Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"
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Samstag, 1. Mai 2021

Der wunderbare "Lear" und die "Politiker" ...

 ...in der Inszenierung von Sebastian Hartmann!

"Live-Stream-Premiere" des Deutschen Theaters Berlin


VORBEMERKUNG
 Eigentlich sollte schon damals die Bühnen-Premiere, vor diesen Ewigkeiten, also in 2019, unter "King Death" firmieren, wohlwissend, dass der Hartmannsche "Lear", hier liegend im Totenbett, nicht wirklich dem Shakespearschen "Lear" neues Leben einhauchen wird. Doch dann, und wen wundert es, blieb es eben bei der Nennung des Ur-Materials, dem "Lear" und dazu, hinten ran gehängt (aber sich im Nachhinein in den Vordergrund des Gesamt-Abends drängend) die "Politiker" von Wolfram Lotz
Heute, keine 2 Jahre später, in diesen Zeiten von Corona, gibt es eine neue Fassung als Live-Übertragung eines zeitgleichen Bühnen-Geschehens und somit die "Stream-Premiere". "King Death" findet in dem Einführungs-Video des Regisseurs zur überarbeiteten Bühnen-Fassung erneut Erwähnung, gehe es doch nun auch gesellschaftlich in besonderem Maße um die Frage, wie man dem Tod einen ihm gemäßen Respekt entgegen bringen könne. ---> siehe Video




Die Kritiken zur Premiere in 2019 waren nahezu durch die Bank so zweigeteilt wie der Titel des Abends. Mehr oder minder ein "Buh" bis "Naja" zum "Lear", dafür ein umso enthusiastischeres "Bravo" bis hin zum "Bravissimo" für die "Politiker". Die Paganini´s-Redaktion, dies sei erwähnt, hat die 2019-Inszenierung nicht gesehen, so dass die Vorfreude auf den heutigen Abend einerseits besonders groß ist, andererseits aber auch die bereits angelesenen "Urteile" im Kopf herum spuken.

Zuletzt total geflasht durch die Live-Stream-Premiere des Hartmannschen "Zauberberg", die durch die "Einladung" zum Theatertreffen allgemeine Anerkennung erhielt, muss dieser Abend nun damit leben, dass er mit diesem extrem berührenden und gelungenen Stream von Hartmann himself verglichen wird.

Außerdem wird heute genau unter die Lupe genommen werden, inwiefern die Neuinszenierung es schaffen kann, aus der aktuellen Situation tatsächlich stimmige Impulse in das Bühnen-Geschehen fließen zu lassen. Nun also "Vorhang hoch" und "Film ab" - es lebe der "Hybrid" aus Kino und Theater!
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NACH DEM STREAM-ERLEBNIS
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Puh! Nun erst einmal aufstehen, eine Runde durch die eigene Wohnung laufen, Katzen kraulen, einen Espresso trinken. Dazu das Fenster öffnen. Tief einatmen und tief ausatmen. Wieder Glieder recken. Nochmals den Pelz schütteln. Wach werden, wach werden. Aus der Bezauberung raus finden, aus der Betäubung raus, raus aus der Trance, weg von der Umklammerung dieses vollständig einzigartigen Abends. 
Wieder einmal hat Sebastian Hartmann und seine Crew es geschafft, sämtliche Erwartungen zu unterminieren und gerade deshalb einen echten Hartmann-Abend zu generieren. Jawohl, "KingDeath", das war der richtige Titel für diese ca. 100 Minuten aus Bildern, aus Rausch, aus Überforderung, aus Grenzgang, aus Sound, aus Überblendung, aus Schnitten, aus Animation (Tilo Baumgärtel-diese geniale Ergänzung des Regisseurs) und aus Film. 

