Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

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Mittwoch, 30. Juli 2014

Kapitel No. 8




VIII


Carina ist nicht Jeanne.
Luise ist weiser. Alles könnte gut gehen. Und es geht auch gut. In den kommenden Wochen und Monaten, nach dem Tag, an dem Carina zum zweiten Mal bei Luise angerufen hat. Fünf Wochen, nach dem Tag, an dem Carina zum ersten Mal um Beratung bat. Wenige Wochen, nachdem Jeanne zu Luise Lebwohl sagen musste. Zwei Tage, vor jenem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Diesem Tag, an dem Luise alles so satt gewesen ist. Luise beobachtet sehr genau. Sie analysiert ihre Gefühle. Sie versucht ihre Klientel vor den eigenen Projektionen zu schützen. Und doch beginnt, sich etwas auszubreiten, in ihr. Es rumort als dumpfes Sein. Es zeigt kein klares Gesicht. Und so erkennt sie nicht, was das ist, das da zunehmend rumort. Ihr Blick auf die Ratsuchenden ist gütig. Und doch möchte sie oft den Blick einfach abwenden können. Und nicht sehen. Und nicht hören. Und nicht fühlen. Das, was der Mensch ist. Sagt Luise. An diesem Tag, also Heute, zu Lars Dietrich.  Genau genommen, drei Monate, nach jenem Tag, an dem Carina zum zweiten Mal, mit süßer Schnute, bei ihr angerufen hat. Das, was der Mensch ist, das tut mir weh! Und ein Zittern schüttelt ihren Körper. Und sie weiß, sie meint auch Lars Dietrich. Und sie weiß, sie meint auch sich selbst. Wenn sie sich wirklich einlassen will. Auf die Welt. Wie sie ist. Und wie sie lieber nicht will. Sich einlassen. Auf die Welt, wie sie ist. In diesem Moment. Die Welt ist, wie sie ist! Sagt Lars Dietrich. Und dann stürzt er sich auf seine Frau. Wie ein Untier, stürzt er sich auf Luise. Und er knurrt mit den Zähnen und beißt seine Dame ein wenig in den Hals. In den weißen Hals. Wie ein Schwan. So ein Hals.  Und sie macht Spaß, diese Welt! Sagt Lars Dietrich. Mit gefletschten Zähnen. Sagt er das. Und Luise kichert.  Und Luise genießt. Luise genießt seine Macht. Als Mann. Über sie. Und sie genießt ihre Macht. Als Frau. Über ihn. Und nach spitzem Schrei, Gerangel und einer Million Küssen, ordnet sie die Kleider, streift sie glatt, ihr Kleid und sein Kleid und setzt erneut ein ernstes Gesicht auf. Im Ernst! Sagt Luise. Zu Lars Dietrich. Ich will sie beschützen. Zum Beispiel. Ich will Carina beschützen. Und ich  kann sie nicht beschützen. Zum Beispiel. Und ich will dich beschützen. Und ich kann dich nicht beschützen. Zum Beispiel. Und ich will manchmal nur noch mich beschützen. Und ich weiß nicht mehr wie. Ich weiß nicht mehr. Weil ich gar nichts mehr weiß. Ohne Beispiel. Ohne Vorbild. Auf dieser Welt. Und dann schüttelt wieder ein Weinen ihren Körper. Ein Weinen, wie damals fast, an diesem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Und Heute ist jener Tag, vor zwei Jahren. Und die Geschichte hat noch nicht einmal richtig angefangen. Und Luise ist dennoch mittendrin. Und Luise will eine Insel sein. Eine Insel aus reinweißem Sand. So sauber. Und sie fühlt sich mittendrin. In Etwas. Das außerhalb ihrer Kontrolle ist. Luise hat Angst. Und die rumort in ihr. Und das erkennt sie nun. In diesem Moment. In diesem Augenblick. Aber was das ist, wovor sie Angst hat, das weiß sie noch immer nicht. Denn die Angst hat einfach kein Gesicht. In diesem Augenblick. Und Lars Dietrich bedeckt seine Frau. Bedeckt seine Frau mit sich selbst. Und auch er hat nun Angst. Luise weiß Alles! Denkt er. In jedem Moment. Und dass sie nun Nichts mehr weiß. Das macht ihm Angst. Dem Lars Dietrich.  