Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Freitag, 30. März 2012

Die wunderbare Spiritualität!

Paganini´s fragt: Was ist Spiritualität? Für die Beantwortung der Frage gibt es nichts! Warum auch!

Eine ganz normale Frage, leider, in der ganz normalen astrologischen Praxis in Berlin:

Frager: "Worin besteht meine Spiritualität?"
Wir: Was ist denn Spiritualität?
Frager: Na, Kartenlegen und so.
Wir: Welches Deck?
Frager: Zigeuner!
Wir: Das ist gut! Das kennen wir nicht!
Frager: Nun, und....?
Wir: Wenn Sie wollen, machen Sie, wenn nicht, dann nicht!
Frager: Aha, Vielen, lieben Dank!

In Berlin gibt es immerhin:  ZaZen, 1 Stunde 3,- Euro, nichts als Sitzen und dann bitte wieder nachfragen, nach der Spiritualität!


http://www.zen-berlin.org/de/dojo-berlin/


Die Frage nach der Spiritualität, ist leider, (fast) immer eine Frage nach dem schnellen Geld!
Die Esoterik-Szene allein zu verunglimpfen, ist zu kurz gegriffen.
Leider ist es das gesamte Denken unserer Gesellschaft und Zeit.

O-Ton: "...wenn man damit Geld verdienen kann...!"
Ja, man kann.

Frage: Aber was hat das mit Spiritualität zu tun???




Literatur als Sirenengesang!

Paganini´s verehrt Dieter Wellershoff auch als Literatur-Theoretiker!
1965 initiierte er den "neuen Realismus", auch als "Kölner Schule" bekannt. 1980 schrieb er seine bekannte Novelle "Die Sirene". Es geht um eine "Irritation" und es geht um Literatur, Wahrnehmung und Sprache. Es geht um die Macht der Imagination.

Zwei Zitate werden vom Autor vorangestellt und sie dürfen auch als Zitate gelesen werden, die über Literatur sprechen:

"Die Sirenen lebten auf einer Insel vor der italischen Küste. Wenn sich Schiffe näherten, sangen Sie betörend, daß die Seeleute ihre Heimat vergaßen und willenlos auf der Sirenen-Insel verkamen, die von gebleichten Knochen weiß wurde...Nach spätklassischen Äußerungen mußten die Sirenen sterben, wenn jemand heil an ihrer Insel vorbeikam." (Lexikon der antiken Mythologie)

"Welcher Art war der Gesang der Sirenen? Worin bestand sein Mangel? Warum verlieh dieser Mangel ihm solche Macht? Die einen haben von jeher geantwortet: Es war ein nichtmenschlicher Gesang, ein natürliches Geräusch (gibt es denn andere?), aber am Rande des Natürlichen, dem Menschen in jeder Hinsicht fremd, sehr leise, geeignet, ihm jene Lust zu bescheren, die im Fallen besteht und die er im gewöhnlichen Leben nicht befriedigen kann."
(Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen)


By Udo Weier


 Weiter, an anderer Stelle:



„Literatur, die etwas taugt, ist gefährlich“, schreibt Dieter Wellershoff an einer Stelle seines
Buches „Der verstörte Eros. Zur Literatur des Begehrens“, „denn sie rührt an
die Sprengsätze der menschlichen Existenz. Sie kann gefährlich sein für den
Leser, weil sie ihn mit Erfahrungen konfrontiert, die er in den Routinen und
Begrenzungen seines alltäglichen Lebens gewöhnlich zu vermeiden versucht.
Und sie ist vor allem gefährlich für den Autor, der sich […] in ihrem Dienst
auf eine Höllenfahrt begibt, dabei allerdings in ihr einen mächtigen Schutz
genießt. Denn in ihr verwandelt er auch die Irrtümer, Niederlagen und Verletzungen
seines Lebens in eine Erfahrung der Kompetenz.“



By Superbus


Und hier Dieter Wellershoff in einem Interview:

Peter Clös
Wie entstehen die Einfälle und Motive?

Dieter Wellershoff
Das lebensgeschichtlich entstandene und immer weiterentwickelte Grundinteresse des Autors an den Menschen und an der Welt wirkt wie ein Resonanzboden, der in Schwingung gerät, wenn in der Außenwelt oder im Bewusstsein des Autors ein Motiv auftaucht, das genügend Reiz und Geheimnis hat, um seine Phantasie zu beschäftigen. Das kann dann zu einem Kristallisationspunkt werden, der immer mehr Einfälle und Eindrücke anzieht und immer mehr Komplexität entwickelt. Dann beginnt die konstruktive Phantasie zu arbeiten. Aber am Anfang steht immer eine überraschende, meist noch nicht ganz verständliche Evidenz.