Ähnlich durchwachsen, wie die Reaktionen der Zuschauer bei der Premiere 2019 im Publikum überliefert wurden, so sind sie diesmal im Chat zu lesen. Natürlich Lob für die Perfektion des Zusammenspiels von Dramaturgie, Schauspiel, Musik und Kameraführung. Hier und da eine sich überschlagende Begeisterung. Dazwischen allerdings für Stream-Theater auffallend viel Maulerei über den Sound-Teppich, der Worte schluckt und noch viel ärgeres Gejammer über die Unkenntlichkeit der Shakespearschen "King Lear"-Thematik. 

Und was macht Sebastian Hartmann, dieser Schurke? Er packt nicht mal seinen "Joker" der 2019-Inszenierung aus. Denn die "Politiker" fallen weitgehend wortwörtlich "ins Wasser". Nein, er wagt den "King Death". Es geht um den Tod. Um den Akt des Sterbens. Um die Flüche der Erben am Totenbett der Väter. Um die Verzweiflung und die Trauer eines endenden Lebens. Um den Zustand der Welt. Um den Zustand des Menschen. Um die Sehnsucht. Um das Unentrinnbare. Es geht auch um Politik. Um die Fragen der Verantwortung. Um den Hochmut des Menschen. Diesem Wahn nach Kontrolle. Seinem Verstoß gegen Welt und Natur. Und noch einmal, und noch einmal geht es um den Tod. Den Unbesiegbaren. Den letzthinnig Triumphierenden. Es geht um die Auslöschung. Und es geht um das Leben.
 
Immer wieder gibt es in diesem zweiten Live-Stream des Hartmann-Teams Zitate und Anklänge an den "Zauberberg". Der verzweifelte Schrei: "Wie soll man Leben!" ist hier wie dort zu hören. Auch ein Fatsuit zeigt sich. Ähnlich funktioniert das Zusammenspiel und die Wahl der künstlerischen Mittel, dies "Gesamtkunstwerk" gewissermaßen aus Worten, Musik, Spielern, filmischen Mitteln etca.p.p.

Vermissend vielleicht bei uns die Wahrnehmung, dass das (leere) Theater als Raum diesmal weniger sichtbar mit einbezogen wurde. Ein drehendes Rad (Schicksalsrad, Sonne und Spinnennetz), ein Krankenhaus-Interieur und Gänge, die überall sein könnten, nahmen dem Theater-Saal in diesem Stream sein charakteristisches Gesicht.

Dafür zauberhafter Einfall: Ben Hartmann bringt "Realität" in die Kunst-Bude, indem er auf seiner Gitarre "Ich will bleiben, wo ich nie gewesen bin!" schmettert. 
Am Ende Prozession der Schauspieler (den durchweg grandiosen!). Und wir verneigen uns.
Ganz großes Kino. Ganz großes Theater. Ein sehr würdiger "King Death".
Applaus, Applaus, Applaus!

Doch: Wie nun schlafen?





Mehr zu den Stücken und der Inszenierung --->HIER

Mittwoch, 21. April 2021

Der wunderbare Buchanfang: XXXII. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das von einer Schönheit ist, die nicht von dieser Welt zu sein scheint:


Cees Nooteboom, "Abschied"
(Gedicht aus der Zeit des Virus)


1

Dies fragte sich der Mann
im Wintergarten,
das Ende vom Ende, was könnte das
sein?
Etwas ganz ohne Kummer, dachte er
sich,
er schaute hinaus, sah eine Wolke, die
aussah

wie eine Wolke, bleigrau, zu schwer
für jede
Waage ...

I

Dit  froeg de man in de wintertuin zich
af,
het einde van het einde, wat kon dat
zijn?
Het leek hem geen enkele vorm van
verdriet,
hij keek naar buiten, zag een wolk die
er uit

zag als een wolk, loodgrijs, te zwaar
voor
elke weegschaal ...



Pati, das Katerchen, präsentiert "Abschied"


Nein, wir können kein Niederländisch. Und nach dem Kauf von "Abschied", diesem kostbaren Lang-Gedicht von Cees Nooteboom, seiner neuesten Publikation also, wollte uns ein inneres Teufelchen einreden, das Buch hätte doch, zum halben Preis und ohne diese Zweisprachigkeit, vollkommen genügt, um zu beglücken. Das wäre dann der goldene Preis-Leistungs-Schnitt gewesen, sozusagen. So dachten wir einen Augenblick nur, den wir nun verwünschen. Und für den wir uns bitter schämen. 

