Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Mittwoch, 29. August 2012

Protokoll-aus-Schnitt

"Menschenlichter im Tollhaus": Felix im Glück. Protokoll V.

Erwin Olaf by Marjolein Benard @ flickr


Felix im Glück


Unsanft lande ich in der Matrix einer Person, mit der ich verschmelze und die Felix heißt.
Felix ist ein jung gebliebener Fünfziger.
Felix, so weiß ich als Felix, heißt Glück.
Ich bin also Felix und laufe an einem Bahndamm entlang. Hüpfenden Herzens laufe ich seit zwei Stunden den Bahndamm hinauf und hinunter und schreie mein Glück in die Dunkelheit einer anbrechenden Nacht, die mir wunderbar zu sein scheint.
Das Leben drückt manchmal schwer und manchmal möchte man den Hut in die Luft werfen und einen Looping kreisen machen und vor Glück schreien.
Das Leben tut heute weh vor lauter Freude.
Ich habe es geschafft!
Ich habe das Buch geschrieben, das ich habe schreiben wollen. Ich habe es an einen Verlag geschickt und ich habe das Buch zur Verwirklichung preisgegeben, wie ich mich, ein Jahr hindurch, an das Buch gegeben habe.
Das Buch ist im Dämmerlicht geschrieben, symbolisch betrachtet, es beobachtet Menschen im Dämmer ihres So-Seins. Es schmeichelt den Menschen nicht durch Kerzenschein. Es zeigt Ihr Leben im dämmrigen Schattendasein  und ich bin, wie ein anderer  Großer auch, der Ansicht, dass Dämmer die einzig wahre Menschheitsbeleuchtung ist!
Im Übrigen bin ich schon immer ein Dichter gewesen, ein Dichter der Menschheit, wie ich mich insgeheim von jeher nenne, kein Humanist übrigens und kein Gutmensch, aber ein exzessiver Menschheitsdichtermensch!
Und doch verbringe ich, die meiste Zeit meines alltäglichen Daseins, in einem ganz spießbürgerlich zu nennenden Beamtendasein, schließlich verdiene ich mein Geld als  Lehrer, an einem der letzten  humanistischen Gymnasien dieser Stadt. Ich bin ein guter Lehrer, ich bin auch gerne Lehrer, aber das Lehrerdasein ist ausschließlich zum Schutze meiner Dichterseele vorhanden.
Solchermaßen schätze ich die Struktur meiner Fassade und dichte mehr oder weniger in gestohlenen Dämmerlichtstunden. In den Clubs und Zirkeln der pulsierenden Orte der Stadt, bin ich dennoch ein Bekannter und auch schon irgendwie Anerkannter, weil an mancher Stelle mit Kultverdacht Bedachter.
Als Juliana, vor drei Jahren, aus dem Fenster des fünften Stockes gesprungen ist, war ich seltsam gefasst gewesen, zunächst, dann seltsam ergriffen und danach tatsächlich verzweifelt.
Jetzt, wo ich vor Glück platzen möchte, sprechen meine Lippen, im Takt meines Herzens, zu der toten Juliana.
Juliana ist Musikerin gewesen und sie hat sich eine Zeit lang, mit Tremolo und Tango in der Stimme, in die Herzen der Stadt gesungen, bis ihr Stern zu sinken begann.
Sie konnte auch klassisch. Als sie mir, in einem nach Parfum duftenden Privatkonzert, ein Lied aus Schuberts Winterreise gesungen hat, ein Lied, das eigentlich einer Männerstimme zugeschrieben wurde, und
“diese Straße musst Du gehen, die noch keiner ging zurück, die noch keiner ging...”