Und an diesem Tag, also Heute, macht Luise blau. Sie schützt sich. Und lässt die Menschen und die Welt draußen stehen. Und Lars Dietrich bleibt bei seiner Frau. Bleibt bei Luise. Und geht nicht zu Lars. Heute, an diesem Tag, vor zwei Jahren, an dem Luise Angst bekommen hat. Und Lars Dietrich schreibt seinen Liedtext „Held will ich sein!“. Und Luise schreibt ihr Gedicht, mit dem Titel „Flügelschlag der Krähe“. Doch die Angst, die begleitet sie Heute in die Nacht hinein. In den Schlaf. Den nicht Ewigen. Den nicht Erholsamen. Den Traumlosen. Nur einmal, kurz, wird Luise wach. Es gibt keinen Halt. Hier. Heute Nacht. Denkt sie. Dabei liegt Lars Dietrich neben ihr. Die Männerbrust hebt sich. Und senkt sich. Hebt sich. Und senkt sich. In gleichmäßig ruhigem Takt. Die Uhr macht TickTack. TickTack. Es gibt keine Taktik. Dagegen anzukämpfen. Denkt Luise. Und schläft ein. Und schläft durch. Wie ein Stein. Und dann kommt ein neuer Tag.
Und der ist, was er ist.


Kapitel No. 7






VII




Erinnerst Du Dich noch an mich?

Das fragt unsicher und zögernd ein süßes Stimmchen. Fünf Wochen, nach jenem Tag, an dem Luise ihr Gedicht „entgleisende Züge“ geschrieben hat. Also Heute. Fraglos gehört das Stimmchen zu einem ungemein sensiblen und zarten Geschöpf. Einem Geschöpf, das schwer um Atem ringt. Atem ein! Und Atem wieder aus! Das würde Luise jetzt am liebsten sagen. Aber sie sagt es nicht. Nein, so alberne Banalitäten kommen nicht über Luises Lippen. Nicht dieser Esoterik-Heilpraktiker-Blödsinn! Den jedes Kind schon kennt! Seriös ist die Devise. Seriös mit Qualität. Seriös mit IQ! Luise eben und ihr Beratungs-Hexen-Einmaleins.
Natürlich erinnere ich mich, Carina. Wie geht es Dir denn?
Erst einmal ganz natürlich rüberkommen. Die Scham vom Anderen nehmen. Dass er eine Telefonnummer wählen muss. Um klar zu  sehen. Im eigenen Dasein. Was ist schon dabei. Keiner sieht klar. Und eine Million Anderer, tun dasselbe wie Du, Carina! Heißt das. Ungesagt.
Passt es Dir gerade, oder soll ich ein andermal…?
So ein zurückhaltendes, bescheidenes Geschöpf. Ach, wie entzückend!
Es passt wunderbar! Ich habe gerade eine Pause! Also. Was liegt bei Dir an?
Kopf hoch. Heißt das. Wir kriegen das Kind, was auch immer es ist, schon geschaukelt. Und Carina legt los. Carina sprudelt über. Carina ist nicht zu stoppen.
Sooooooo viel liegt an, dass das ein zarter Mensch, wie Carina, kaum mehr zu  ertragen weiß. Und Luise fasst eineinhalb Stunden Gespräch mit den Worten zusammen, die Carina fassungslos werden machen:

Dir ist stinklangweilig. Und Du bist ohne Liebe. Ja, das ist schlimm.
Aber suche sie doch einfach. Die Liebe!
Und Carina fragt: Wann kommt sie denn zu mir? Die Liebe?
Und Luise sagt „Bald“!
Und denkt an Neptun. Die Sehnsucht von Neptun. Dem blauen Planeten.
Folge Deiner Sehnsucht! Dann kommt die Liebe!
Und Luise denkt weiter. Das wird Verwirrung mit sich bringen. Und Opfer fordern. Oder Desillusionierung.
Und Carina wird ruhig. Sie konnte sprechen. Sie fühlt sich getröstet. Und sie fühlt sich vertröstet. Beides ist gut.