Peter Clös

Was hat denn das Schreiben und freie Imaginieren der alltäglichen Wahrnehmung voraus?

Dieter Wellershoff

Alltäglicherweise sehen wir die Welt in den Mustern unserer Routinen und Gewohnheiten als etwas mehr oder minder Bekanntes, in dem wir uns schnell zurecht finden und über das wir uns schnell untereinander verständigen können. Die Wahrnehmung steht im Dienst des praktischen Handelns. Die Imagination dagegen wird durch Irritationen und Überraschungen ausgelöst, die den Zusammenhang unserer Sehgewohnheiten durchbrechen und dadurch schlafende, elementare Interessen in uns wecken. Sie lädt uns ein zu einer Entdeckungsreise in eine komplexere Welt. Man kann dieses Zusammenspiel zweier alternativer Wahr-nehmungsformen als einen Ausdruck der exzentrischen Position des Menschen begreifen, die darin besteht, dass wir als körperliche Wesen immer in ein konkretes Hier und Jetzt gebannt sind, aber im Unterschied zu den Tieren, uns viele andere Existenzen, Geschehnisse und Welten vorstellen können, also in einem theoretisch unbegrenzten Horizont von Möglichkeiten leben. Wir können uns frei in diesem imaginären Horizont bewegen, weil damit im Gegensatz zum praktischen Handeln keine unmittelbaren Risiken verbunden sind. Die Imagination ist die Bühne unserer Freiheit und damit auch unserer Selbstreflexion und unserer möglichen Veränderungen.

Peter Clös
Sie haben die Literatur als eine imaginäre Probebühne beschrieben, auf der wir uns, entlastet von den Risiken der Praxis, alle Möglichkeiten und Risiken des Lebens vor Augen führen können. Ist das ein unverbindliches Spiel?

Dieter Wellershoff
Keineswegs. Es kann auch eine Höllenwanderung sein. Ein Blick in die eigenen Abgründe, eine Konfrontation mit den eigenen Fehlern, Schwächen und Ängsten, mit der Fremdheit der Welt, der Zufälligkeit von Glück und Unglück und der Unausweichlichkeit des Sterbenmüssens. Nicht alle Menschen haben den Mut, in den Spiegel ihrer Existenz zu blicken. Doch wer sich dem stellt, kann die eigenartige Erfahrung machen, dass die dargestellten Geschehnisse, so erschreckend und
irritierend sie auch sein mögen, sich in der Gestalt neuer Erkenntnisse und erweiterter Lebenskompetenz in einen Gewinn verwandeln. (http://www.lutherkirche-koeln.de/Dieter_Wellershoff.aspx)


Montag, 26. März 2012

Neukölln! Mon Amour!

Paganini´s residiert in Neukölln! Rixdorf!


Als wir vor fünf Jahren vom ewigen Szene-Bezirk Schöneberg nach Neukölln umgezogen sind, waren die Stimmen des begleitenden Chorus monoton: "Wie könnt Ihr nur!"
Inzwischen sind sie verstummt oder summen das Liedchen "...in Rixdorf ist Musike!"
Vor fünf Jahren...das ist nun fast schon Nostalgie: Uns wurde von der Hausverwaltung ein roter Teppich ausgerollt, über den wir ins neue Heim schritten, wie Prinzessin und schwarzer Panther aus 1000 und 1 Nacht!
Inzwischen ist der ehemalige Schmuddelbezirk Belins ausgiebig gentrifiziert und saniert, die Miete angeglichen...um unser Haus herum (denkmalgeschützt), reihen sich Bars, Cafes und Galerien (auch die von Frank Zander, mit unbezahlbaren, quietschbunten Bildern!), das geht schnell in Berlin, die Geburt, Hoch-Zeit und langsame Verkrustung der sogenannten innovativen Area!
Doch Neukölln hat noch Zeit!

Neben dem Saalbau an Neuköllns neuem Glanz maßgeblich beteiligt, die Neuköllner Oper!



