nur mit Abstand und im Trippel-Schritt den Pfeilen, die in ein Labyrinth von Absperrungen hinein lotsen, vorbei an maskierten Menschen hinter Plexi-Glas-Scheiben, aber immerhin, irgendwann sitzt man im Corona-Kino auf dem, im Ticket als Nummer angegebenen, Samt-Sitz und freut sich, dass man im Kino-Saal drinnen ist. Und der sieht dann gottlob so aus, wie er eben auch vor Corona ausgesehen hat. Nur ziemlich leer ist er geblieben, an diesem Sonntag-Nachmittag. Gezählt habe ich ganze 10 Besucher, einschließlich meiner Person. 

Nun ist es geschehen, das Verplappern setzt ein, hier sollte es doch wahrlich nur um die Begeisterung über diesen Film gehen. 
Und die ist noch immer, mittlerweile 3 Tage nach Erleben, so betörend spürbar und durch die Tage tragend, dass ich eigentlich keine Kritik schreiben wollte. Erstens, weil ich inzwischen ganz wunderbare Rezensionen zu diesem Film gelesen habe (mir erscheinen die Kritiken berauschter, jetzt, zum Kino-Start als während der Berlinale?!) und zweitens, weil es manchmal so ist, dass sich Glück nicht vermitteln lässt und die Worte fehlen. Und echtes Kino-Glück kenne ich weit weniger, als ich großartige Filme gesehen habe. Glück ist, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und Glück ist eine Schwingung, die etwas in Gang setzt. So wie es dann dieser Undine im Film passiert, der damit beginnt, dass sie sich zur falschen Zeit am falschen Ort schnöde verlassen fühlt, um dann durch genau dieses (durch und durch und immer schon) Falsche, genau im Richtigen zu landen, das sich mit großem Sprung und viel Nass über sie ergießt und in die Arme des wahrhaft liebenden Christophs spült. Wasser ist tief und unkontrollierbar. Gott sei Dank. Leider, leider!

Wasser folgt seinen eigenen Gesetzen. Diese sind elementar, archaisch, mythisch. Wir wissen das Alle. Zum Beispiel aus der uralten Weise über "Undine"!

Es ist meisterlich gelungen, wie Petzold die verschiedenen Ebenen miteinander verwebt und in- oder umeinander fließen lässt: Den Mythos mit der modernen Alltags-Realität Berlins. Die Psychologie mit der Unlogik eines Banns, unter dem eine selbstbewusste, ganz heutige Historikerin steht, die eben (ganz selbstverständlich) auch ein, durch Jahrhunderte existierender, Elementar-Geist ist.

Die andere  Seite, das unheimlich Anmutende und dennoch entrückend Berückende findet der Film in seinen Bildern "unter Wasser". Nur ein Kino-Saal kann diesen Zauber tatsächlich vermitteln, die ausgeklügelte, brummende Ton-Spur in der Magengrube des Zuschauers vibrieren lassen. Ach, herrlich. Petzold nimmt den Mythos ernst. Nur so entsteht diese intensive Spannung in der Reibung an der Moderne. Am Ende siegen Beide. Die Legende darf Undine zurück in ihr natürliches Element befehlen. Doch die hat sich inzwischen zeitgemäß emanzipiert und entwickelt. Sie tut zwar, was sie tun muss. Doch sie nutzt auch ihre Freiheit durch die Gnade des Loslassens. Es lebt die Liebe!



Hintergründe zum Film etca. wie immer in Wikipedia--->

Mittwoch, 1. Juli 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s-Redaktion