Es wird ihr helfen. Sich von Hermann zu lösen. Zu befreien. Vom reichen Mann. Der es nicht schaffen will. Dass sie ihn lieben kann. Der ihre Leidenschaft nicht entfachen kann. Den sie, ganz einfach, wie Luise sagt, nicht liebt.
Was einmal klar im Raum steht. Das steht klar im Raum. Sagt Luise.
Ja, sagt Carina. Das ist klar!






Freitag, 25. Juli 2014

Kapitel No. 6


III. Episode in drei Szenen!



VI


Und dann weckt die Uhr Luise: Srrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!
 Neuer Tag, neuer Beweis. Doch zunächst Vergewisserung. Ihre rechte Hand tastet blind nach Lars Dietrich. Gefunden. Er ist da. Seid ihr wieder als Heiratsschwindler unterwegs gewesen? Den langen Abend und die lange Nacht hindurch, bis der Morgen graute und Dich zu mir rief? Gestehe! Und die rechte Hand, nicht mehr blind, kitzelt den Hals des Schlafenden, der sich tot stellen möchte. In diesem Moment. Luise weiß Alles. In jedem Moment. Lars Dietrich liebt sie dafür. Und Lars Dietrich hasst sie dafür. „Küsse auf der Haut“ murmelt sein Mund. Vier Töne. Wir haben sie gesucht. Wir haben sie gefunden. Die vier einzig richtigen Töne. Für Dich! Und dann zeigt ein sachtes Schnarchen, wie ernst es Lars Dietrich ist. Mit dem Schlaf. Ja, schlaf Du noch. Mein Du. Mein Herz. Mein Mann. Schlaf Du noch! Und wieder schlüpft Luise als nackte, weiße Nymphe, aus schlaftrunkenen Federn und lässt den Mann seinen Traum vom Mann-Sein weiter träumen. Luise weiß um ihren Mann. Praktisch und theoretisch. Sie kennt ihren Mann, wie eine kluge Frau nur ihren Mann kennen kann. Luise weiß um sich selbst. Luise weiß auch, dass man eben nie wirklich weiß. Um sich selbst und um den Mann. Aber Luise lernt. Luise hört. Luise denkt. Und Luise denkt immer noch. So schlimm wird es nicht kommen. Mit uns. Wie es rein theoretisch kommen könnte. Und wie sie zu hören bekommt, Tag für Tag, von den Stimmen in ihrem Telefon. Luise überschätzt sich. Luise überschätzt sich gewaltig. Luise glaubt, Liebe reicht aus. Das hat sie zu Jeanne gesagt. Liebe reicht aus. Vertrau darauf. An einem Tag, sieben Monate, vor dem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Diesem Tag, an dem sie fast das Handtuch werfen wollte. Diesem Tag, an dem sie Lars Dietrichs Egoismus nicht länger ertragen wollte. An diesem Tag, an dem sie alles satt hatte. Das Helfen. Das Geld-verdienen-Müssen. Die Einkaufstüten überm Fahrradlenker. Die Heimkehr von den Einkäufen, in eine leere Wohnung hinein. Denn Lars Dietrich ist bei Lars. An diesem Tag, an dem sie alles so leid ist. An diesem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Sieben Monate vor diesem Tag, gab es einen anderen Tag, mit einem allerersten Beweis. Es lohnt eben doch. Es zahlt sich aus. Es wird leichter sein. Das Leben. Die Arbeit. Die Liebe. An diesem Tag, sieben Monate vor diesem Tag, vor zweieinhalb Jahren, also Heute, hat Jeanne angerufen. Jeanne! Die erste Kundin, Pardon, Klientin, mit mehr auf der Bank als bloßem Niveau. Nicht mit Millionen auf der Bank. Nein. Mit Milliarden auf der Bank. Und mit Kultur im Knopfloch. Und mit Bildung im Gepäck. Und mit Schönheit im Gesicht. Und mit Haute Couture am Körper. Jeanne, deren Name allein, nach Chanel zu duften schien. Deren Stimme den französischen Akzent betont, als sei das Glöckchen-Klang. Jeanne, das blonde Gift, im schwarzen Nerz. So zeigt sie sich, auf ihrem ersten Foto, das sie Luise via Mail zukommen ließ. Einen Tag, nach jenem Tag, vor sieben Monaten, vor