By Denis Apel


"Die „Neuköllner Oper“ entstand aus dem Widerspruchsgeist, die damals konventionell-bürgerlich besetzte Gattung „Oper“ so lebensnah wie möglich und überall, vor allem aber in sog. „kulturfernen“, „problematischen“ Bezirken wie Neukölln zu spielen. Zunächst als Einzelprojekte gefördert und an unterschiedlichen Spielorten aktiv, bespielt die Neuköllner Oper seit 1988 den ehemaligen Ballsaal in der Passage Neukölln. Als durch den Senat institutionell gefördertes Privattheater gilt sie als „dramaturgisch innovativstes Musiktheater Berlins“ und „Berlins viertes Opernhaus“, wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Presse und Senat schreiben.
„Die Neuköllner Oper in der Karl-Marx-Straße ist Berlins kreativstes Musiktheater. Sie strahlt weit über den Bezirk hinaus mit Volksopern, Opern-Ausgrabungen, satirischen Adaptionen, musikdramatischen Experimenten und lebensnahen aktuellen Musicals. Humorvoll, kreativ, und immer auf den Menschen bezogen, setzt sie neue musikalische und inhaltliche Maßstäbe... Die Neuköllner Oper (NKO) ist als vierte Opernbühne der Stadt für diese wahrscheinlich unverzichtbarer als die eine oder andere der drei großen Opernbühnen.“ (aus den Evaluierungs-Gutachten über die Berliner Privattheater des Berliner Senats).
Aufgrund einer ziemlich einzigartigen Produktionsweise und unterstützt von zahlreichen Freunden und Kooperationspartnern, kann die Neuköllner Oper nicht nur Ungewöhnliches, sondern auch ungewöhnlich Vieles anbieten."(www.neukoellneroper.de)




Besonders reizvoll jeden Montag, die "Montage":
"Eine Stunde Unerhörtes, noch nie Gesehenes auf der Bühne der NEUKÖLLNER OPER" im dazugehörigen Café-Restaurant "Hofperle".
Eintritt frei! Austritt mit Hut! Buntes Sammelsurium aus Klein- und Großkunst!

Probebühnen-Abende am Tag des Mondes. Ein schimmerndes Highlight, das hier wärmstens empfohlen sei! Selbst die Neuköllner Ur-Bevölkerung traut sich das zu und sitzt im feinen Zwirn neben dem Professor in Blue-Jeans!



Mittwoch, 21. März 2012

Der wunderbare Buch-Anfang! I. Teil:

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater.)

Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen. Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb neu und in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Teil 1 beginnt mit den ersten zwei Sätzen von Javier Marias "Mein Herz so weiß":

"Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, dass eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Esszimmer befand, ihr Herz suchte. Als der Knall ertönte, etwa fünf Minuten, nachdem das Mädchen den Tisch verlassen hatte, stand der Vater nicht sofort auf, sondern verharrte ein paar Sekunden lang wie gelähmt mit vollem Mund und wagte nicht zu kauen noch zu schlucken und noch weniger, den Bissen auf den Teller zurückzuspucken; und als er sich endlich erhob und zum Badezimmer lief, sahen jene, die ihm folgten, wie er, als er den blutüberströmten Körper seiner Tochter entdeckte und die Hände an den Kopf hob, den Bissen Fleisch im Mund hin und her bewegte, ohne zu wissen, was er mit ihm anfangen sollte."

Cover@dtvVerlag



Montag, 19. März 2012

Gottfried Benn. Zwischen Boheme und Bürgerlichkeit!





G. B. ca. 1951, gezeichnet v. T. Falberg
Gottfried Benn - Arzt und Dichter 

Else Lasker-Schüler über die Faszination, die von Ihrem wesentlich jüngeren Geliebten Gottfried Benn ausgeht:
"Er steigt hinunter ins Gewölbe seines Krankenhauses und schneidet die Toten auf. Ein Nimmersatt, sich zu bereichern am Geheimnis. Er sagt, "tot ist tot". Dennoch fromm im Nichtglauben, liebt er die Häuser der Gebete, träumende Altäre, Augen, die von fern kommen. Er ist ein evangelischer Heide, ein Christ mit dem Götzenhaupt, mit der Habichtsnase und dem Leopardenherzen".

Nicht viel länger als ein Jahr befinden sich der 26jährige Benn und die 43jährige Lasker-Schüler in einer Liaison. Sie nimmt einen prägenden Einfluss auf ihn. Die gegenseitige Bewunderung als Dichter hält bis zu ihrem Tod an. Doch 1913 befreit sich Benn aus diesem Bann.