Denn nach der ersten Lektüre, auf deutsch verschlungen, werden wir nicht müde, das Original laut und leise in uns hinein oder vor uns her zu lesen. Endlich, endlich  hören wir den Klang, den Rhythmus, die Melodie des Gedichts, so wie es vom Dichter gedacht und ersonnen, zu Papier gebracht worden ist.

Und ja, auch wenn man, wie wir, kein Niederländisch spricht und auch keines versteht, so glaubt man dann im Lesen, das zuvor (und seit jeher kongenial) von Ard Posthuma in deutsches Wort Übertragene, hätte auf einmal Flügel bekommen. So dass ganz von alleine (einfach kraft des Dichters Kunst) das tiefe Verstehen (auch und gerade) in jener "exotischen"  Ur-Sprache, mit uns wäre.

"Und da erkannten wir die Feinheiten der Übersetzung. Und da erkannten wir die Feinheiten des besonderen Cees-Nooteboom-Klangs ..." (Boncuk, der Kater, vollkommen beseelt, in der Redaktionskonferenz.)

Ach, nun genug der Schwärmerei über den Suhrkamp-Druck in zweierlei Variante.

Hin zum Text, der wahrlich den plakativ angekündigten Untertitel "aus der Zeit des Virus" nicht nötig hat. 

"Die Toten suchen ein Haus". So hieß Nootebooms 1. Gedichtband. Es folgten "Kalte Gedichte" und "Schwarze Gedichte". Es braucht nicht das Virus, um nach dem "Ende vom Ende" zu fragen. Corona gibt darauf keine Antwort. Das Ende vom Ende ist seit jeher Gewissheit.

"Beginnt hier das Jenseits?"
Das liest Nooteboom (angeblich) als Poster auf einer menschenleeren Straße in Zeiten des Lockdowns.
Die Leere der Straße. Diese Frage. Gemalt auf einer Häuserwand. 
Die Atmosphäre von Vakuum.
Alles wirkt, wie Alles IMMER auf Nooteboom wirkt:
Anregend!

In "Abschied" geht es nicht um Corona, sondern es geht um Leben und Tod.
Und dem Tod kommt Nooteboom, mit seinen mittlerweile 88 Jahren, nahe. 
Er bereitet sich vor. Und er hat sich zeitlebens vorbereitet.

"Jetzt ist Stille
der Rest der Strecke,
ohne Erinnerung
kein Leben."

Der Autor wird vor unseren Augen, im Gedicht, 
transparent und löst sich (schreibend) auf.

Er vergeht und wird neu. Zum "Niemand".
Hier zunächst als Dichter.

Und das ist - da niedergeschrieben - ein großes Geschenk!


Montag, 15. März 2021

Aus der wunderbaren Kladde...

 ...der Paganini`s!



Foto@Paganinis, Neuköllner Oper



Monde

Der dritte Mond kommt von links. Ich staune nicht schlecht, als er sich
in mein Blickfeld 
schiebt und den zweiten Mond vertreiben will wie ein Gespenst. 
Der erste Mond hängt träge genau über mir.
Ich muss den Hals strecken, um in sein Licht zu schau`n.
Drei Monde kämpfen um meine Beachtung und scheuen sich nicht, von mir
durchschaut zu werden. Drei Monde und dazwischen mein Ich.
Es könnte schlimmer 
um mich steh`n!



P.S.: Wir werden immer und immer wieder nach dem "falschen" Apostroph in Paganini`s gefragt.
Wir heißen so. Das ist alles. Meow!

Montag, 8. März 2021

Der wunderbare Buchanfang: XXXI. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das keine Werbung nötig hat, da aktuell in aller Munde:

Christian Kracht, "Eurotrash"

I.

Also, ich musste wieder auf ein paar Tage nach Zürich. Meine Mutter wollte mich dringend sprechen. Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon.