diesem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Jeanne, die als Top-Model in London gearbeitet hat. Damals blutjung. Jeanne, die einen Banker geheiratet hat. Zwei Kinder. Beide in einem Elite-Internat. Jeanne, die in New York Schauspielunterricht genommen hat. Jeanne, die nun in Paris lebt. Goldene Wasserhähne. So teilt sie im zweiten Telefonat mit. Eigener Koch. Persönliche Assistentin. Personal Trainer für den Body. Philippinin für das Grobe im Haushalt. Sie wusste how to rent einen buddhistischen Mönch, für das Erlernen von Meditation und mentaler Erweiterung. Jeanne, ehemals Johanna aus dem Schwabenländle. Vater Großunternehmer. Schwester verschollen. Weggegangen von der Familie.  Mit einem Anderen. Nie mehr gehört und nie mehr gesehen. Jeanne, geschieden. Jeanne, liiert mit einem Superstar der Rock´n Roll Szene. Puh, Jeanne eben! Bis vor einen Monat, vor diesem Tag, an dem Jeanne Carina zu Luise geschickt hat, wie einen traurigen Engel, hat Jeanne jeden Tag mit Luise telefoniert. Sechs lange Monate hindurch. Tag für Tag. Aus den Emiraten hat sie angerufen. Von ihrem Shopping-Weekend, in New York, hat sie angerufen. Von der Fashion-Week, in London, hat sie sich gemeldet. Und mit dem Blackberry hat sie Mails geschrieben. Wenn sie sich nicht melden konnte. Aus dem Privat-Jet. Zum Beispiel. Dann kam jener Tag, an dem Jeanne Lebwohl an Luise geschrieben hat, via Mail. Und nach diesem Lebwohl kam der Tag, an dem Luise alles so satt gewesen ist. Und nun ist Carina da. Carina, die gerne so wäre, wie Jeanne ist. Luise sinnt. Luise sitzt mit ihrer Zigarette in der grazilen rechten Hand, die soeben noch ihren Mann gekitzelt hat, am Frühstückstisch und ist in tiefe Gedanken versunken. Zeichen. Zeichen der Verfestigung. Der Zeitenwende. Die mit Jeanne an die Tür geklopft hat. Mit Jeanne zu verschwinden drohte. Mit Carina daran erinnern machte. Sie ist noch am Werk. Sie ist noch da. Die Wende. In gute Zeiten hinein. Und doch ist Luise heute Morgen, einen Morgen, nach jenem Abend, an dem sie ihr Gedicht TickTack-TakTik geschrieben hat, ganz eigenartig zu Mute. Mit Jeanne ist die Zwei-Zimmer-Altbau-Wohnung gekommen. Mit Jeanne ist Lars Dietrich gekommen. Für immer. Zu ihr. In die neue Wohnung. Was würde nun kommen? Mit Carina? Dem Abschiedsgeschenk von Jeanne. Was wird kommen, Luise? Fragt sich Luise. Heute, in diesem Moment. Jeanne ist nicht der einzige, untertrieben wohlhabende Anrufer gewesen, der gerne den Weg zu Luise gefunden hat. Und weiterhin findet. Oh Nein! Inzwischen ist Luises Klientel bunt gemischt, mit einem sehr wohldosierten, hohen Prozentsatz, an überdurchschnittlich verdienenden Menschen. Sofern diese noch von ihrem Verdienst leben und nicht längst von Zins und Zinseszins. Die Vorrang-Stellung von Jeanne indes, hatte nicht nur in deren Qualität, Glamour-Qualität sozusagen, gelegen, sondern in der quantitativen  Beanspruchung von Luises Beratungen. Jeanne übernahm ein Drittel des Gesamtverdienstes von Luise. Nach einem eineinhalbstündigen Palaver mit Jeanne, konnte Luise manchmal Stunden hindurch keinen neuen Anrufer mehr entgegen nehmen. Zu sehr hatte Luise das Gehörte zu verarbeiten. Jeanne hatte Luise in ihr Leben gerufen. Jeanne ließ Luise an ihrem Leben nahezu minutiös teilnehmen. Und Luise hatte begonnen, das Leben von Jeanne mit zu leben. Sie trauerte mit Jeanne um den Verlust der Schwester. Sie sorgte sich mit Jeanne um die Erziehung der Kinder. Sie schrieb für Jeanne flammende Briefe an deren Ex-Ehemann und appellierte an großzügigere