mit diesem Blick, den sie mir während dieser Zeilen geschenkt hatte, zu ihrem eigenen Lied gemacht hat, spätestens da hätte mir die ungemein ungestüme Dramatik ihrer Seele bewusst sein müssen.
“Der Mensch ist frei!”, habe ich wütend gedacht, als sie mich angerufen hat, mitten in der Nacht, um mir mitzuteilen, was sie nun in die grausige Tat umzusetzen gedenke.
“Der Mensch ist frei, in seinen Gedanken und in seinen Erfindungen!”
Von diesem Gedanken bin ich auch heute, im Hier und Jetzt  am Bahndamm laufend und letztlich glücklich in meinem Erfülltsein, überzeugt.
„Der Mensch ist frei, wenn er weiß, dass er sich stetig erfindet, zwischen der Leere und der Möglichkeit des Gedachten. Du bist frei“, dachte ich, „solange Du nicht gesprungen bist!“
Aber sie ist gesprungen und sie war frei. Sie ist gesprungen, weil sie sich mit sich selbst und ihrer Dramatik so identifiziert hat, dass sie sich für schlüssig halten musste, in Ihrem Tun und sie war dennoch frei, wenngleich sie ihre Freiheit schon lange vergessen hatte.
Aber sie hätte den Sprung aus dem Fenster ihres Hauses sein lassen  können. Sie hätte ihren Wunsch, mich und die Welt zu bestrafen, für unseren Mangel an Konsistenz der Anerkennung, auflösen  können. Aber sie wollte es nicht sein lassen. Sie lebte ja auf, in ihrem letzten, selbst geschriebenen Kapitel des Lebensbuches.
Ich laufe und laufe die Bahngleise entlang und lobe mein Lehrerdasein.
„Ja, ich sei eine gespaltene Existenz“, hat sie mir an den Kopf geworfen, „ja, das sei ich!“
Das  bin ich aber nicht.
Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben.  Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion!
Sie ist doch eine Künstlerin gewesen, sie hätte doch wissen müssen, wie wir das ICH zeichnen und stricheln, im ewigen Wunsche und doch immer versagen werden, wenn wir glauben, das sei das Fatum und Faktum.
Ich bin heute glücklich, weil mein Buch veröffentlicht werden wird und doch werde ich schon Morgen neu anfangen, in meinem Ringen um mich selbst.
Ich werde den Lehrer in mir bekämpfen müssen und den geschmeichelten Dichter nur kurzfristig geschmeichelt sehen, um den Sturz von Juliana, aus ihrem Fenster, als Dichtender neu zu erfinden. Doch sie wird triumphieren, in ihrem auf immer und ewig Tot-Sein!
Ich werde, nach einer Woche  des glückseligen Ausruhens auf meiner Dichtung, die neue erste Zeile formen und wissen, sie ist nichts und doch groß, wie alles und jedes nichts ist und groß. Aber frei, frei, frei und immer in der Schuld!
Gott sei mir gnädig!
Ich liebe sie auch heute.
Nur heute liebe ich sie! Aber Gott sei mir gnädig!
Ich stolpere, stürze fast, aber ich stehe auf, fange meinen Hut aus der Luft wieder auf und gehe weiter am Bahndamm entlang und wachse nicht mit jedem Schritt, aber weine.
Meine Seele singt ihren Chanson, den sie für mich geschrie-ben und komponiert und gesungen auf CD gepresst hat.
 Ich habe diese CD einen Tag nach Ihrem Fenstersprung in einem Kuvert in meinem Briefkasten vorgefunden.
Es ist ein ganz alberner Chanson, ein Zeugnis ihres schwin-denden Talentes:

Als der Nebel niedertropfte, die Nacht sich Schleier angelegt,
 ich den Spiegel sehen wollte, dich dort nicht mehr sah! Wie sonderbar, wie sonderbar, es war doch einmal wunderbar..!
Als die Sonne Wunder hoffte, der Mond sich Kleider umgelegt,
 du mir meine rauben wolltest, ich sah mich so nah!  Wie wunderbar, wie wunderbar, doch so fremdlich sonderbar..!
Als der Regen Wolken suchte, Schutz sich ausgesucht, IchDu in den Pfützen hüpfend, Füße mit den Flügeln schlugen!  Wie wunderbar, doch sonderbar,
 so sonderbar und wunderbar..!

Als die Flügel nicht mehr winkten, warst Du doch nach Haus gegangen,
 mich hast Du nur fast gefangen, 
(zu) früh mich vergessen, dann und wann! Wie sonderbar, wie sonderbar, es ist noch immer wunderbar….!

Juliana ist tot gewesen und ich habe diese Zeilen, von ihrer Stimme, vorgeträllert bekommen. Sie ist eine dumme Person gewesen. Nichts weiter!
Ich ziehe den Hut ins Gesicht. Er hat seinen Looping gehabt.
Das soll für heute genügen!
Aus der Ferne höre ich den Zug heranrollen.
Keine Angst! Mich kriegt er nicht!





Die Story gibt es hier: AMAZON





Donnerstag, 23. August 2012

Das wunderschöne Bild!

Sammlung Marx und Hamburger Bahnhof präsentieren.....:

Foto

  Matthew Barney und Körper hinter Glas!

Bilder wie luzide Träume, wie Paradiesfische im Aquarium, wie Trauben, die zu hoch gehängt wurden, wie weiße Laken, denen Flügel...!

Paganini, der Kater, in der Redaktionskonferenz:
Kinder, wann hat dies Trauerspiel ein Ende...! 
Wenn die Metaphern ausgehen, fällt gewöhnlich der Vorhang...!

Chorus der Redaktion:
Wo die Metaphern fehlen, schmachten dicke, schwarze Kater im Tierheim!


Hamburger Bahnhof schreibt:

Mit den Werken der Sammlung Marx wurde der Hamburger Bahnhof im Jahr 1996 eröffnet. Seitdem gehört die Sammlung des Berliner Unternehmers Dr. Erich Marx zum festen Inventar des Museums. Herausragende Werke von Künstlern wie Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol haben die Sammlung international berühmt gemacht. Zahlreiche Werke dieser Künstler sind permanent ausgestellt. Die Bleiarbeiten von Anselm Kiefer und insbesondere der große "Mao" (1973) von Andy Warhol können geradezu als Signets des Museums gelten. Die Sammlung Marx ist eine unbefristete Dauerleihgabe an die Nationalgalerie und wird von den Kuratoren des Museums in wechselnden Präsentationen vorgestellt.
Im Zentrum der Sammlung Marx steht der Fokus auf fünf große Künstlerpersönlichkeiten des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Joseph Beuys, Anselm Kiefer, Robert Rauschenberg, Cy Twombly und Andy Warhol. Von diesen fünf Künstlern kann die Sammlung umfassende Werkkomplexe vorweisen, die es erlauben, die jeweilige künstlerische Entwicklung vom Frühwerk bis in ganz aktuelle Arbeiten nachzuvollziehen. Einige dieser Werke stehen für gänzliche neue künstlerische Wege und können in diesem Sinne als Schlüsselwerke in der Kunstgeschichte nach 1960 gelten: etwa die frühe Collage-Arbeit "Pink Door" (1954) von Robert Rauschenberg, das verdoppelte Starbild "Double Elvis" (1963) von Andy Warhol oder auch die "Straßenbahnhaltestelle" (1989) von Joseph Beuys.
Neben diesen Werken ausgehend zeichnet sich die Sammlung Marx durch einen großen Schwerpunkt amerikanischer Künstler aus: Bedeutende Werke von Dan Flavin, Donald Judd, Roy Lichtenstein und Bruce Nauman verdichten den Blick auf künstlerische Entwicklungen der 60er und 70er Jahre. Spätere Pop-Nachfolger wie Keith Haring oder Jeff Koons finden sich darüber hinaus ebenso in der Sammlung wie die subtilen Fotoinszenierungen von Cindy Sherman oder die stark körperbezogenen Arbeiten von Matthew Barney.
(http://www.hamburgerbahnhof.de)



Montag, 13. August 2012

Leinwand-Tier:

Marlon Brando!