Foto mit Cover by Paganini´s

 
Gemach, gemach, könnte der werte Leser, die werte Leserin nun denken: Ist das denn nun ein Paukenschlag von einem wunderbaren Buchanfang? Oder ist das, nüchtern betrachtet, vielleicht sogar weder ein Paukenschlag noch ein wunderbarer obendrein?

Christian Kracht ist so berühmt, so berüchtigt und so Kult, dass er natürlich mittlerweile sehr anfällig für kritische Betrachtungsweise bis hin zu einem abfälligen "DEN lese ich nicht!" geworden ist. Was er sich freilich auch erst erarbeiten musste. Dennoch - oder gerade deshalb - stürzt sich die Meute der KritikerInnen Buch um Buch erneut auf ihn und rauf und runter in den Feuilletons wimmelt es dann von Kracht, Kracht, Kracht. 
Nun also dieses "Eurotrash" mit schickem, absolut "Arroganz" assoziierendem Cover und das wird dieser Tage dann auch noch (von den meisten der namhaften Kultur-Seiten) mehr als nur lobend bewertet. 

Wozu da noch ein "wunderbarer Buchanfang" in einem Berliner Kultur-Blog, wenn doch die ersten Zeilen von "Eurotrash" noch nicht einmal unbedingt selbsterklärend "ganz außerordentlich fabelhaft" anmuten könnten? Ist diese Blog-Redaktion derart verarmt, dass sie die ruinösen knapp 19 EURO für das E-Book zumindest in einem Post verwerten muss, ohne dass ihr vom nicht existenten Kassenwart das Fell über die Ohren gezogen wird? (Ja, wir sind, ganz nebenbei!)

Bevor wir, die Paganini´s-Redaktion, nun also auch einen ganz kurzen, enthusiastischen Senf zu Krachts Neuling in den Äther geben, sei darauf verwiesen, dass der Buch-Anfang - der nun doch über die hier abgedruckten Zeilen hinaus geht - sehr wohl ein Paukenschlag ist. Erstens.
Und zweitens: Die Redaktion hat sich im Laufe der (gar nicht langen) Lektüre, in dieses Buch verliebt. Ja, wir lieben dieses Buch geradezu. Nicht zuletzt, weil es ein liebendes Buch ist, das der Herr Kracht da hingeschrieben hat. Manchmal "hingerotzt" könnte man fast meinen, aber eben insgesamt brillant gekonnt niedergeschrieben. Und vor allem: LIEBEND!

Zum Ersten nun: Der stilistische Paukenschlag liegt im "Also", das auf den inhaltlichen Paukenschlag  des Buchanfangs verweist. "Dazu muß ich außerdem sagen, daß ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben hatte, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt hatte". Bumm! Pauke! Bumm! 

Mit "Also" beginnt auch dieses hier erwähnte "Faserland", der Erstling dieses begabten "Schnösels" Kracht. Und wenn sich Christian Kracht gleich zu Beginn von "Eurotrash" zu eben dieser Autorschaft bekennt,  dann darf der Leser mit Recht im Weiteren Bekenntnisse, Bekenntnisse, Bekenntnisse erwarten. Die Bilanz eines großen Schriftstellers scheint hier angekündigt zu werden. Na, wenn das kein Paukenschlag ist, was bitte dann...?!

Zweitens: Die wirklich interessanten Bekenntnisse finden sich dann eher auf eine sehr bedeckte Art und Weise. Die Fakten der aneinander gereihten Familiengeschichte väter- und mütterlicherseits fühlen sich eigenartig "dahin erzählt" an. Die Nazi-Vergangenheit der Vorväter einerseits, das blasierte Angeber-Gehabe des neureichen Emporkömmlings (Vater) andererseits. Es fallen natürlich reichlich abfällige Bemerkungen, die aber etwas durchaus unpersönliches vermitteln, etwas allzu nahe liegendes für unser aller Blick als Gegenwärtige. Zumal diese Historie der Familie Kracht hinlänglich bekannt ist. Selbstzerfleischende Bekenner- und Aufarbeitungs- Lektüre mit anschließender "Neuwerdung" liest sich normalerweise total anders. 