Sie schreibt:"ich bin Dein Wegrand. / Die dich streift, stürzt ab."

Er entgegenet: "Keiner wird mein Wegrand sein. / Laß Deine Blumen nur verblühen. / Mein Weg flutet und geht allein."

In Benn erwacht der Bürger, nicht zuletzt durch seinen Blick auf diese Frau, die in ihrer radikalen Unbürgerlichkeit als "ziellose Hand aus Spiel und Blut" erscheint. Benn will seine Existenz niemals von dem Verkauf seiner Dichtung abhängig machen.



Nach dem Bruch mit Else Lasker-Schüler also der rasche Versuch, bürgerlich zu werden, durch seine wenig inspirierende Ehe mit Edith Osterloh. Er verfolgt weiter seine Laufbahn als Arzt. Diese Spaltung in bürgerliche und künstlerische Existenz ist noch heute durch zwei Gedenktafeln in Berlin sichtbar.

Gedenktafel an Arztpraxis und Künstler-Atelier am Mehringdamm
 Am Mehringdamm richtete sich Benn im Haus seiner Arztpraxis auch in einem Künstler-Atelier ein: Ort seiner Konzentration und Kontemplation, aber auch, um die Liebschaften (neben dem Eheleben) diskret managen zu können.
Im Bayerischen Viertel befand sich die Wohnung als Eheman und Familienvater.

Gedenktafel an die Wohnung im Bayrischen Viertel













Eines von Paganini´s Lieblingsgedichten, irgendwie passend:

Aber Du -?
Flüchtiger, du musst die Augen schließen,
denn was eindringt, ist kein Großes Los,
abends im Lokal ist kein Genießen,
selbst an diesem Ort zerfällst du bloß.

Plötzlich sitzt ein Toter an der Theke,
Rechtsanwalt, mit rotem Nierenschwund,
schon zwei Jahre tot, mit schöner Witwe,
und nun trinkt er lebhaft und gesund.

Auch die Blume hat schon oft gestanden,
die jetzt auf dem Flügel in der Bar,
schon vor fünfzig Jahren, stets vorhanden
Gott weiß wann, wo immer Sommer war.

Alles setzt sich fort, dreht von der alten
einer neuen Position sich zu,
alles bleibt in seinem Grundverhalten -
aber du -?
(aus: Gedichte 1949 – 1955)


Freitag, 16. März 2012

KunstLeben! Berlin!...hinter der Tür!

KunstLeben! Kunst und Leben!  Kunst einfach leben! Und die Kunst, die Kunst zu leben!
Romy Campe und Masch versuchen es nicht nur, es gelingt ihnen auch und sie infizieren ihre Besucher mit diesem natürlichen Selbstverständnis.
Typisch Berlin: Man geht abends eine große, lange, graue, häßliche Straße entlang, man bleibt vor einem häßlichen Haus stehen, man bewegt seinen Finger auf einen abgegriffenen Klingelknopf zu - und es wird aufgetan: Räume, die von der Pracht der Jahrhundertwende erzählen, Stuck, Weite, Parkett, Fensterfronten....20er Jahre- MINDESTENS!





Hinter der Tür: Vernissage, Jazz, Galerie (immer), Chanson, Independant, Masch &  Friends als Dali, noch mehr Vernissage, interessantes, interessiertes, manchmal überkandideltes und manchmal prätentiöses und meist einfach irre gemischtes  Publikum: Alles Berlin und KunstLeben!

Eben gerade kommen wir nach Hause von:


Forest & Crispian
 

wild begeistert, leicht betrunken, völlig getoucht, da so noch nie gehört:
Mischung aus Doors und Brecht/Weill und dennoch völlig eigen!

Der Ohrwurm "Let the best Band win" wurde als erste Single ausgewählt und die CD erscheint am 08.06.2012. Die Band besticht durch eine verspielte Leichtigkeit und große Melodien. (aus dem Programm)


Ein winziger Appetitmacher!



Paganini´s wird häufiger von diesem Ort erzählen! Heute, völlig ungeplant, nur der  kurze Bericht!


Romy Campe und Masch - Die Zwei von KunstLeben!

www.kunstlebenberlin.de Foto@Stephan Röhl


Donnerstag, 15. März 2012

Dieter Wellershoff: Das Rauschen!