Neo Rauch ist das Thema meiner letzten Tage. Wie soll man leben, wenn man weiß, dass Einer existiert und malt und denkt und spricht wie Er und man selbst liegt mit seiner Seele im Kampf darnieder und fühlt sich unwürdig, den Staub zu atmen, der über den Dächern von Berlin liegt. Nur weil es nicht vergönnt sein wird, einen ebenso bunten Strauß großer, schöner Bilder zu malen. Mein Leben ist ein endloses Suchen nach überdimensionalen Farben und Formaten, die Sinn atmen. Ich finde Dies und Jenes und verwerfe alles aus der Not heraus, es besser machen zu können.
Es BESSER MACHEN KÖNNEN zu denken, ist eine Qual. In dem Ahnen von BESSER MACHEN KÖNNEN liegt ein Verhängnis, das zu kennen nur mir vergönnt zu sein scheint, wie mir in manchen, letztlich den meisten und sicherlich den sinnigsten Momenten meines Lebens bewusst wird.
ES BESSER MACHEN KÖNNEN! 
Exquisit ist nicht besser, nur Vollkommen ist Vollendung und genug!
DER WEG IST DAS ZIEL war leider noch nie meine Devise.
Wieso soll ein Weg über das VOLLENDETE gestellt werden. Nur wenn der Weg bedeuten würde, nach dem VOLLENDETEN käme wieder ein neues VOLLENDETES, wäre mir der Weg als Ziel willkommene Ziellinie. Ich bin mir im Weg und manchmal bist Du, wer immer Sie sind, im Weg. ..
(Notizen zu "GOLO, der Maler" aus "Menschenlichter im Tollhaus", 2010)




Hieraus wurde "Golo, der Maler"--->HIER

Donnerstag, 25. Juni 2020

Der wunderbare Buchanfang: XXVIII. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das seinen Blick in Abgründe taucht und für diese (nach "Akten-Einsicht") 
Formen der Sprache sucht.


Helga Schubert, JUDASFRAUEN


Ich schreibe dies am 24. November 1989. Vor 20 Tagen, als ich wie Hunderttausende meiner Mitbürger auf dem Alexanderplatz in Berlin für eine politische Veränderung demonstrierte, begann eine Veränderung zu demokratischen Verhältnissen, die lawinenartig erscheint. Die Wahrheit über die Verhältnisse der letzten 4 Jahrzehnte wird ans Tageslicht kommen. Und ich denke, auch ich als Schriftstellerin bin ermutigt, meine Mitteilungen in Zukunft nicht mehr in Parabeln zu verschlüsseln. 

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine solche verschlüsselte Botschaft, um Parabeln des Verrats.


Boncuk, der Kater, präsentiert JUDASFRAUEN v. Helga Schubert


Was die Welt im Innersten zusammenhält? Bei Helga Schubert zumindest scheint es der GEGENSATZ zu sein, das Paar, aus dem die Antipode besteht, die Polarität. Nicht aber, das sei betont, das Ganze als Einteilung in Schwarz und Weiß gedacht! Darin liegt die umwerfende Stärke dieser Erzählerin, dass sie den Grauton erkennt, diesen aber nach beiden Seiten hin verdichtet, damit im Grau das lichteste Licht und das dunkelste Dunkel erkennbar wird. Und am Ende (der Betrachtung?), so sehnt sie herbei, zeigt sich: "Alles gut".

Diese (aus tiefster Seele zu kommen scheinende) Herangehensweise an Lebensgeschichte(n), gepaart mit erzählerischem Können und souveränem Umgang mit literarischen Techniken (Montage), hat ihr nun (wie jeder weiß) den begehrten Bachmannpreis gebracht.

"Steh auf, Dir ist kein Knochen gebrochen" (Bachmann, "Das dreißigste Jahr") wurde zum "Vom Aufstehen", der Geschichte einer Tochter und der Geschichte einer Mutter. Letztere, dem Kind fast feindlich gegenüber stehend. Erstere liebend (wie Kinder das tun) und um die Liebe der Mutter buhlend. Erst die Erkenntnis, dass Liebe nur ist, wo sie ist. Und Liebe nicht sein muss, wenn sie nicht ist, lässt den Schmerz überwinden. Liebe ist da. Nur woanders. In den Armen eines Anderen. Das Kind (längst erwachsen) hat überlebt. Die Mutter bekommt, was sie sich von der Tochter schon lange gewünscht hat. Dass diese über sie schreibt. Die Gedanken sind frei. Sie schreibt der Mutter einen Liebes-Text, der auch von Grausamkeit sagt. Eine Ablehnung ist nicht hineingeschrieben. 
Dafür Annahme. Aus dem Grau blühen Blumen. 
Die heißen Gnade und Vergebung.