Unterhaltszahlungen für die Kinder. Für deren Reitpferde. Für deren Privatlehrer. Für deren Auslandsaufenthalt. Für deren Klavier. Und für deren Cello. Luise saß mit Jeanne im Sonnenstuhl, vor dem Swimming-Pool, im Park, der zu dem Anwesen gehörte und ärgerte sich mit Jeanne, dass das Personal wieder vergessen hatte, das abgefallene Blatt eines Baumes, aus dem Wasser zu fischen. Nun fault da das Blatt und verschmutzt mir das Wasser! Wofür bezahle ich denen mehr als üblich? Heulte Jeanne in nicht gespielter Hysterie. Und Luise blieb geduldig. Warm und verständnisvoll. Und wies dennoch liebevoll auf die Option, in eine andere Richtung zu sehen, ab und an, als zu diesen Stellen der Qual des alltäglichen Daseins. Luise spürte, dass sie für Jeanne unentbehrlich geworden war. Doch Luise spürte zu spät, dass Jeanne unentbehrlich für sie selbst geworden ist. In weniger als einem halben Jahr. Luise bestimmte nicht mehr alleine über ihre Arbeitszeit. Jeanne forderte sehr rasch die private Telefonnummer heraus. Jeanne ist nach fünf Monaten täglicher Gespräche auch die Erste gewesen, die mit Luise über einen vorteilhaften Preis zu verhandeln begann. Die Gespräche sind easy für Dich! Sagte sie in ihrem schönen Timbre, warm und voll und süßlich im Abgang. Und ich liebe Dich! Sagte sie auch. Und lud Luise in ihr Schlösschen in Paris ein. Wann immer Du willst! Du bist willkommen! Du kannst Dich erholen. Du brauchst nur den Flug zu bezahlen. Logis ist frei. Luise begann, nach fünfeinhalb Monaten, an den Avancen von Jeanne zu leiden. Sie durchschaute die Strategie. Doch sie kannte sich selbst mit Strategien nicht aus. Seriös! Das genügt. Sagte sie sich. Und nun hatte seriös versagt. Jeanne hatte die eigene Abhängigkeit von Luise, zu einer Schlinge für Luise gedreht. Luise gehörte ihr bereits zu einem Drittel. Nun wollte Jeanne Luise ganz und gar. Ich mache Dich reich! Raunte Jeanne. Ich komme nach Berlin! Wir nehmen meine EC-Card und wir kaufen Dir Klamotten. Klamotten, Luise, die Du noch nicht gesehen hast. Wir gehen ins PiPaPo und bestellen Trüffel und schlürfen Champagner. Und wir treffen Alle, Alle die Rang und Namen haben und Du wirst berühmt. Luise. So berühmt, wie ich in gewissen Kreisen berüchtigt bin. Lu-i-se! Und Luise wurde schummrig. Was waren das für Aussichten. Wohin mit seriös. Wohin mit Lars Dietrich. Wohin mit ihrem Leben. Wie sollte Luise die Miete bezahlen, wenn Sie in der eigenen Stadt, in einer anderen Welt, die Tage gratis um die Ohren hauen wollte. Mit Jeanne. In deren Welt. Mit Seide und Klunkern am Körper. Und dann stand eine schwarze Limousine vor dem Haus, in dem Haus in Neukölln, in dem Luise ihre zwei Zimmer mit Lars Dietrich teilte. Und ein schwarzer Fahrer stieg aus. Und an Luises Haustür läutete es Sturm. Und Lars Dietrich wurde wach und saß aufrecht im Bett. Und Luise versteckte den roten Schopf hinter einer Zimmerpflanze und lugte im Tarnkleid aus dem Fenster. Und dann öffnete der Fahrer die hintere Tür und Jeanne entstieg, im schwarzen Nerz, ein bodenlanger Nerz, roten High-Heels, blondierten Locken, Seidenstrumpf am makellosen Knie und silberfarbenem Mini. Drei weiße Hundchen sprangen an ihr empor. Pfui, pfui, wehrten rote Fingernägel zärtlich ab, stecknadelkopfgroße, weiße Hundchen und Luise wurde schwarz vor Augen. Jeanne, diese Göttin, in Neukölln. Jeanne, das verschlingende Monster, in diesem Moment, auf dem Sprung zu Luise, der Beute mit rotem Schopf und schlotternden Knien. Lars Dietrich, geh nicht öffnen! Sie