Unnachahmlich: Der wiegende Gang. Die Körperlichkeit. Die animalische Präsenz. Die lauernde Erotik.
Die Trägheit der Bewegungen. Das scheinbar zufällige Streifen seiner Finger über Kinn und Hals.
Das Unberechenbare seiner Sanftmut. Der verhangene Blick.
Dahinter: Die grausame Wachsamkeit. Sein plötzlicher Sprung in die Aktion.
Dann wieder: Das einschläfernde Nuscheln.
Einer, der seinem Instinkt folgt.
Nichts bringt einen Körper so zur Geltung wie der Körper.
Nichts bringt Marlon Brando so zur Geltung wie Marlon Brando.

Das ganz große Leinwand-Tier des amerikanischen Kinos!



Wikimedia Commons

Aus Wikipedia:
Marlon Brando, Jr. 
Mit seinen Rollen in den Filmen Endstation Sehnsucht (1951) und Die Faust im Nacken (1954) verschaffte er der Schauspieltechnik des Method Acting weltweit Beachtung. Sowohl mit seiner Art der Darstellung als auch durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Außenseiter, den die Spielregeln Hollywoods nicht interessierten, beeinflusste er die jüngere Schauspielergeneration nachhaltig.
Zwischen 1952 und 1990 war er siebenmal in der Kategorie Bester Hauptdarsteller und einmal als Bester Nebendarsteller für den Oscar nominiert, zweimal (1955 und 1973) gewann er ihn. 1973 verweigerte er die Annahme der Auszeichnung für seine Titelrolle in Der Pate aus Protest gegen den Umgang der amerikanischen Filmindustrie mit den Indianern. Weitere Auszeichnungen erhielt Brando bei internationalen Filmfestivals, unter anderem 1952 in Cannes und 1989 in Tokio.[1]
In einer 1999 veröffentlichten Liste des American Film Institute, auf der die 25 maßgeblichsten männlichen Filmlegenden aller Zeiten aufgeführt werden, nahm er den vierten Rang ein.


Paganini, der Kater, nuschelnd, geschmeidig schaukelnd um die Ecke schleichend, hinein ins Redaktions-Büro:
Ich bin klein, ich bin dick, ich bin schwarz. 
Aber: Mein Name ist Marlon!

Und leger kratzt er sich mit der Hinterpfote das Kinn.

Sonntag, 12. August 2012

Neulich - Nein, nicht nachts...

...trafen Wir:


...einen Herren, mit aufgespanntem Regenschirm. Es regnete aber nicht.
"Sie brauchen keinen Regenschirm mehr", sagte ich.
Der Herr ging weiter!

Eine Viertel Stunde später traf ich eine Dame, den Schirm in der Hand schaukelnd,
bei Schnürl-Regen am Nachmittag.
"Sie sollten den Schirm öffnen", sagte ich. 
Sie öffnete ihn nicht!


Mir wurde klar: Wenn eine Spießerin auf Souveräne trifftt...,
...dann regnet es, oder regnet es nicht!









Und was sagt uns der Blödsinn?
Nichts bis Gar Nix!!!

Aber: Nixen gibt es!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


















Mittwoch, 8. August 2012

Perspektiven. Literatur!

In loser Folge setzt sich Paganini´s nun mit einem neuen Themenkreis auseinander:

"Literatur aus differenten Perspektiven betrachtet"!

Mal seh´n, was dabei rauskommt!

Heute: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!" (Max Frisch, Montauk)

Ist sie das?
Ist die Wahrheit in der Literatur zumutbar?
Und: Was ist Wahrheit in der Literatur?
Und: Für WEN ist sie zumutbar?
Und: Für WEN erscheint sie dennoch NICHT zumutbar?

Bleiben wir bei Max Frisch. Er schreibt mit seinem "Montauk" etwas auf, das er Erzählung nennt.
Gleichzeitig bekennt er aber: "Ich möchte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden."
"Montauk" ist also ein Unternehmen aus der Gattung des Fiktiven, welches das real Erlebte zum Inhalt nehmen will.