Oder: Der Liebeswunsch


"Das Geräusch der Brandung:
unvorstellbar viele Stimmen
reden darin, doch
keine kommt zu Wort.
Jede erzählt ihre eigene Geschichte.
Alle zusammen
sind sie das Rauschen
des immergleichen Traums"

(Dieter Wellershoff, Der Liebeswunsch)



Dieter Wellershoff ist im Oktober 2011 mit seinem Buch "Der Liebeswunsch" in Berlin: Im Literaturhaus in der Fasanenstraße rezitiert er das darin enthaltene Gedicht. Nein, er rezitiert es nicht, er spricht es. 
Dieser Herr, 1925 in Neuss geboren, ist für Paganini´s ein wahrer Beweis für die Erotik des Geistes.
Er sieht noch immer schön aus und er spricht über sein Buch, als habe er es gestern geschrieben und sei gedanklich noch immer mit dem Weiterschreiben beschäftigt.
Über die vier Hauptfiguren berichtet er, als seien es intime Freunde, mit denen er in gutem Kontakt steht. Dabei ist die Handlung, um eine flüchtige Begegnung mit "Anja, das ist die Einzige, die habe ich wirklich gekannt" herum, erdacht worden.
Wellershoff schildert, wie er "Anja" auf einer Party begegnet ist. Ein einziges Mal!
Sie war bereits vollkommen betrunken, stolperte über einen Teppich und fiel mit dem Gesicht auf die Erde. Sie blutete und wurde von ihrem Liebhaber nach Hause gefahren.
Kurz darauf erfuhr Dieter Wellershoff von ihrem Selbstmord.
Er ist recherchierend zu der Hochhaussiedlung gefahren und hat zu dem Balkon im 14. Stock hinaufgesehen und sich überlegt, wie ein Mensch den Widerstand besiegen kann, der sich in ihm regen muss, wenn er beschließt, sich von dieser Höhe in die Tiefe hinunterfallen zu lassen.
Dann hat er zu den wenigen biografischen Fakten, die an ihn weitergegeben wurden, die Psychologie dieser Protagonistin in sich selbst zusammengesucht.
Er hat sich gefragt: Wie ist ihr Verhältnis zu ihrem Vater gewesen? Und hat einen abwesenden Vater erfunden. Und so hat er weitergefragt und weitergefragt, um sich diesen "Liebeswunsch", der sie treibt, zu begreifen und um zu verstehen, dass dieser Wunsch ihres nicht gelebten Lebens, den auserkorenen "Paul" vollständig überfordern muss. Und diesen "überforderten Paul" hat er sich folglich dazukreieren müssen, um alles nachvollziehbar werden zu lassen. Aus diesem Gedankenpuzzle ist dann das Buch entstanden.
Cover: Kiepenheuer & Witssch
Zwei Paare kommen darin vor, die ihre Verletzungen und Kränkungen in einem schwierigen Freundschaftsbund scheinbar vergessen machen können. "Aber die Freundschaftsrituale scheitern. Der Liebeswunsch der jungen Frau, die ihrem als falsch empfundenen Leben entkommen möchte, sprengt alles auseinander und sie zahlt dafür den äußersten Preis. Wellershoff erzählt die subtile Dramatik des Geschehens aus den wechselnden Perspektiven seiner Figuren....jeder versucht die anderen zu durchschauen und zu beeinflussen, während sich etwas vollzieht, das ihnen allen aus der Hand gleitet"
(Klappentext, Kiepenheuer&Witsch)
Im Fallen hört Anja "das laute Rauschen der vorbeiströmenden Luft". Wellershoff ist ein liebender Vorleser.
"Das Rauschen ist die gleichförmige Monotonie des Ununterscheidbaren."
Mit diesem Satz wird Paganini´s hinaus aus dem Saal, hinein in das Dunkel des Abends entlassen. Wir hören das Rauschen der Automobile auf dem dicht befahrenen Ku-Damm.
An diesem Abend klingt es anders als sonst!


Dienstag, 13. März 2012

Kim Ki-duk. Das Archaische der Liebe!