umklammerte ihren Mann, als sei er ein rettender Stamm, an diesem Vormittag, zwei Tage vor dem Tag, vor zweieinhalb Jahren, an dem Luise Alles so satt gehabt hat. Und beide hielten sich stumm. Stumm vor Entsetzen und hielten dicht. Kein Mucks kam über ihre Lippen. Kaum hob ein lebendiger Atem ihrer beider Brust. Und dann irgendwann, nach Minuten gefühlter Ewigkeiten, hörten sie das elegante Anwerfen eines Motors, aus echtem Silber, in einer adäquaten Limousine. Das ist es nun  gewesen! Mit Jeanne ! Seufzte Lars Dietrich. Und Luise rollten Tränen über bleiche Wangen. Ja, Lars Dietrich! Das ist es nun gewesen, mit Jeanne! Und sie eilte zum PC und schrieb rasch einige Zeilen an Jeannes Account, zeitgleich gelesen von Jeanne, aus grün-funkelnden Augen. Ich berufe mich auf meine therapeutische Abstinenz! Liebe Jeanne! Dein Verhalten ist grenzüberschreitend! Liebe Jeanne! Wir hatten keinen Termin vereinbart! Liebe Jeanne! Lebwohl! Und Jeanne schrieb darauf ebenfalls: Lebwohl! Lebwohl Luise, Du törichtes Geschöpf! Ich wollte Dich nicht ausnutzen. GANZ IM GEGENTEIL! Und Luise atmete auf. Und atmete wieder frei. Vierundzwanzig Stunden hindurch, atmete sie durch und dann setzte der Entzug ein. Nie mehr durch den Park in Paris staksen. Mit Jeanne. Nie mehr Baby Austin fahren, mit Jeanne. In Gedanken. Am Telefon. Nie mehr den Nachbarn zuwinken. Mit Jeanne. Den Nachbarn, deren Namen Luise im Abspann eines Films aus Hollywood liest, wenn es bereits hell wird, im Kino-Saal. Nie mehr mit Jeanne Austern schlürfen und nie mehr Sex, mit Sprühsahne auf zarter Haut, die von des Rock-Stars Zunge höchstpersönlich aufgeleckt wird. Mit Jeanne. Nie mehr, Luise, ein Leben in Saus und Braus! Dafür Einkaufstüten überm Fahrradlenker! Luise! Zwei Zimmer in Neukölln! Luise! Ja, Stuck und Dielen! Luise! Aber zwei Zimmer! Und Neukölln! Luise! Ja, Gentrifizierungs-Ecke! Nette Nachbarn! Aber zwei Zimmer! Luise! Nicht gesponsert! Erarbeitet! Monat für Monat! Von Dir, Luise! Du dummes Geschöpf! In Neukölln! Und Luise brach entzwei, für einen Tag. Und das war dieser Tag, vor zweieinhalb Jahren, an dem sie alles so satt gewesen ist. Wir sind doch glücklich! Luise! Flüsterte Lars Dietrich. Zitternd. Und Luise sagte nichts. Und dann fanden sich ihre Münder. Verschlungen zu Einem. Und Luise wurde wieder zusammengesetzt. Neu zusammengesetzt. Denn zwei Tage nach diesem Tag, vor zweieinhalb Jahren, ging sie zu einem neuen Frisör. Und färbte sich die Haare ein wenig leuchtender Kupferrot. Und zahlte ein wenig mehr dafür. Als bisher. Bei ihrem alten Coiffeur. Und dann kaufte sie sich die schwarzen Hosen aus Samt. Und diese Jäckchen, wie ein Wams, solche Jäckchen. In Schwarz. Und schmiss die Jeans in den Müll. Und dann stand auf einmal die silberfarbene Kaffee-Pad-Maschine in der Küche. Italienisches Design. Küchen-Design. Und der Kühlschrank blieb leer. Für einen Tag. Und Lars Dietrich sagte zu Luise: Luise, der Kühlschrank ist leer! Und Ja, sagte Luise. Der ist nun leer! Und Lars Dietrich zog schweigend los und kaufte Brötchen und Butter. Und ein Glas mit Marmelade kaufte er auch. Der Lars Dietrich. Von seinem eigenen Geld. Und teilte ehelich mit seiner Frau. Mit Luise. Und dann kam ein weiterer Tag. Und neue Beweise. Und neue Klienten. Und Luise spürte, dass die finanzielle Lücke namens Jeanne, schon bald gefüllt sein würde. Es zahlt sich aus. Dachte Luise. Es zahlt sich eben auch aus, seriös zu bleiben: Verzichte auf Abhängigkeit. Du wirst Freiheit finden. Esoterisches Gesetz No 1!
