Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"
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Dienstag, 13. September 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

...der Paganini´s-Redaktion!



Edvard Munch, "Der Schrei" @Wikimedia Commons


Ich bin nicht gewillt zu lügen, wenn ich vor dem Bild stehe und dich ansehe. Ich stehe nicht vor diesem Bild, sehe dich an, sehe dich überhaupt zum ersten Mal an und fange hier nun an, über dich nachzudenken, als würde ich nicht denken, dich gekannt zu haben. Wir lieben uns, dachten wir, wir kennen uns nicht, denke ich nun. Du stehst vor diesem Bild, mit hängenden Schultern und roten Haaren und schaust wie ein Habicht darauf und schüttelst dich. Erst zerlachst du das Bild, dann setzt du es wieder zusammen und beginnst dich erneut zu schütteln, zu schütteln vor etwas anderem, das ich nur sehen kann, weil du stattdessen viel lieber weinen möchtest. Und tatsächlich, eine Träne rinnt aus einem deiner Augen, doch du tust es nicht, du sagst es nicht. Dann kannst du es nicht mehr fest halten. Dein Gesicht nicht und das andere nicht ... halte still, halte dich fest, umklammer` dein Gesicht und 
hör´ den Schrei ...

(Notizen zu 1 Kurzgeschichte, das Bild "Der Schrei" spielt darin 1 Rolle)





Heute auf Wikipedia gelernt, dass Munch seinen Gemälden gerne einen literarischen Entwurf voranstellte. Wie z. B. diesen hier zu "Der Schrei": 
„Ich ging den Weg entlang mit zwei Freunden – die Sonne ging unter – der Himmel wurde plötzlich blutig rot – Ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand, lehnte mich an den Zaun Todmüde – Ich sah hinüber […] die flammenden Wolken wie Blut und Schwert – den blauschwarzen Fjord und die Stadt – Meine Freunde gingen weiter – ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei durch die Natur“.

Mittwoch, 7. September 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXVIIII. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, in dem die Sprache - gefundene, verbotene, verlorene und verschwiegene - als (Über-)Lebensnotwendigkeit im Mittelpunkt einer Identitäts-Suche steht. 

Herta Müller, "Der König verneigt sich und tötet"


In jeder Sprache sitzen andere Augen

In der Dorfsprache - so schien es mir als Kind - lagen bei allen Leuten um mich herum die Worte direkt auf den Dingen, die sie bezeichneten. Die Dinge hießen genauso, wie sie waren, und sie waren genauso, wie sie hießen. Ein für immer geschlossenes Einverständnis. Es gab für die meisten Leute keine Lücken, durch die man zwischen Wort und Gegenstand hindurch schauen und ins Nichts starren mußte, als rutsche man aus seiner Haut ins Leere.


Boncuk, der Kater, auf Schmusekurs mit Herta Müller


"Es ist nicht wahr, dass es für alles Worte gibt"(S. 14), schreibt Herta Müller und bringt damit vielleicht die Quintessenz dieses Buchs auf den Punkt. Nach dem Lesen will man meinen, die Aspekte der Sprache, der Wörter, des Redens, Schweigens und Schreibens seien so zahlreich, so diffizil und auch so individuell wie kollektiv zu betrachten, dass man sich fast wundert, dass Sprache hier und da tatsächlich relativ eindeutig verstanden werden kann.

Warum genau jenes Buch also lesen, das aus Essays besteht, die sich um das Thema der Sprach-Findung und der Sprach-Aneignung im Spannungsfeld von Diktatur, Dorfleben und Fremdheitsgefühlen drehen? Was haben wir Heutigen von dieser Lektüre, geschrieben von einer Nobelpreisträgerin, die im rumänischen Banat in einem deutschsprachigen Dorf aufwuchs, die Repressalien einer kommunistischen Diktatur überlebte, in die BRD ausreisen konnte und hier zu großen Ehren kam? Warum nicht gleich zu einem ihrer Romane greifen oder noch lieber zu ihren verspielten Collagen? 
Dass sie ein Sprachgenie ist und Wortneufindungen zu ihrem poetischen Ausdruck gehören, erlebt man tatsächlich hautnah in diesen explizit literarischen Werken. Wohl wahr. So sehr wir, die Paganini´s-Redaktion, all diese Bücher von Herta Müller bewundern, so sind wir doch insbesondere von dem Essay-Band "Der König verneigt sich und tötet" beeindruckt, gefesselt sowie beseelt worden.
"Jeder, wirklich JEDER, der selber schreibt oder sich mit Sprach-Ausdruck reflektierend beschäftigt, MUSS dieses Buch gelesen haben." (Zitat von Redaktions-Chef Boncuk, dem Kater, in der Redaktions-Konferenz zum Thema)

Die hier gesammelten Vorträge oder Essays sind über 20 Jahre alt. Selbst wenn man die ungemein selbstkritische Auseinandersetzung mit den Wörtern, ihren Grenzen sowie ihren Möglichkeiten als zeitlos benennen könnte, so legen wir diese Sammlung hiermit ans Herz, weil die darin erörterten Fragestellungen derart aktuell in heutige Diskurse verweisen, dass es uns wirklich die Sprache verschlug. 