Kim Ki Duk  und sein Kino:


Berlinale 2004! Dieter Kosslick hat den koreanischen Autorenfilmer Kim Ki-duk eingeladen. Bereits zum dritten Mal nimmt er an dem Filmfestival teil. Für seinen Film "Samaria" (Samariter) erhält er den "silbernen Bären" in der Kategorie "Beste Regie"!
Kim Ki-duk ist ein Regisseur der polarisiert. Entweder man verlässt rechtzeitig den Kinosaal oder man ist bereit für ihn.
Kim Ki-duk ist eine cineastische Naturgewalt. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, wird unweigerlich in den Film hineingerissen!

Seine Protagonisten sind Prostituierte (die Frau) und Gangster (der Mann), oder der Mann macht die "Dame aus gutem Hause" erst zu einer Prostituierten. Diese, auf ihre animalisch-archaische Natur zurückgeworfen, bekämpft die magische Anziehungskraft des Mannes, erliegt ihr, um erneut zu kämpfen.
Kim Ki-duks Filme sind Tragödien mit Mimesis und Katharsis, Rotz und Wasser, Schuld und Sühne, Liebe und Gewalt!
Liebe ist immer auch archaisch und anarchisch. So zeigt es Kim Ki-duk!
Die totale und schmerzhafte Identifikation, mit den im "Abseits" und im "Abseitigen" Liebenden, gelingt so gut, dass selbst der kultivierteste (Bildungs-)Bürger nichts mehr "kaputtanalysieren" mag.

Ein emotionaler Wirbelsturm entfaltet sich auf der Leinwand. Hochtraumatisierte, aus der geraderen Lebensbahn hinaus- und ins rein Existentielle hineingeschleudert, kämpfen trotz ihrer Todessehnsucht ums nackte Überleben, finden einen Liebessplitter, zerstören ihn, um sich gleich darauf erneut danach zu sehnen.



Trailer "Die Insel"!




Bad Guy (Trailer)




Sonntag, 11. März 2012

Berlinale, Berlin und der Kino-King!

BERLINALE...!


Alljährlich typisch Berliner Understatement, Stil und unprätentiöse Liebe zur Kunst: Meisterlich verkörpert durch Knut Elstermann, der allabendlich in der Maxx-Bar am Potsdamer Platz die ganz Großen des Films zu sich bittet- die sich nicht lange bitten lassen- um von diesem Herrn interviewt zu werden.
Das Publikum bunt gemischt, keine Karte muss ergattert werden, jeder ist willkommen, einen Wein vor sich auf kleinen Tischen, ein Wasser, einen Kaffee oder ein Bier...oder Nix! Die Stars vom Film, zuvor auf dem roten Teppich dicht umringt, bejubelt, um Autogramme angegangen und von Body-Guards abgeschirmt, werden hier durch nichts und niemanden belästigt: Es geht nicht um Rummel und Star-Theater, es geht nur um die Liebe zum Film! Alle gehören zusammen, sind gleichberechtigt und feiern das Kino:
Macher, Publikum, Journalisten, Fotografen, Fernsehanstalten: Alle brauchen einander und bedingen einander, nirgends auf der Welt so sichtbar gelebt, wie hier!

Maxx-Bar schreibt:
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) sind ein jährlich in Berlin durchgeführtes Filmfestival der A-Kategorie; sie gelten – neben den Festivals in Cannes, Venedig und Moskau – als eines der wichtigsten Filmfestivals.

Die Berlinale gehört zu den größten und angesehensten Ereignissen der Medienbranche und wird jährlich von rund 20.000 Fachbesuchern, darunter 4.500 Journalisten aus rund 76 Ländern, besucht. Mit über 396.000 Kinobesuchern in 2005 ist die Berlinale nicht nur Branchentreff, sondern auch weltweit das größte Publikumsfestival. Kunst, Glamour, Party und Geschäft liegen zwei Wochen lang eng beieinander

Das Cinemaxx am Potsdamer Platz ist seit dem Jahr 2000 die Hauptspielstätte der Berlinale. In den 19 Sälen des Hauses werden von früh bis spät in die Nacht Filme aller Sektionen gezeigt. Das Haus beherbergt auch die Maxx-Bar, von der aus Knut Elstermann live seinen allabendlichen Berlinale-Nighttalk seit nun mehr 5 Jahren auf Radio Eins moderiert. Ebenso wird die komplette Sendung live in Bild und Ton im Internet übertragen. Entspannung nach dem Kino bietet die Radioeins-Lounge im 1.Stock des Cinemaxx, von der aus Radioeins zum Get-together mit Moderatoren, Schauspielern, und Filminteressierten einlädt.