Der Inhalt:
 Max Frisch schildert sein Wochenende auf Montauk mit Lynn, einer dreißig Jahre jüngeren Amerikanerin. Er hat sie auf einer Lesereise kennengelernt. Er, der alternde, berühmte und wohlhabende deutsche Schriftsteller, nimmt diese Episode zum Anlass, vergangene Erfahrungen, Gefühle und Liebesgeschichten assoziativ Revue passieren zu lassen.
Seine beiden Ehefrauen finden ausführlich Erwähnung, ebenso seine Liebe zu Ingeborg Bachmann.

Indiskretion über Indiskretion ließe sich da erhoffen, wäre die Wahrheit eines Schriftstellers nicht die besondere Wahrheit der Wahrnehmung eines Schriftstellers!

Der Inhalt:
Die Beschreibung von Gefühlen.
Aber: "...der Schriftsteller scheut sich vor Gefühlen, die sich zur Veröffentlichung nicht eignen; er wartet dann auf seine Ironie: seine Wahrnehmungen unterwirft er der Frage, ob sie beschreibenswert wären; und er erlebt ungern, was er keinesfalls in Worte bringen kann. Diese Berufskrankheit des Schriftstellers macht manchen zum Trinker!"

Wirklichkeit ist das Eine, "der Rest ist Kunst, Kunst der Diskretion sich selbst gegenüber"!

"Ich habe nicht mit Dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, 
dass Du über mich schreibst"!

So zitiert Max Frisch seine zweite Frau und schreibt über sie.
Und über sich selbst.
Seine Frau hat ihn lange vor "Montauk", dieser Erzählung, in der nichts Erfundenes stehen soll, mit dieser Anklage konfrontiert.
Damals hat er Romane geschrieben und seine Bezugspersonen (im oberflächlich betrachtet) rein Fiktiven verstecken können.
Sie  erkennen sich dennoch, in der einen und der anderen Facette einer Protagonistin.

Seine Tochter schreibt irgendwann ein eigenes Buch, um das Trauma "schreibender Vater" zu verarbeiten, berichtet von dem Schrecken und der Stigmatisierung, das durch die niedergeschriebene Wahrnehmung des Vaters (seiner inneren und äußeren Welt sowie seiner Haltung zur umgebenden Welt) hervorgerufen wird.

Und Max Frisch amtwortet auf eben solche Vorwürfe mit "Montauk".
"Sie wird gebraucht, unsere Schuld, sie rechtfertigt viel im Leben anderer".
So Frisch. In einem Kapitel über die Tochter.

"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!"
Ist sie das?
"...sondern weil man, um sich überhaupt zu erkennen, ein imaginäres Publikum braucht, veröffentliche ich.
Im Grunde schreibe ich aber für mich selbst...!"

Die Wahrheit ist sich selber zumutbar!
Und damit auch jedem Anderen...!?








Paganini, der Kater, hat Marcel Reich-Ranicki in die Redaktionskonferenz geladen
und überlässt diesem den Abschluss-Kommentar:
Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen!

...zur vorangegangenen Folge v. Perspektiven:Literatur



Mittwoch, 1. August 2012

Protokoll-aus-Schnitt!

"Menschenlichter im Tollhaus": Klaras Gedanke. Protokoll II.


Exposición Erwin Olaf - Foto: Solange Moraga C.q flickr




Klaras Gedanke

Ich bin nun in Klara.

„Schwarz wird die Sonne, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen Sterne“.

Diese Zeilen träumte ich, auf meiner Reise in Klara hinein.