Bekannterweise leben wir in Zeiten, in denen einzelne Worte und das Sprechen über die/den Anderen sehr genau unter die Lupe genommen werden. Wir leben auch in Zeiten, in denen das politisch-gesellschaftliche System namens "Demokratie"  mal kriegerisch von Außen oder von Innen heraus angegriffen wird. Demokratie steht auf einmal zur Disposition, in ihrer Integrität mal bezweifelt, in ihrer Einflussnahme auf den Einzelnen kritisch beäugt. In der Literatur wiederum wird nach dem "Top-Aktuellem", dem "Relevanten" gerufen. Autofiktionales Schreiben ist en vogue, stellt die Autor*innen allerdings vor die Problematik, Faktizität und Fiktion in eine Einheit zu bringen, bei der die Autor*innen sowohl im Buch verschwinden,  als auch außerhalb dessen bleiben. 

Inspiration für gelungene, nicht einfache Antworten auf diese (und andere) Fragen rund um Sprache, Sprechen und Schreiben finden sich in "Der König verneigt sich und tötet", in dem eine Frau, versehrt durch - fast nur metaphorisch wiederzugebende - Grausamkeiten einer kommunistischen Diktatur, in das Land ihrer Muttersprache (Deutschland) flieht und sich hier in einer "Fremde" wiederfindet. Insofern sind die Essays autobiografischer Natur. Die Fremdheit erlebt Herta Müller vorrangig da, wo ihre Erfahrungen zum "fremden Blick" geworden sind, der kaum vermittelbar scheint. Die Leere, die Kluft zwischen Sagbarem und "erfahrener Wirklichkeit", füllt sie mit Umschreibungen, Wortschöpfungen, Metaphern, Collagen - kurz - mit all ihrem literarischen Vermögen. Oder aber sie schweigt, weil ihr sowieso keiner glauben würde: "Wenn wir schweigen, werden wir unangenehm - wenn wir reden, werden wir lächerlich"(S.74).

So riesenhaft der Schatz ihrer Ausdrucksmöglichkeit auch sein mag, genau so illusionsfrei appelliert sie immer aufs neue, die Grenzen der Worte zu (be-)kennen: "Nachdenken, Reden, Schreiben sind und bleiben Behelfsmäßigkeiten, das Vorgefallene treffen werden sie nie, nicht einmal ungefähr." (S. 136)

Ein Buch, das wir so rasch nicht mehr aus der Hand legen werden!


Mehr zu "Der Köing verneigt sich und tötet" --->HIER

Sonntag, 28. August 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

 ... der Paganini´s-Redaktion!


Paul Klee, Der Bote des Herbstes @CC

Ein Blatt fällt vor meine Füße. Von ganz weit oben. Kein vergoldetes Blatt. Kein Blatt mit Noten darauf. Ein Blatt wie ein Blatt nur, sonst nichts. Ein Blatt, sanft getragen aus unendlichen Höhen, hinab in meine Tiefen. Unselige Tiefen? Immerhin ist da ein Blatt, das vor meine Füße fällt. Ich kann drauftreten, darauf herumtrampeln, einen widerlichen Feixtanz des endlosen Lamentierens veranstalten, das Blatt verfluchen, weil ich auf dem Blatt hätte ausrutschen können. Ich kann die Fäuste ballen und gen Himmel richten, mich tatsächlich mal so richtig schön in meiner entsetzlichen Wut austoben und doch werde ich das Blatt nicht klein kriegen. Denn kaum ist es pulverisierte Erde unter meinen Schuhsohlen, kaum fühle ich mich mächtig, in meinem gedemütigten Sein, schon fällt ein neues Blatt auf meinen großen Zeh herab. Welch Hohn, welch göttliche Unverschämtheit will mich da foppen? Und doch kann ich das Blatt erkennen, seine zarten Adern im Gelbrot der faltigen Haut schimmern sehen, Adern wie ausgetrocknete Flüsse im brach liegenden Land, wo einst die goldenen Ähren wuchsen. Adern, durch die der Saft floss, der mich selbst durchpulst. Ich stehe wie angewurzelt im Bann eines Blattes, das aus unendlichen Höhen fiel, hinab zu mir, wie Staub zu Staub, wie Leben zu Leben, wie Wetter zur Erde, wie Du zu mir, damals, als ich den Engel sah.