Und wenn genau hier, nach diesem 1. Viertel des Buchs, der Leser und die Leserin in Richtung leichter Enttäuschung tendieren wollen, da folgt eine Aufwärtsbewegung gen Fiktion und Himmel - sehr speziell, überraschend und toll - als würde Kracht nun erst lässig anfangen, mit den Flügeln der Literatur zu schlagen. Da trägt er die Leser mit sich fort, hinein in eine andere (und doch die gleiche) Geschichte. Und Mutter und Sohn kommen in Bewegung. Das Road-Movie beginnt.
 
Damit setzt die (bereits erwähnte) Liebe ein. Einmal die Liebe zur Mutter. Er denunziert sie nicht. Sie darf zur Fiktion werden (und damit lebendig!). Und noch einmal die Liebe zum Erzählen, zur Literatur. "Ich hatte immer gelebt in den Träumen, in den Gespenstern der Sprache". Zumindest für die kurze Spanne der Lektüre taten wir das auch. Ein schönes Buch!


Mehr zum Buch plus Rezensionen auf "Perlentaucher"--->

Freitag, 26. Februar 2021

Die wunderbare Mikro-Story...

der Paganini´s


DAS ENDE 

Sonderbar sein Gebaren, als ich ihm sagte, dass
ich nun gehen werde. Sonderbar sein Blick: lauernd,
getroffen und dennoch hinein gegeben in die größte
Passivität. Ein Lauern sollte auf dem Sprung sein.
Was ist ein Lauern ohne ein Worauf, ohne Spannung und
ohne das Warten auf den folgenden Impuls? Wozu ein Lauern 
auf etwas, das keinerlei Aktion herausfordert?
Sonderbar auch sein Gebaren, als ich ihm sagte, dass es mir
vielleicht leid tun könne. Irgendwann einmal.
Sonderbar nun sein Nicken. Unpassend dazu, die ins
Leere greifende Geste seiner Hand. Ohne Bezug
zur Bewegung des Kopfes. Dennoch keine Bitterkeit im Raum.
Ein Blick und ein Nicken. Dazu ein Lauern auf nichts.
Das ist, was vom ENDE übrig bleibt.



Boncuk, der Kater, in der Redaktions-Konferenz:
""Mikro-Story", meine geliebten Babys, meine Darlings, das ist das neue "Mini-Cabrio" der Literatur!"

Und ein erleichtertes Schnurren ward laut, in den Räumen der Paganini´s-Redaktion...

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Geplant: Jeden Monat 3 Mikro-Stories auf Paganini´s (Berlin). Wir schauen mal per Test, ob das läuft ...
Schicken Sie/Ihr/DU 1 Mikro-Story an info@annettebergh.de.
3 Stories werden für den April ausgesucht.
Link zur Autor-Page/Account inclusive, sonst leider (und natürlich) nix!

P.S.: Die "Planung" ist vorerst v. Leben "weg-geplant" worden, da wir in den kommenden Wochen an 1 neuen Projekt mitarbeiten werden und fürs Lesen, auswählen und schick präsentieren keine Zeit haben werden. Doch "aufgeschoben ist nicht aufgehoben". Irgendwann auf ein Neues!

Montag, 15. Februar 2021

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s



Foto@Paganinis

Zwielicht

Krähe schreit Zwielicht entzwei
und ich hab doch nur dies,
um die Kontur zu entziffern,
die im Schnee sich duckt.
Da sitz ich, kneife die Augen, 
als sei ich geblendet und
fühle den Flügel. Im Schein des Mondes
fürcht ich mich (nicht). Mein Haus
steht ruhig im Tal. Hinter dem Fenster
das Licht. Es ruft mir ein Leben zu.


Samstag, 13. Februar 2021

Die wunderbaren "Metamorphosen"...