Auch das zahlte sich nun aus. Jeanne wurde ersetzt durch ein Dutzend neuer Stimmen, neuer Namen und neuer Geschichten. Doch Jeanne blieb unersetzlich. In der Intensität. Und nun Carina. Luise ist weiser. Inzwischen. Wenige Wochen, nach jenem Tag, an dem Jeanne Lebwohl zu Luise sagen musste. Sie weiß um die Notwendigkeit von Grenze. Um den Schutz durch Abgrenzung. Und doch ist ihr mulmig zumute. Ihre Sicherheit wurde durch Jeanne ins Wanken gebracht. Luise traut sich, in stillen Momenten, selbst nicht mehr über den Weg. Und das lässt sie, heute Morgen, mit Anspannung und leichtem Zittern, in den grazilen Fingern der rechten Hand, an der Zigarette ziehen. Selbstgedreht. Wohlgemerkt. Ist die. Die Zigarette. Schwarzer Tabak. Aus Frankreich. Noch ein Zug. Und noch ein wenig Sinnen. Dann ruft die Pflicht. Und die ist Oho! Oho! hat damals auch Lars zu Lars Dietrich gesagt. An jenem Tag, an dem Jeanne Lebwohl an Luise schrieb. Lebwohl auf Nimmerwiederhören! Oho! sagte Lars zu Lars Dietrich, als diese die Köpfe zusammensteckten. Brainstorming! Oho, ob das klug gewesen ist, von der Luise! Und Lars Dietrich fühlte sich dem Freunde wundersam nah. Oha! Hatte auch Lars Dietrich gedacht. Oha, ob das nicht ein Fehler gewesen ist. Von der Luise. Aber zu Luise hat er das nicht gesagt, an jenem Tag. Zu Luise hat er gesagt, du wirst schon wissen, was richtig ist. Und dann hat er mit Lars die Köpfe zusammengesteckt. Immerhin, hat Lars auch noch gesagt, eine Dame von Welt, eine Dame mit Einfluss vielleicht, eine Dame mit Geld sicherlich. Oha! Oho! Oweh! Und Lars hat mit dem Kopf genickt. Solch eine Dame als Mäzenin für hungernde Poeten, hat er ganz heimlich für sich gedacht, das wär´s gewesen. Fürs Erste. Und Lars hat sich seinem Freund unsagbar nah gefühlt. In diesem Moment. Und Lars und Lars Dietrich klopften einander auf die Schulter. Oho! Die Luise. Denkt die wirklich an die Kunst? Oder denkt die letzten Endes nur an sich selbst! Das hat dann noch der Lars ganz leise gesagt. So in den Raum hinein. In dem auch Lars Dietrich sich befand. Und der hat mit den Schultern gezuckt. Lass gut sein! Lars, mein Freund. Lass gut sein. Die Luise weiß schon, was sie tut. Und da hat der Lars mit dem Kopf genickt. Ja. Ja. Die Luise weiß, was sie tut. Aber weißt du es auch? Und dann haben Lars und Lars einen neuen Song geschrieben. Geschrieben und Komponiert. „Oho! Oha! Oweh!“ hat der geheißen. Und der Song wurde kein Gassenhauer. Doch Luise denkt nun gerne in „Oho! und Oha!“-Kategorien. Seit Lars und Lars ihr das Lied gepfiffen haben. Eine Woche, nach jenem Tag, an dem Jeanne Luise Lebwohl gesagt hatte. Und Heute sagt sich Luise: Die Pflicht ruft! Und die Pflicht ist Oho! Und sie wirft die Zigarette in den Aschenbecher. Und schüttelt die Haare wie ein wildes Pferd. Und dann eilt sie in ihr Büro und holt tief Luft. Wird schon gut gehen. Luise. Wird schon gut! Oha! Nur was das ist, das da gut gehen soll, das weiß die Luise nicht mehr so genau. Wie eigentlich lautet das Ziel? Heißt das Ziel wirklich „es zahlt sich aus!