"Vorfreude" der Paganini´s-Redaktion auf den (wievielten?) kommenden, hitzigen Herbst in Deutschland!

Samstag, 13. August 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

 ... der Paganini´s-Redaktion!


Paul Klee, Engel @CC


Dann sagst Du zu mir, als Du Dich im Wind wiegst wie ein dürrer Baum, dass Du nun los müsstest, fliegen, irgendwohin, wo Du neu sein könntest. Und ich rufe, Du kannst ein Windrad werden, das steht fest, das kann bleiben und bewegt sich doch im Himmelsblau, ganz so als habe es Flügel. Er beginnt mit weit ausholenden Bewegungen seine Arme zu kreisen, wie ein Fuchteln sieht das aus, kreisförmig angedacht doch nicht konzentriert umgesetzt, er hebt dazu ein Bein, winkelt es an, der Fuß des Linken am Schienbein des Rechten und wackelt, wackelt, wackelt bis er fast stürzt und die Figur auflöst, um nicht zu fallen. Nur noch hängende Arme an hängenden Schultern, herab hängend an der traurigen Gestalt, die kein Ritter mehr sein möchte. Hängend seine Mundwinkel, hängend seine Augenlider, hängend sein Kopf, hängend und müde mein Liebster, mein Gefährte einer kurzen, flattrigen Zeit und ich fächele ihm Wind zu, blase meine Backen auf und puste, was das Zeug hält, sehe zu, wie ihm ein Flügel wächst und dann noch einer, der zweite nämlich und winke, winke, winke zum kleiner werdenden Punkt am Horizont.




Dienstag, 2. August 2022

Der wunderbare Buchanfang: XXXVII.Teil!

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, waghalsig und verblüffend, wie die Katze im Sprung. 

Brigitte Kronauer, "Die Tricks der Diva"


Im Gebirg`


Hornochse! Das böse, sehr böse Wort. Immerhin ist Schluß mit der Stolperei. Er hat die tückischen Baumwurzeln hinter sich. Zwischen den Felsbrocken, auf dem steilen, aber sonst ganz braven Weg darf er sich fühlen wie ein Tier, das für seine lauernden Muskeln endlich Auslauf bekommt, der kleine Lackaffe.


2 Diven unter sich: 
Bon Boncuk, der Kater, präsentiert B. Kronauer


Allein der Titel "Die Tricks der Diva" würde uns, der Paganini´s-Redaktion, genügen, um vor Begeisterung das Schnurren im Chor zu beginnen. Und dies kleine Buch, voll mit sehr kurzen Kurzgeschichten, hat wahrlich noch vieles zu bieten, das diese Titel-Entzückung ins Unendliche potenziert. Dazu nämlich ein zweites, kleines Buch, voll mit ebenso kurzen Kurzgeschichten, genannt "Die Kleider der Frauen". 

Darinnen, in diesen beiden Sammlungen kurzer, präziser, unvergesslicher und unglaublich glaubwürdiger Geschichten, finden sich weitere Überschriften, die zum Hinknien schön, schon als Titel wie Miniaturen zu lesen sind: Zum Beispiel "Stille mit finsterer Figur" oder "Wirre Witwen, wissende Witwer" sowie auch "Fräulein Welziehn im Reich der Fische".

Die konkrete, schillernde, Fantasien anregende und gleichsam sich klaren Vorstellungen entziehende Wirkung, findet sich ebenso in der literarischen Ausmalung der dazu gehörigen Short-Story wieder. Nichts scheint gesichert, der Leser oder die Leserin fühlen sich in der ständigen Gefahr, aufs Glatteis geführt zu werden, das eigentlich (bei genauer Betrachtung) überhaupt nicht (und nie) vorhanden war. Ätschbätsch! Freut sich die Kronauer in ihrem Schreiben. Ätschbätsch! Ich bin doch gar nicht so böse (wie IHR denkt!).

Schaurig-schön zeigt sich ein unterschwelliges, nicht zu erklärendes Grummeln in den gesammelten Geschichten der "Tricks der Diva", das wie ein heranziehendes Gewitter eine Spannung in der  Atmosphäre, im Ton der jeweiligen Erzählung entstehen lässt, aus dem sich weder Leser noch Protagonisten befreien können. Auch dieses deutet sich nur an und entlädt sich nicht wirklich. 
So sind sie, die feinen (abgefeimten) "Tricks". Artifiziell wie die Natur (das Leben). Nicht greifbar hinein ziehend in dieses Irgendwas und im Irgendwo ausspuckend, als sei nichts passiert.