 ...in diesen, unseren Zeiten


Von der Paganini´s-Redaktion u. a. beobachtet bei der Planung zur Berlinale 2021 und in der Stream-Premiere der Volksbühne Berlin in der Inszenierung von Claudia Bauer

„Die Erschaffung des Menschen“ aus einem Druck der 
Metamorphosen von 1676 mit Illustrationen von François Chauveau


Metamorphosen überall. Wandlung allenthalben. Veränderung, wohin man schaut und hört. Wir leben, so möchte man meinen, im Zeitalter von Covid 19. Gesichter werden von Masken dominiert. Bussi Bussi ist perdu. Distanz seltsam in und up to date. My home ist  mein only castle. Das Leben in "Gefangenschaft" auf einmal ein herausragendes Zeugnis von Loyalität und sozialer Kompetenz. (Nein, wir wollen jetzt NICHT aufmüpfig oder polemisch werden!) Die Hippie-Frisur nennt sich Corona-Locke. Und die Kultur?

Nun, die Kultur breitet sich aus wie ein Schling-Gewächs, hinein ins WWW, ins Dickicht der Digital-Social-Polis-Plattformen. Und der Bär, dies uralte Maskottchen des (einstigen) Publikums-Kino-Festivals unserer Stadt, auch er hat sich erneuert und verwandelt und sieht nun aus wie etwas, das alles sein könnte was Ohren hat, nur nachts erwacht und auch da nicht erkannt werden will. Aber es trägt immerhin eine weiße Brille. Aber keine Maske. 

Metamorphosen überall. Wandlung allenthalben. So war es immer. So wird es ewig sein. Alles bleibt, nichts geht verloren. Es existiert weiter in verwandelter Gestalt. Denn Metamorphose ist ein Synonym für Leben. Dass die Veränderung sehr häufig nur die Form und nicht das inhaltliche Ur-Prinzip betrifft, zeigte sich dieser Tage in Sachen Berlinale. Und das ist gut so. 

Das sympathische Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian beugt sich natürlich den Bedingungen der Pandemie: Simsalabim. Aus 1 mach 2. So lautete hier die Devise zur erzwungenen Metamorphose. Im März also schauen sich Akkreditierte und Jury-Mitglieder die ausgesuchten Filme in einem (NEID, erstarre!) Kino an. Und im Juni darf dann das Publikum - so lautet der Plan - die Filme ebenfalls in ausgesuchten Kinos sehen. Die Gewinner der Bären sind dann allesamt bereits gewählt und bekannt. 
Darin lässt sich allerdings fast ein Eingriff in das ideelle Ur-Prinzip des Festivals ausmachen. Denn der Wettbewerbs-Charakter mit seinem besonderen Prickel und (Mit-)Fieber entfällt damit in der Totale. Wenig Veränderungs-Schock findet sich glücklicherweise bei der Auswahl der Filme. In der Sektion  Wettbewerb befinden sich 4 deutsche Produktionen (von Schrader, Brühl, Speth und Graf). Keine Amerikaner. Dafür "alte Bekannte" wie z.B. der gloriose Hong Sansoo

In Sachen Berlinale also eine moderate Mischung aus situationsbedingter Anpassung der "Gestalt" und vielen altbekannten Namen sowie bleibenden, inhaltlichen Prinzipien, wie es der politische Film, Dokus und auch Serien sind. Zu vermuten ist heute schon, dass das Seufzen über "fehlenden Glamour und Stars" in diesem Jahr ganz gewaltig sein wird, was dann aber eher einer Fortführung der Berlinale-Tradition entspricht, als einem Novum.
Zu bedauern wird weit eher sein: ein zu vermutendes Fehlen an Bezauberung und Atmosphäre!
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Eben dieses "Fehlende" begleitet bis heute verstehbarerweise die Angebote der Theater in diesen Zeiten der geschlossenen Häuser. Ist Theater noch Theater, wenn es nur aus dem Haus gestreamt wird, statt wie gewohnt, zu sich nach Hause einzuladen und der Abend gemeinsam mit dem Publikum unter ein und demselben Dach begangen wird? Fehlt da nicht diese viel beschworene Einheit von Raum und Zeit und überhaupt der echte Theater-Schweiß? 