Ich wusste, dass erneut ein Ego mich erwartet, das mich in sein Menschenlichtleben zieht.
Unentrinnbar in seiner Intensität, wie ein Wort!
Ich erwache in Klara und ich verschmelze
mit Klara, in bereits bekannter Selbstauflösung. 
Ich bin Klara, ich bin 38 Jahre alt und obwohl meine Bografie mit meiner Geburt begonnen hat, bin ich in einem Leben gefangen, das vor einem dreiviertel Jahr, mit einem Gedanken, seinen Anfang nahm.
Ich weiß nicht, woher der Gedanke gekommen ist.
Er war einfach an diesem Tag da und hat sich in meiner Seele ausgebreitet wie ein Zwang.
„Ich werde für mein Glück büßen müssen“, habe ich gedacht.
Ich bin auf dieser Straße gelaufen. Ich hatte einen knöchellangen, schwingenden, taubengrauen Leinenrock an. Ich bin von einer Freundin gekommen. Ich hatte ihren kleinen Neid gespürt und genossen, nachdem ich ihr von meiner Beziehung zu Kurt erzählt habe.
Dann haben wir Sekt getrunken und auf mein neues Glück angestoßen. Ich habe mich danach auf den Heimweg begeben und auf dieser viel befahrenen, endlos erscheinenden, geraden Straße, hat mich der Gedanke gefunden wie ein Anfall.
Und ER ist mir entgegen gekommen. ER war wie mein Gedanke. ER erschien auch aus der Entfernung wie in Dunkelheit getaucht. Ich wollte die Straßenseite wechseln.
Der Verkehr auf der Fahrbahn hat dieses verhindert und so bin ich ihm entgegen gegangen. ER ist nicht stehen geblieben, im Vorbeigehen an mir. Ich habe ihm in die Augen gesehen, mit diesem Gedanken in mir und ER hat meinen Blick erwidert wie ein Wissender, der im selben Bann gefangen ist.
Ich bin in die kleine Seitenstraße eingebogen. Bereits an der nächsten Ecke hätte ich vor der Sicherheit meines Hauseingangs gestanden. Ich habe ihn hinter mir herkommen gehört, gewusst, wie seine Schritte hinter mir sehr schnell wurden und immer schneller und immer näher an mich herankamen.
Ich bin losgerannt und habe noch im ersten Rennschritt seine Hand, wie eine Klammer um meinen Oberarm greifend, gefühlt. Dann hat ER mich zu Boden gerissen und unter seinem Körper begraben. ER hat seinen Atem in meine Atemzüge gerammt, unentrinnbar wie ein Nebel, so schien es mir.
Der Nebel mit dem mich sein Atem betäubt hat, ist schwarz gewesen, in meiner Erinnerung.
 "Sein Haar ist schwarz gewesen und seine Augen sind schwarz gewesen und seine Kleidung ist schwarz gewesen".
So habe ich es später auch bei der Polizei berichtet.
„Sein Schwarz hatte sogar eine Schönheit an sich“, sagte ich beim Protokoll und ich erinnere mich, wie der Blick der Polizistin mich forschend gestreift hat wie ein Zweifel. 
„Auch Schwarz kann schön sein“, habe ich noch hinzugefügt.
Dann habe ich angefangen zu weinen, bis ich mit dem Oberkörper bewusstlos auf dem sterilen Schreibtisch zusammengesunken bin.
Auf dem Asphaltboden unter seinem schweren Körper liegend, bin ich wach geblieben.
Ich bin Psychotherapeutin. Ich habe mich in diesem Moment der Empathie bedient. Meine Gedanken haben sehr konzentriert nach einer manipulativen Strategie gesucht, die mein Überleben sichern könnte. Ich habe seine beiden Hände um meinen Hals gefühlt und den Druck, den ER zeitweise verstärkte, um ihn dann wieder erschlaffen zu lassen. Ich habe ihm die ganze Zeit in die Augen gesehen und ich bin in dem Schwarz der Augen fast untergegangen wie in einem dunklen Meer.