Ein Blick in den Spiegel genügt dann manchmal. "Mir würde gefallen, wenn man die Sammlung als sehr lückenhafte Biographie in autobiographischer Form über eine gewisse unzuverlässige Rita lesen würde." "Die Kleider der Frauen" sind mehr als nur Beiwerk. Sie zeugen von Charakter.
Nicht nur von "Ritas" aufsaugenden und wieder ausspuckenden Blicken, sondern auch vom "Charakter" des Angedeuteten, des Erinnerten einer Begebenheit. Alles changiert wie ein seidener Stoff, die Finger gleiten darüber, benommenes Schwelgen setzt ein - schon ist es wieder vorüber - und fast ist nichts gewesen.

Brigitte Kronauer beherrscht die Tricks der Literatur par excellence und weiß um sich. Als Meisterin einer Sprache, die sich was traut und dennoch so lässig bleibt, wie der Kater beim Anblick einer - sich in Sicherheit wähnenden - Maus.

Unbedingte Lese-Empfehlung!


Mehr zum Buch --> HIER

Freitag, 1. Juli 2022

Aus der wunderbaren Kladde ...

... der Paganini´s-Redaktion!


Derweil


Und derweil ich sterbe,
werden die Weichen im Gras,
damit ein Zug seine Richtung
kennt, liegen (schlafen und träumen vielleicht!),
derweil die Vögel zwitschern, derweil ein neuer
Tag hereinbricht (über unser aller
Köpfe herein bricht), derweil
die Wecker schellen, derweil eine
Tür ins Schloss fällt, derweil
eine andere Tür sich öffnen will.
Geschäftigkeit. Ihr Alle.
Ich auch.


Comenius-Garten in Rixdorf bei Dämmerung



#1000Tode

Donnerstag, 16. Juni 2022

Der wunderbare Buchanfang: Teil XXXVIII

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, in dem es um Tod und Leben geht. 

Dieter Wellershoff, "Blick auf einen fernen Berg"


DIE TODESNACHRICHT


Auf der Todesanzeige meines Bruders stehen zwei Zeilen eines Gedichtes, das ich vor vielen Jahren geschrieben habe. H., die Lebensgefährtin seiner letzten Jahre, hat den Text für ihn ausgewählt:
Tod mit seinen schwarzen Lippen
trägt in der Hand eine singende Amsel.
Eigentlich war das immer mein Text gewesen, mein persönlicher Glaubenssatz, allen meinen Erfahrungen eingeritzt wie eine geheime Signatur. Aber mein Bruder war vor mir gestorben, obwohl er jünger war. Es war die falsche Reihenfolge. So fand ich, daß ich ihm den Satz überlassen mußte.


Pati, das Katerchen, bei der Lektüre v. D. Wellershoff


Es kommt nicht so oft vor, dass wir, die Paganini´s-Redaktion, ein Buch in die Hand bekommen, morgens (noch vor Beginn der Arbeit) zu lesen beginnen und es erst spät in der Nacht aus der Hand legen, nämlich dann, wenn der letzte Satz in uns verklungen ist. Natürlich ist es ganz genau so, auch  diesmal, nicht zugegangen (dazwischen mussten wir hier und da ein wenig werkeln), doch tendenziell eben schon. Und das will was heißen!

 "Blick auf einen fernen Berg" ist, auch weil autobiografisch, nicht das sprachlich kunstvollste Buch von Dieter Wellershoff, es wimmelt von Wiederholungen in den 9 Kapiteln, aus denen diese Schilderung eines qualvollen Sterbens des jüngeren Bruders besteht. Doch es ist eines seiner intensivsten, gerade weil intimsten, Bücher geworden. Dies vorab.

Thematisch beschränkt sich der Autor auf die Skizzierung des Lebens des Bruders, der nie die Wonne eines genussvollen Hier und Jetzt kennen lernen konnte, sondern sich, immer gehetzt und getrieben, auf ein fernes, unbedingt zu erreichendes Erfolgs-Ziel  hin bewegte, das er verschwommen in baldiger Zukunft vermutete. Kurz vor Erreichen einer dieser anvisierten Ziel-Linien, die allerdings weitere Kraftanstrengungen nach sich gezogen hätte, gibt der Tod mit Nachdruck "seine Visitenkarte ab". Der Bruder ist erkrankt, ihm bleiben unbehandelt 2 Wochen an Leben oder die Tortur von 3 Chemotherapie-Behandlungen mit ungewissem Ausgang. Der Bruder entscheidet sich für diesen letzten "Versuch". 