Knut Elstermann


Wenn er langsam spricht, macht er Fehler

...Jede Woche sieht Elstermann zehn bis zwölf Filme, etwa 300 im Jahr. Vor jedem Film habe er den gleichen Respekt. Er setzt seine Erwartung auf null. So kann er sich immer neu begeistern. Diese Hingabe ist das Gegenteil von Überheblichkeit. Seine Hörer spüren das, wenn er über einen Film spricht und ihn bewertet. "Kino ist wie ein großes Haus mit vielen verschiedenen Wohnungen." Schauspieler und Regisseure sind gern zu Gast in seiner Sendung. Mit allen ist er von Anfang an auf Du und Du. Er sagt: "Ich bin so ein Duztyp." Vermutlich liegt darin der Beginn eines guten Gesprächs. Knut Elstermann erzeugt eine Nähe, die nie unangenehm ist, weil sie aus Interesse entsteht. Und aus dem Bedürfnis, die gewöhnliche Interviewsituation aus Frage und Antwort zu unterwandern. Als er Woody Allen in London treffen sollte, kramte er vor dem Flug aus seinem Schrank eine beigefarbene Hose aus dickem Cord hervor. Seine Frau riet ihm davon ab. Sie würde zu sehr "auftragen", meinte sie. Aber er behielt sie an. Es traf ein, was er sich insgeheim erhofft hatte: Woody Allen saß ihm gegenüber, in genau der gleichen Hose.
Knut Elstermann weiß, dass er manchmal zu schnell redet, aber wenn er langsam spricht, sagt er, mache er Fehler. Er weiß auch, dass nicht jedes Gespräch, das er führt, ein Erfolg wird. Es kommt vor, dass Studiogäste nur mit Ja oder Nein antworten und er sich dann mit Worten überschlägt. Er ärgert sich über so etwas. Cool ist er nicht. Aber er kann darüber lachen, dass er in einem englischsprachigen Interview einmal "she is a working girl", was in dem Fall so viel wie "Hure" bedeutete, mit "Mädchen aus der Arbeiterklasse" übersetzt hat. "Das Gute am Radio ist, dass man sich mal verquatschen kann. Im Fernsehen ist so etwas peinlich. Dann sitzt du da, super geschminkt, in einem schicken Anzug. Jede Panne wird zur Katastrophe."
Auf der Berlinale wird Knut Elstermann jeden Abend ganz öffentlich sein. In der Maxx-Bar unterhält er sich mit Regisseuren, Schauspielern oder Drehbuchautoren. Ein unbekannter koreanischer Regisseur ist genauso gern gesehen wie David Kross aus der Hollywood-Produktion "Der Vorleser". Für die "Spielwiese", wie Elstermann die Maxx-Bar nennt, hat Radio Eins zehn prominente Gastkritiker angefragt. Schauspieler Florian Lukas ist einer davon. Für viele Filmleute ist der Berlinale-Talk bereits so etwas wie ein Fixpunkt geworden. Ein Ort, an dem man nach den Vorführungen vorbeikommt, Licht brennen sieht und denkt: Da arbeitet noch einer für uns. Knut Elstermann sagt: "Das ist doch eine absolut schöne Vorstellung, dass die Menschen mit mir zu Bett gehen."
Radio Eins, Berlinale-Nighttalk, 5.-15. Februar, 22-24 Uhr, Maxx Bar im Cinemaxx am Potsdamer Platz
(Der Berlinale-Talker : Der Kino-König 04.02.2009 00:00 Uhr
Von Katja Hübner DER TAGESSPIEGEL)






Der Berlinale-Trailer! Nichts als Werbung?! Oh, Nein! Der Kino-Besucher mutiert zum Pawlow-Hund:
Gänsehaut, Fieber, Herzschlag, Wasser (im Mund), ich summe noch im Schlaf die Melodie vor mich hin...und Paganini wundert sich längst nicht mehr (immerhin wird er im Mai 10 Jahre und hat 10 x 10 solcher Nächte miterlebt)! Der Trailer zeigt ganz wunderbar dieses eigenwillige Vibrieren in der Luft, die Aufregung und Erregung  all Jener, die  an und mit und in der Berlinale beteiligt sind! Passiv oder aktiv!

Knut Elstermann Allen voran! Ein Held, ohne es sein zu wollen!