In der ersten Ewigkeit des Geschehens, schien ER selbst erstaunt zu sein über das, was uns geschehen war. ER lag auf mir, in einer dunklen Toreinfahrt, in einer dunklen, kleinen, stillen Straße, bei Einbruch einer Nacht ohne Mond. Er sah das Glitzern meines Augenpaares und ich sah das Unbestimmbare in seinem Blick.
Wir belauerten einander in der ersten Ruhe dieser Umklammerung: Ich, aus dem Wissen heraus, dass ich mich in der Abhängigkeit seiner körperlichen Kraft befinde und ER, wartend auf ein Signal, das ihm als Legitimation zur Umsetzung weiterer Gewaltenwelten dienen könnte.
Ich habe an Kurt gedacht und ich habe mich in diesen Sekunden der Unschlüssigkeit des keuchenden Mannes, unter dem ich lag, schuldig gefühlt.
„Lass mich los“, sagte ich in sein Gesicht hinein „ich liebe einen Mann“.
Seine Finger verkrampften sich um meinen Hals und ER erhöhte den Druck, bis ich husten musste.
„Schlampe, wie Jede!“, zischte ER mit seinem Atem in meinen Mund hinein und ich nahm das Schimpfwort auf, wie ein Stadttier die Abgaswolke des startenden Motors inhalieren muss. Sein Körper wurde von fordernder Härte, seine Hände lösten sich von meinem Hals und griffen unter den Rock und unter das Shirt.
„Hör auf“, sagte ich warm.
„Ich liebe ihn wirklich und ich liebe auch Dich. Ich liebe alle Menschen. Du irrst dich!“
Noch einmal löste ER seinen Oberkörper von mir und strich sich fahrig über sein Gesicht, als wolle ER ein Spinnweben entfernen.
Ich habe meine Beine unter ihm hervorgezogen, den Rock glatt gestrichen und wollte aufstehen, ihm immer direkt in die Augen blickend, ohne Wut und ohne Angst, wie ein tapferer Kriegskamerad, der dem schlotternden Soldat ein gutes Vorbild geben will. Ich hatte es fast geschafft, mich aufzurichten, als ER einem unvorhersehbaren Hass in seinem Gesicht Raum gab, der mich wie unter Bann in eine vollständige Handlungslähmung versetzte.
„Du lügst“, sagte sein Hass zu mir und da ER seine Legitimation gefunden hatte und ein Gefühl, das die folgende Tat tragen konnte, warf ER sich erneut auf mich, diesmal zielgerichtet und ohne jeden Zweifel.
Seine Hände hatten wieder meinen Hals umfangen, er drückte seinen Mund auf mein Keuchen und quetschte seine Zunge hinein in den Schlund, ER löste eine seiner Hände von meinem Hals und ich hörte das, fast musikalisch anmutende Geräusch, eines sich öffnenden Reißverschlusses und er zwang eine meiner Hände an seine Hose und es ist klar gewesen, dass es keine Worte mehr zwischen uns geben würde.
Die Worte sind tot gewesen und so löste sich der Schrei aus mir und quoll zwischen seinen Händen, die meine Kehle und meinen Mund einfangen wollten, in die Freiheit hinaus.
Mein Schrei ist wie ein selbständiges Leben gewesen, ein grelles, gellendes, raues Sein wie ein Sturm oder wie ein Gewitter. Mein Schrei hat mir weh getan, seine Schallwellen ließen meinen Oberkörper fast explodieren und machten ihn zittern. Dann mischte sich der hohe Ton meines Schreiens, mit dem Aufheulen eines Motors und ich habe noch schreiend auf dem Asphalt gelegen, als ER über mir gestanden ist, nachdem ER in einem jähen Ruck auf seine Füße gesprungen war, wie ein fremdgesteuerter Roboter-Mann.
„Wenn Du schreist, geht das nicht!“, hat ER eine eigentümlich sanfte Stimme auf mich herabregnen gemacht. ER hat sich umgewandt und ist mit raschen Schritten in die Dunkelheit der Häuserschluchten hineingegangen, bis ER von den Schatten verschluckt worden ist.
Mein Schrei ist zur Ruhe gekommen und ich bin taumelnd dagestanden und habe ihm hinterher gesehen. Ich spürte noch seine Körpertemperatur auf meiner Haut und fühlte, wie ein Rinnsal kleiner Schweißperlen versucht hat, sie davon zu waschen.