Nun, die Theater haben eindeutig dazu gelernt. Hartmanns "Zauberberg" ist nun zum Theater-Treffen eingeladen worden, als genau dieser Hybrid aus Film und Schauspiel und hat uns (siehe Blog-Post) extrem begeistert. Daneben gab es einige großartige, eigens für das Streamen entwickelte Produktionen, so dass wir (die Paganini´s) wirklich aufrichtig hoffen, dass sich diese Metamorphose der "Theater-Vermittlung" auch später weiterhin und parallel zum live erlebten Bühnen-Treiben entwickeln darf. 

Und dennoch, ach je, wie tief sitzt die Sehnsucht nach dem Theater-Erlebnis mit und unter anderen Menschen, wie oft wirkte stur abgefilmtes Streamen lahm und muffig, wie ein siechender Körper nur, kraftlos und blutleer. Letzteres kann man der aktuellen Stream-Performance von der Volksbühne Berlin zumindest nicht vorwerfen. Die Regisseurin Claudia Bauer hat sich - gemäß dem neu ausgegebenen Motto der neuen Volksbühnen-Spielzeit "POLIS/RESET" -  mit Ovids mythologischem Sampler "Metamorphosen" befasst, um den ewigen Ur-Prinzipien der menschlichen Spezies, von den Anfängen bis ins Hier und Heute, nachzuspüren. 

In diesem Theater-Stream findet sich ohne Zweifel ein reif ausgeklügeltes Verhältnis von lebendiger, vielseitiger und stimmiger Kamera-Arbeit und theatralem Wiedererkennungs-Effekt. Das Bühnenbild zitiert mit den hohen, hölzernen Türen das Foyer der Volksbühne, Körper- und Musik-Theater erinnern an Arbeiten von Marthaler und Fritsch. Das Ganze dann interpretiert und übersetzt durch Bauers vitale Handschrift. Die Schauspieler (auf der als solche klar erkennbaren Volksbühnen-Bühne) tragen hautfarbene Gesichtsmasken. Das Interieur mit Schreibmaschine, Klavier oder Sesselchen, erinnert die spießigen Fünfziger. Fantasievolle (meist Kopfschmuck) Accessoires befeuern die Wandlung der "mythologischen" Gestalten.  

Die Stimmen gibt jeweils ein Spieler hinzu, ausschließlich (oft verfremdet) gezeigt auf einer (über den Köpfen der auf der Bühne Agierenden hängenden) Leinwand.
Nicht-Sprechen auf der Bühne passt zum aktuellen Hygiene-Konzept und erhöht den Eindruck des Surrealen, des Grotesken. Komplettiert wird das Ganze durch Musiker und einen Counter-Tenor, der herzzerreißende Barock-Lieder singt. 
Tatsächlich viel Ovid-Text ist zu hören. Dazu Texte aus (von Bauer "Kompliz*innen (Ovids) genannt)
diverser Gegenwarts-Literatur (z.B. Dietmar Dath, Donna J. Haraway, Bruno Latour, James Lovelock, Stefano Mancuso etca.). So schön, so gut!

Dieses Irgendwas aus Farce, Groteske und Revue ändert die Form und die Farben der Bilder so rasch, dass alles in Gefahr gerät, ins Beliebige abzugleiten. Gelungener Schauer versandet im Haha! des sogleich gesetzten, nächsten Sketch. Zu oft danken wir, die Paganini´s-Redaktion, dass es im Home-Theater möglich ist, an der E-Cigarette zu nuckeln oder einen Cracker zu naschen. 
Was uns in jedem Fall ein Mangel scheint, an diesem überbordenden "Theater", das ist das Fehlen der Leerstelle. Da gibt es zu keinem Bild und in keiner Sekunde Raum für eigene Assoziationen. Damit ist letztlich alles an Geheimnis mit dem Holzhammer der überdeutlichen "Message" erschlagen:
"Willkommen zum großen utopischen Schlussbild, gebaut auf den großen Trümmern, des großen Zauderns".
Jaja! Achso! Aha!

