Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

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Donnerstag, 25. Juni 2020

Der wunderbare Buchanfang: XXVIII. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das seinen Blick in Abgründe taucht und für diese (nach "Akten-Einsicht") 
Formen der Sprache sucht.


Helga Schubert, JUDASFRAUEN


Ich schreibe dies am 24. November 1989. Vor 20 Tagen, als ich wie Hunderttausende meiner Mitbürger auf dem Alexanderplatz in Berlin für eine politische Veränderung demonstrierte, begann eine Veränderung zu demokratischen Verhältnissen, die lawinenartig erscheint. Die Wahrheit über die Verhältnisse der letzten 4 Jahrzehnte wird ans Tageslicht kommen. Und ich denke, auch ich als Schriftstellerin bin ermutigt, meine Mitteilungen in Zukunft nicht mehr in Parabeln zu verschlüsseln. 

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine solche verschlüsselte Botschaft, um Parabeln des Verrats.


Boncuk, der Kater, präsentiert JUDASFRAUEN v. Helga Schubert


Was die Welt im Innersten zusammenhält? Bei Helga Schubert zumindest scheint es der GEGENSATZ zu sein, das Paar, aus dem die Antipode besteht, die Polarität. Nicht aber, das sei betont, das Ganze als Einteilung in Schwarz und Weiß gedacht! Darin liegt die umwerfende Stärke dieser Erzählerin, dass sie den Grauton erkennt, diesen aber nach beiden Seiten hin verdichtet, damit im Grau das lichteste Licht und das dunkelste Dunkel erkennbar wird. Und am Ende (der Betrachtung?), so sehnt sie herbei, zeigt sich: "Alles gut".

Diese (aus tiefster Seele zu kommen scheinende) Herangehensweise an Lebensgeschichte(n), gepaart mit erzählerischem Können und souveränem Umgang mit literarischen Techniken (Montage), hat ihr nun (wie jeder weiß) den begehrten Bachmannpreis gebracht.

"Steh auf, Dir ist kein Knochen gebrochen" (Bachmann, "Das dreißigste Jahr") wurde zum "Vom Aufstehen", der Geschichte einer Tochter und der Geschichte einer Mutter. Letztere, dem Kind fast feindlich gegenüber stehend. Erstere liebend (wie Kinder das tun) und um die Liebe der Mutter buhlend. Erst die Erkenntnis, dass Liebe nur ist, wo sie ist. Und Liebe nicht sein muss, wenn sie nicht ist, lässt den Schmerz überwinden. Liebe ist da. Nur woanders. In den Armen eines Anderen. Das Kind (längst erwachsen) hat überlebt. Die Mutter bekommt, was sie sich von der Tochter schon lange gewünscht hat. Dass diese über sie schreibt. Die Gedanken sind frei. Sie schreibt der Mutter einen Liebes-Text, der auch von Grausamkeit sagt. Eine Ablehnung ist nicht hineingeschrieben. 
Dafür Annahme. Aus dem Grau blühen Blumen. 
Die heißen Gnade und Vergebung.

"Alles gut" kann nicht der letzte Satz sein, der unter den (vor über 30 Jahren publizierten)  "Fallgeschichten" der JUDASFRAUEN steht. Frauen sind nicht immer gut, liebevoll und loyal. 
Und die Frauen, um die es hier geht, sind es ausdrücklich nicht, da sie weibliche Denunziantinnen sind, die die Diktatur des dritten Reichs nutzten, um "ihre privaten Probleme zu lösen". Sei es wegen einer Belohnung durch materielle Erleichterung oder - häufiger - um sich am Liebhaber zu rächen, eine Demütigung zu sublimieren, den Neid nicht mehr spüren zu müssen oder sich endlich einmal mächtig zu fühlen. 

Ein Kapitel heißt "Judasfrauen". In dem Buch, das genau diese Überschrift übernimmt. 
In diesem Kapitel gibt es eine kleine Episode, in der die Autorin Helga Schubert mit ihrer Mutter über eben dieses Herzensprojekt streitet:
"Schreib über die Mütter, die damals mit Euch geflohen sind" sagt die Mutter.
"Warum sprichst Du eigentlich dauernd von Frauen?"

Antwort Helga Schubert:
"Mich stört die Frauenveredelung. ...
Wir sind auch böse und auch gefährlich, auf unsere Weise. Sobald ein Mensch auf einem Sockel steht, möchte ich den Sockel zerschlagen."

Nein, die Mutter wird mit keinem Wort belastet. Helga Schubert spürt hier noch dem Bösen der allgemeinen, weiblichen Seele nach. Die Haltung der Mutter, die sich selbst im Licht eines Klischees sonnt, in sich weder das Grau und erst recht nicht die Möglichkeit des Dunkels zu reflektieren vermag, ist dann auch durchweg (bis auf Eine) die Reaktion der Denunziantinnen auf ihre spätere Anklage vor Gericht.

Schuldig ist immer der Andere: Der Denunzierte, oder der Folterer oder der Henker. Oder die Verstrickung in unglückliche Umstände hinein. Helga Schubert, die sich mehrere Jahre mit den Gerichts-Akten (der, nach dem Krieg wegen "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" angeklagten Verräterinnen) akribisch auseinandersetzte, sucht auch hier die Lösung eines Rätsels und findet oft nur die tatsächliche "Banalität des Bösen". Getragen und bestärkt freilich durch das Getriebe der Diktatur. 

Zudem: Kein Verrat ohne Vertrauen. Kein Täter ohne Opfer. 
Auch in diesen Schicksalsgemeinschaften sucht die Autorin nach Sinn. 
Letztlich nach Erlösung von Grauen.
Sie findet es hier(noch) nicht. Und doch schenkt sie Empathie und Verständnis.