"Alles gut" kann nicht der letzte Satz sein, der unter den (vor über 30 Jahren publizierten)  "Fallgeschichten" der JUDASFRAUEN steht. Frauen sind nicht immer gut, liebevoll und loyal. 
Und die Frauen, um die es hier geht, sind es ausdrücklich nicht, da sie weibliche Denunziantinnen sind, die die Diktatur des dritten Reichs nutzten, um "ihre privaten Probleme zu lösen". Sei es wegen einer Belohnung durch materielle Erleichterung oder - häufiger - um sich am Liebhaber zu rächen, eine Demütigung zu sublimieren, den Neid nicht mehr spüren zu müssen oder sich endlich einmal mächtig zu fühlen. 

Ein Kapitel heißt "Judasfrauen". In dem Buch, das genau diese Überschrift übernimmt. 
In diesem Kapitel gibt es eine kleine Episode, in der die Autorin Helga Schubert mit ihrer Mutter über eben dieses Herzensprojekt streitet:
"Schreib über die Mütter, die damals mit Euch geflohen sind" sagt die Mutter.
"Warum sprichst Du eigentlich dauernd von Frauen?"

Antwort Helga Schubert:
"Mich stört die Frauenveredelung. ...
Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise. Sobald ein Mensch auf einem Sockel steht, möchte ich den Sockel zerschlagen."

Nein, die Mutter wird mit keinem Wort belastet. Helga Schubert spürt hier noch dem Bösen der allgemeinen, weiblichen Seele nach. Die Haltung der Mutter, die sich selbst im Licht eines Klischees sonnt, in sich weder das Grau und erst recht nicht die Möglichkeit des Dunkels zu reflektieren vermag, ist dann auch durchweg (bis auf Eine) die Reaktion der Denunziantinnen auf ihre spätere Anklage vor Gericht.

Schuldig ist immer der Andere: Der Denunzierte, oder der Folterer oder der Henker. Oder die Verstrickung in unglückliche Umstände hinein. Helga Schubert, die sich mehrere Jahre mit den Gerichts-Akten (der, nach dem Krieg wegen "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" angeklagten Verräterinnen) akribisch auseinandersetzte, sucht auch hier die Lösung eines Rätsels und findet oft nur die tatsächliche "Banalität des Bösen". Getragen und bestärkt freilich durch das Getriebe der Diktatur. 

Zudem: Kein Verrat ohne Vertrauen. Kein Täter ohne Opfer. 
Auch in diesen Schicksalsgemeinschaften sucht die Autorin nach Sinn. 
Letztlich nach Erlösung von Grauen.
Sie findet es hier(noch) nicht. Und doch schenkt sie Empathie und Verständnis.

"Alles gut"? Nein. 

Aber sie (er)findet selbst für diese Frauen "Die eine Geschichte, die ein jeder Mensch zu erzählen hat. Seinen Kindern, seinen Enkeln. Wenn sie groß genug sind, sie richtig würdigen zu können. Oder auch ganz fremden Menschen. Wenn die nur zuhören. Jeder Mensch hat seine wichtigste Geschichte. 
Die ihn unterscheidet von den andern, die ihn rechtfertigt, entschuldigt, erklärt."

Die Denunzierten sind allerdings, in der Realität und auch in diesem Buch, unwiderruflich zerbrochen und zerstört.
Wenn nicht gemordet, dann als Persönlichkeit erloschen. 

Die letzten Sätze des Buches (geschrieben in Richtung einer Denunziantin, mit der Schubert ein langes Gespräch führt) sind also weitaus gespaltener, als in "Vom Aufstehen":

"Die eine Geschichte.
Vielleicht muss sie die erzählen, bis eine jüngere Frau ihr einmal verzeihen kann, eine, die damals noch nicht lebte.
So eine Frau wie ich."




Mehr zum Buch z. B. HIER------>