P.S.: Übrigens, soeben haben wir erfahren, dass das Bühnenbild (die Türen des Foyers) ein aus dem Archiv gekramtes "Zitat" einer früheren Pollesch-Inszenierung an der Volksbühne ist. Interpretiert wird das zur Zeit als Hinweis auf Sparzwänge im Jetzt. Wir interpretieren es als "Metamorphose" im Sinne "aus alt mach neu". Aber eigentlich ist das dem Kater samt Paganini´s-Crew ziemlich egal.




Mittwoch, 3. Februar 2021

Aus der wunderbaren Kladde...

 ...der Paganini´s-Redaktion


@CC

Im Tollhaus ist endlich mal wieder die Hölle los:

"Einsteign, bitteee, einsteign"!

Die Stimme bettelt fast darum, dass ich teilhabe. Ach, auf einmal. Das kenne ich doch schon ganz anders. Ganz anders kenne ich das bereits. Da durfte ich weder hinein, noch heraus und ward gezwungen (in endlose Unfreiheits-Ketten hinein gezwungen) aufrecht Männchen zu machen, um überhaupt nur einen Blick (durch gepanzerte Glasscheiben hindurch) in dieses ominöse Tollhaus hinein zu tun.
"Einfach so. Machen Sie mal. Es tut nicht weh!"
"Und warum?" funkte ich.
"Einfach deshalb". Weil ich ein Mensch sei. Hieß es.
"Ein wahrer Mensch", sagten Sie unhörbar, "müsse doch wissen, wie das geht, dieses Tollhaus, wie das funktioniert". Sonst habe das Ganze doch gar keinen Sinn, also keinen humanen Hintergrund.
Das sei doch dann alles nur ein Hirngespinst. Oder ein Abgrund.
Schlimmstenfalls: EINE ILLUSSION. 

Ich schaute also und wartete. Und vertrieb mir anderweitig die Zeit. Oh, nein. Ich habe mir die Zeit sehr stimmig vertrieben. Es hat Spaß gemacht. Ich war in mir. Aber es ist schwer gewesen, in mir zu sein. Und es ist noch schwerer gewesen, nicht ins Tollhaus hinein zu kommen.
Und dennoch, wenn es an meine Tür geklopft hat, dieses tolle Haus, dann habe ich gesagt:
 "Ich bin bereits behaust. Haha!"

Das Tollhaus ist angeblich das Beste, das unter allen funktionierenden Welten erdacht hätte werden können. Jeder Zweifel ist (im Grunde) ein bedauerlicher Defekt, auf den das ansonsten perfekt funktionierende Tollhaus nicht  vorbereitet sein kann. Ich habe volles Verständnis für dieses Selbstbild. Und ich bin voll der Empathie. 

Aber bedauerlicherweise - bin ich auch voll der Zweifel.

Sofort kam folglich erneut ein vorformuliertes Einschreiben.  Sinngemäß teilte man mir mit, ich müsse wegen diverser Eigenarten und Verunmöglichungen meinerseits noch warten, bis ich ins Tollhaus hinein dürfe.
Bis dahin hätte ich "TOLLHAUS-VERBOT"! 

Also wieder einmal Warten. Erneut in Quarantäne verbleiben. So lange, bis das Tollhaus irgendwie ("irgendwie muss das doch irgendwie gehen") mich in eine sinnvolle Grundstellung schleusen könne, an so einen Start-Platz sozusagen, von dem ich dann auf "LOS" (mehr oder minder UNAUFFÄLLIG) mit hinein sprinten könne. Hinein. Ins Tollhaus. 

Nun also plötzlich drehender Wind.
"Einsteign, bitteee, einsteign"!
Nur die Ruhe. Ich fahre mit.
Aber überzeugt bin ich noch lange nicht!

(Notizen zu "Menschenlichter im Tollhaus, Vol. II", Januar 2021)