"Alles gut"? Nein. 

Aber sie (er)findet selbst für diese Frauen "Die eine Geschichte, die ein jeder Mensch zu erzählen hat. Seinen Kindern, seinen Enkeln. Wenn sie groß genug sind, sie richtig würdigen zu können. Oder auch ganz fremden Menschen. Wenn die nur zuhören. Jeder Mensch hat seine wichtigste Geschichte. 
Die ihn unterscheidet von den andern, die ihn rechtfertigt, entschuldigt, erklärt."

Die Denunzierten sind allerdings, in der Realität und auch in diesem Buch, unwiderruflich zerbrochen und zerstört.
Wenn nicht gemordet, dann als Persönlichkeit erloschen. 

Die letzten Sätze des Buches (geschrieben in Richtung einer Denunziantin, mit der Schubert ein langes Gespräch führt) sind also weitaus gespaltener, als in "Vom Aufstehen":

"Die eine Geschichte.
Vielleicht muss sie die erzählen, bis eine jüngere Frau ihr einmal verzeihen kann, eine, die damals noch nicht lebte.
So eine Frau wie ich."




Mehr zum Buch z. B. HIER------>

Montag, 15. Juni 2020

Die wunderbare Lockerung...

…(der Sitten)...





Oh, wie war das schön! 

In den Zeiten von LOCKDOWN, lang ist es her, ganze 2 Wochen oder Monate, Jahre oder Tage, da kam uns die Welt (erstmalig?) so kostbar vor. 

Die Luft, die wir atmeten, war kostbar. Das Treffen mit (dem) Anderen war kostbar. Die Distanz zu (dem) Anderen war kostbar und die intime Nähe - ein wahrhaftes Gut. 

Wir freuten uns leise, über das (plötzlich) sittsame und angesagte Anstehen in einer wartenden Reihe aus weiteren achtsamen Seelen, sei es vor dem Buchladen um die Ecke oder ganz profan im Supermarkt. 
Es roch nach EINFACHHEIT.

Wir kochten auf einmal Ungewohntes (voll Wonne!) mit LEBENSMITTELN aus der Region und wir sorgten für uns, behutsam, um keinen Schaden durch Isolation und Existenz-Angst zu nehmen.
 
Wir sorgten uns und sorgten vor, nicht zuletzt, indem wir uns an der SORGE beteiligten und labten, die Alle mit Allen verband. 
SORGE kann auch schön sein. 

Wir jedenfalls bekamen Nahrung.
 
Nicht zuletzt, weil  ein Musiker allabendlich DANKE sagte und sich SCHENKTE und uns mit seinem (mittlerweise sicher legendären) Hauskonzert direkt in den eigenen 4 Wänden beehrte. Abend für Abend. Und so wurde das, diese Abendmusik, zu einer neuen Selbstverständlichkeit.

Steinmeier hat sich dann wiederum -im Namen von (uns) Allen- bei Igor Levit bedankt und plötzlich war das gesamte Twitter-Völkchen in Bellevue zu Gast. Uijui. Unvergessen.

Tja, der Lockdown kreierte Sternstunden so mancher Leben (vielleicht)!

Die (Berliner) Theater hielten stoisch mit dem Stream gegen "Live-Show on Air via Twitter"
Kontrovers diskutierte Mitschnitte im Gepäck, bewiesen sie mit Grandezza ihre Existenz!

(Apropos EXISTENZ: Existenzberechtigung durch Systemrelevanz ist auch so eine Sache, über die sicher noch eine Weile nachzudenken lohnt. Wer will nicht nach diesem LOCKDOWN zu den Systemrelevanten gehören. Was aber tun, wenn einem Systemrelevanz nicht zusteht und nie zustehen wird. Wenn da Einer durch alle Rillen und Ritzen des SYSTEMS fällt. Dann fällt das ja doch plötzlich ganz schmerzhaft ins Auge. Autsch. Und so. Ach, herrjeh!)

Jedenfalls zurück zur Botschaft der streamenden THEATER:
"Das Konservierte  ersetzt nicht den RAUM, in den das Theater und seine Zuschauer gehört". 
Aber es erinnerte mit seinen Videos eben durchaus an manche "Kunsterfahrung mit Bumms" und gab jede Menge Ein-Blicke, Aus-Blicke und Rück-Blicke... 

Huhuhu…!
Auch die (von uns ehemals abgöttisch geliebte)  "Baracke" des DT blitzte durch 2 aufgezeichnete Ostermeier-Inszenierungen ins Heute und sorgte in der Paganini´s-Redaktion für große Gefühle aus Nostalgie:
Damals, hinterm Mond...!

Zeit also, Abschied zu nehmen. Jetzt, hier und nun. 
Abschied vom großen Lockdown, weil dem eine große Lockerung folgt.
 
Die Frage ist nur:
Ist das ein Abschied vom LOCKDOWN oder der Abschied von WERT und GEWINN des LOCKDOWNS?

Fein wäre es, wenn die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit im Miteinander, die Dankbarkeit für bisherige "Selbstverständlichkeiten" und die Freude über "nicht selbstverständliche Freuden" in die, das altgewohnte weitgehend "kopierende" Lockerung, mit hinein genommen würden. 

So könnten WIR(?) für die Pandemie einen Sinn generieren.

Der Blick aus dem Fenster und der Gang durch die City verweisen allerdings eher auf eine NORMALITÄT, der die Paganini´s so eigentlich gar nicht mehr begegnen wollten:

DAS BRATHENDL DARF WIEDER (ENG AN ENG) GEGRILLT UND GEFRESSEN WERDEN!!!


Darauf ein verzweifelt "MIAU"...