“ oder gibt es hinter diesem Ziel noch ein weiteres, ein eigentliches Ideal? Und wenn es dieses Ideal gibt, heißt das tatsächlich Lars Dietrich? Oder Lars Dietrich und Luise? Oder Lars und Lars und Luise? Oder LLL und die Kunst? Wie heißt das Ziel? Wo liegt das Ideal? Liegt es nah an seriös? Oder nah dran an aus-zahlen? Oder bei Menschen wie Jeanne und Leben in Saus und Braus? Oder schlichter. Im Helfen? Im Rat geben? Im Zuhören? Im Mitmenschen als Solchen? Liegt das Ideal in der Liebe im Allgemeinen? Im Irdischen und im Transzendenten? Oha! Oho! Oweh! Luise hat sich verirrt. Mit Anstand und Unverkäuflichkeit aller möglichen seelischen Güter, hat sie ihren Weg zu gehen gewünscht. Und nun dies. Dieser Reichtum an Möglichkeiten. Diese Qual, zumindest, von scheinbarer Wahl. Wer bist Du Luise? Und wer willst Du sein? Luise! Willst Du sein, wer Du bist? Luise! Und willst Du werden, die Du bist? Und bist Du gewesen, die Du bist? Und wirst Du werden, die Du sein sollst? Oder sein willst`? Oder sein kannst? Oder wirst Du werden, wie Du glaubst, dass du bist? Luise! Oder sein sollst? Luise! Oder sein kannst? Luise! Oder bist Du einfach! Luise! So wie die Esoterik sagt: Du bist. Jetzt. In diesem Moment. Genau richtig. Reines Sein. Vollkommen. Schöpfergott. Deiner selbst! Luise! Schöpfe! Nimm! Nimm an! Es wird sich auszahlen! Luise stöhnt. Die Pflicht ruft. Oho! Einfach Tun. Gut tun. Was es zu tun gibt. Das ist nun das Beste. Das Einzige, das Halt gibt. Luise! Das tun, was es zu tun gibt. Und das gut tun. Was willst Du noch mehr. Und Luise strafft den Rücken und atmet den lebendigen Atem ein und auch aus. Komme, was da kommen wolle. Komme, was da kommen solle. Und komme, was da kommen könne. Ich werde das Schiff schon schaukeln. Und bei dem Gedanken an ein Schiff, wird ihr wohl. Und ein Schiff, mit acht Segeln…! summt Luise. Und dann setzt sie sich an ihren Schreibtisch vor das Telefon und sie muss nicht lange warten, bis es anfängt zu bimmeln. Und die Geschichten, die sie hört, nehmen ihr die Schwere, obwohl sie Schwere in sich tragen. In diesem Moment. Also Heute. Einen Tag, nachdem Carina sich bei ihr gemeldet hat. Wenige Wochen, nach jenem Tag, vor zweieinhalb Jahren. An dem sie alles so satt gewesen ist. Und Luise schreibt am Abend dieses Tages ihr Gedicht „Entgleisende Züge“.
Und Lars Dietrich kommt Heute ganz früh zu seiner Frau zurück.
Also gegen 23 Uhr. Und er schreibt seinen Liedtext „Heimat“.
Und gegen 24 Uhr gibt es Luise nicht und Lars Dietrich nicht. Sondern einen einzigen Körper und eine einzige Seele. Mit zwei Köpfen. Und mit vier Armen. Und mit vier Beinen. So einen Körper. Und mit zwei Herzen. So einen Körper.
Und die schlagen im selben Takt.
Carina hat sich dann erst einmal fünf Wochen hindurch gar nicht mehr hören lassen.
Und Luise hat sie nicht vermisst.
Und Jeanne hat sie auch nicht mehr vermisst.
Aber die alte Luise.
Die hat sie manchmal schon vermisst.