Dieter Wellershoff, der 5 Jahre ältere, inzwischen längst berühmte Schriftsteller, erfährt von der niederschmetternden Diagnose und besucht den Bruder, der einem Spielsüchtigen ähnelnd, mal als millionenschwerer Unternehmer auf der arbeitsreichen Sonnenseite lebte, bald aber durch riskanteste Geschäfte Armut und Ansehens-Verlust ertragen musste. Gerade hat er sich wieder einen Namen in seiner Branche machen können, eine neue Lebenspartnerin gefunden (sich allerdings durch den Bau einer exklusiven Wohnung und eines absurd luxuriösen Büros bereits wieder in Schwierigkeiten bugsierend), da finden die Ärzte den Grund seiner körperlichen Schwächeanfälle: Leukämie im Endstadium. 

Im Mittelpunkt des Berichts stehen nun die Begegnungen der Brüder angesichts dieses schicksalhaften Einbruchs, meistens in der Klinik und am aseptisch weißen Bett des Kranken stattfindend, der sich psychisch zwischen Phasen aus Hoffnung, Verzweiflung, Verdrängung und Wut bewegt. Auf der anderen Seite befindet sich Dieter Wellershoff, ringend um Fassung und taktierende Konversation, zerrissen zwischen brüderlichem Mitgefühl, Schuldgefühlen und Zorn. Zwei Geschehnisse sind bezeichnend für die Nähe und gleichzeitig die unterschwellige Feindschaft der Brüder. 

Der erste Krankenbesuch endet mit einem Nervenzusammenbruch des Erkrankten, da der "große Bruder", angesprochen auf seine Rede bei einer Preisverleihung, mit den auftrumpfenden Worten "Ich habe rauschenden Beifall bekommen" antwortet. Schmerzhaft der Ausbruch tiefsten Neids des Bruders, verräterisch allerdings auch, Wellershoffs prahlerische Formulierung. Hier zeigen sich tiefe Rivalität, mangelnde Empathie oder Entfremdung.
 
Eine fast mystisch anmutende Verbundenheit offenbart sich dagegen, als Dieter Wellershoff genau in dem Moment (weit entfernt vom Sterbenden) die partielle Erblindung seiner Augen erfährt, als die Brille des Jüngeren im Krankenzimmer nicht mehr auffindbar ist und dies so bleiben wird. Allerdings wird die Brille zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr gebraucht werden. 

Die Widersprüche dieser Beziehung finden sich gespiegelt in der Erwähnung der äußeren, fast zwillingshaften Ähnlichkeit der Beiden, bei großen Unterschieden in Lebensausrichtung und Begabung. Letztlich entdeckt Wellershoff eine Um-Schreibung der Geschichte von "Kain und Abel" in seiner komplizierten Bruderschaft. So brillant Wellershoffs psychologische Zeichnungen auch sind, in diesem autobiografischen Werk bleibt er weit schamhafter und unkonkreter in  der Benennung biografischer Details oder Rollen-Prägungen der Kindheit, als in seinen fiktiven Romanen üblich. Im krassen Gegensatz zu dieser Diskretion erstaunt allerdings eine ungezähmte, nichts beschönigende Offenheit bezüglich der eigenen Gefühlswelt angesichts des Sterbenden. Auch in der größten Erschütterung durch den Tod des Bruders, kämpft er für sich und sein Glück, indem er den inzwischen Toten nahezu zwingt, ihn, den Lebenden, los zu lassen.

Durch das immer tiefer werdende Dunkel des Todes, der das Individuum unvermeidbar am Ende um alles beraubt, tritt das LEBEN für den Autor immer heller und unverstellter in den Vordergrund. Er darf weiter leben, welche Gnade, angesichts des endgültigen "Scheiterns" des Bruders. Es ist eine reine (amoralische) Wucht, mit der diese Erkenntnis in diesem Buch wütet oder beglückt und die das Buch zu einer gnadenlosen, doch in tiefster Tiefe berührenden Lektüre werden lässt.

Jeder, der bereits durch Erfahrungen mit dem Tod gezeichnet wurde, wird sich (mal auf der einen, mal auf der anderen Seite) wiedererkennen. Der Tod ist von Anfang an nur aufgeschoben, am Ende sicher. Das Buch macht das nicht zwingend tröstlicher. Dafür auf ergreifende Weise greifbar. 

Große Lese-Empfehlung!


Mehr zum Buch ---> HIER