Ich bin taumelnd nach Hause gegangen und habe zitternd mit dem Schlüssel meine Wohnungstür geöffnet und das Licht in allen Zimmern angeknipst und dann habe ich angefangen mich zu wundern, dass ich so ruhig und so leer geworden bin.
Eine Leere hat sich in mir ausgebreitet, die an den Moment erinnert, in dem ein Alptraum durch das Grauen des Morgens verscheucht wird und wir uns langsam in das Licht des Tages zurücktasten, das uns dann eine Weile genauso surreal wie der vorhergegangene Traum erscheint.
Meine Gedanken sind ohne jede Gefühlsbegleitung funktionstüchtig geblieben und ich habe als Erstes meine Freundin angerufen und ihr konzentriert und kurz von dem Geschehen berichtet.
Ein Anruf bei meiner Freundin ist mir in diesem Moment vernünftiger erschienen, als ein Anruf bei Kurt, der noch für zwei Tage, von Berufs wegen, in einer anderen Stadt in einem Hotelzimmer schlafen würde.
Meine Freundin fragte, ob sie vorbeikommen sollte, aber ich nahm in ungewohnter Klarheit ihre mitschwingende Unlust, bezüglich der Realisierung dieses Angebotes, auf. In ihrer Stimme klang eine Sachlichkeit mit, die von mir als Übertönung einer Häme erkannt wurde.
“Es geschieht Dir recht!“, hat sie in diesem Augenblick gedacht.
Diese Leere meiner Innenwelt, in Kombination mit einer seismografischen Scharfsicht auf die unbewusste Motivation meiner Umwelt, ist seitdem Bestandteil meines neuen Lebensgefühls.
In diesem Moment aber bin ich nur erstaunt gewesen, wie viel Wahrheit ich ungeschönt als energetischen Fluss zwischen mir und einem Menschen zur Kenntnis nehme.
„Du musst sofort die Polizei verständigen!“, sagte meine Freundin zu mir und ich bedankte mich für ihren Ratschlag und wünschte ihr höflich eine gute Nacht.
Die Stimme des, Notrufe aufnehmenden, Polizisten klang ebenfalls sehr höflich und bereits zehn Minuten später bin ich nicht mehr allein mit mir gewesen, sondern ich fand mich umgeben von drei, hilfreich grün gekleideten, Menschen, zwei Männern und einer Frau, die alle große Betroffenheit und echtes Mitgefühl ausströmten.
„Es ist sehr mutig von Ihnen, dass Sie eine Anzeige aufnehmen möchten!“, sagte die Polizistin, die dazu auserkoren war, ein sensibles Erstgespräch mit mir zu führen. Die männlichen Polizisten haben sich diskret und respektvoll im Hintergrund gehalten und die Fragen nach den Berührungen und der Gewalterfahrung durch ihn, sind vorsichtig an mich herangetragen worden.
Die Polizistin hatte mir mit ihrem Kompliment klar mitgeteilt, dass die Sache in der Regel zu Ungunsten des weiblichen Opfers verläuft, aber ihre warme Aufmerksamkeit und ihr Bedauern dieses Sachverhaltes, haben mir gut getan. Sie installierte ein kleines Licht in der nebeligen Leere meines Inneren, so schien es mir.
Die Polizisten haben Ihre Visitenkarten hinterlassen und einen Termin im Revier, für die Protokollaufnahme, angesetzt. Ich solle und könne die Fotos von verdächtigen Personen, mit einschlägiger Vergangenheit, in der Kartei einsehen. Dann ließen sie mich allein.
„Nur schwarze Gesichter dunkler Gedanken“, dachte ich, „werden von nun an meine Leere beleben“.

Dann sah ich seine schwarzen Augen vor mir und bin wie eine Tote auf mein Bett gefallen, bis mich das Dunkel einer traumlosen Nacht in Gewahrsam nehmen konnte....!


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