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Dienstag, 9. November 2021

Der wunderbare Buchanfang: XXXIV. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Diesmal ein Buch, das in seinem Erscheinungsjahr 2019 sofort für Furore sorgte und die Bestsellerlisten erklomm. Für uns ist es erst jetzt das Buch zur (noch immer pandemischen) Stunde. 
Die Rede ist von Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck."


Das Jahrtausend
Begann lausig.
Es gab keinen Computerbug.
Es gab keine verdammte Katastrophe.
Dabei hatten sich die Bewohner der westlichen Welt darauf gefreut, dass nach den
unendlich öden 90er Jahren endlich etwas passieren würde. Etwas, das nicht mit einer Finanzkrise zu tun hätte, die nur für Investmentbanker eine Aufregung bereitstellte, auf  den letzten Metern vor dem Aufprall ihrer fitten Körper auf dem Asphalt.


Boncuk, der Redaktionschef, präsentiert Bergs "GRM"


Soweit der "wunderbare Buchanfang", der direkt in die Welt führt, in der die Dinge nicht mehr Dinge sondern Informatoren sind. Also ins - nur leicht überspitzte - Hier und Jetzt(?)!

Denn sogleich, wumms, folgt auf die oben genannten Jahre sehr wohl noch die eine oder andere Herausforderung, die für unsere Gesellschaft in 2021 mittlerweile Geschichte und Allgegenwärtigkeit geworden sind. Zunächst einmal beginnen DAS INTERNET und die SOZIALEN MEDIEN die Köpfe der Menschheit zu fluten ("es war die Zeit der massenhaften Falschmeldungsverbreitung, der Massenmanipulation."). 2011 folgt DER SCHOCK, DIE TIEFE WUNDE der westlichen Verbündeten und damit der Beginn einer neuen Dimension von Terror und Terror-Bekämpfung: "Ein Flugzeug flog ins Pentagon und hinterließ ein Loch im Gebäude.(...) Zwei andere Flugzeuge landeten in Hochhäusern. Die Hochhäuser fielen in sich zusammen, und schon wieder sprangen Menschen aus den Fenstern." 
Es entstehen (auch dadurch) neue Kriegsschauplätze, aus denen sich wiederum u. a. Geflüchtete in den gelobten Westen wünschen. Als polare Antwort kommt es flugs zu einer Zunahme der Fremdenfeindlichkeit sowie der Stärkung des rechten Populismus. Wenn die Sicherheit bedroht ist, dann gibt es kein Halten mehr. Eins folgt auf das Andere. Also in direkter Linie: Zum Heute.

In "GRM" ist die Gegenwart des Buchs (aus heutiger Sicht nur wenige Jahre nach vorne verschoben) eine handfeste DYSTOPIE. Die Sicherheit unserer Realität wurde rein faktisch noch durch ein Weiteres zerrüttet. DAS aber konnte Sibylle Berg, die Erschafferin dieser dystopischen Schau, noch gar nicht wissen. Denn im Erscheinungsjahr 2019 kannte, sorry, um im Jargon zu bleiben, noch kein Schwein unsere inzwischen lebensbestimmende Pandemie, niemand im Westen ahnte dieses CORONA. Frau Berg dachte sich dennoch- sozusagen als Brücke vom "Heute" in die Gegenwart von "GRM" hinein - "... eine Welle der japanischen Enzephalitis. Jeden Tag gab es einen bis mehrere Berichte über die grauenhafte Bedrohung. Eine furchterregende Krankheit mit zu erwartenden Todesopfern im Zehntausender-Bereich.(...) Die Impfung war obligatorisch". Und wieder ein: Wumms!

Nun also haben wir, die Paganini´s-Redaktion, diesen literarischen Schuss erst jetzt gelesen. Das macht wahrlich nicht nur Spaß, doch wer bitte, ist so naiv, dass er denkt, eine Dystopie sei da, um Spaß zu erzeugen. Der Spaß kommt allenfalls über den Umweg der Freude am Entsetzlichen. Also am Horror. Dieser bietet bekanntlich als Genre durchaus Unterhaltung.
Allerdings zerschlagen "Frau Sibylles" prognostische Fähigkeiten den Genre-Begriff. Die tief gehende und weit reichende Informiertheit der Autorin lässt "GRM" zu einer Lektüre werden, in der man sich als Leser*in kaum mehr in die Comfort-Zone der Leser*innen retten kann.

"GRM" erinnert viel zu sehr an einen Zustandsbericht und eine Momentaufnahme unserer Zeit. Und folglich ist das Szenario (wenngleich leicht überspitzt) durchaus vertraut. Im Vertrauten richten wir Menschen uns ein. Das Vertraute nennen wir Heimat. Mit dem Begriff Heimat wird der Horror ausgetrieben. In "GRM" führt eben dieses "sich einrichten" im Ungeheuerlichen, zur schleichenden Katastrophe der Menschheit. Dies Buch ist wirklich nicht geheuer. Dafür vollständig integer!

Die Frage, die sich mit "GRM" stellt, ist nicht nur die Frage nach unserer (mittlerweile weitgehend menschgemachten, also künstlichen) Welt. Sondern (und hier mischt sich große Skepsis mit einem minimalen Hoffnungslichtlein) die eigentliche Fragestellung lautet: Was ist der Mensch? 

Mit den Antworten sieht es durch die Brille der Autorin (und in dieser Lektüre) wahrlich rabenschwarz aus. (Mit dieser Metapher ist selbstredend mehr über den Menschen verlautbart, als über den pechdunklen Vogel). Wer ist "schuld" und was ist zuerst: Der Mensch oder die vom Menschen erzeugte Umwelt/Menschenwelt? Beides ist hier weitgehend ohne einen Hauch von erkennbarer (Mit-)Menschlichkeit.

Wenn bereits mit Sibylle Bergs Roman "Sex2" (1998) der Mensch als ein großstädtisch Entmenschter  (entmenscht im Sinne eines vielleicht nur utopischen Menschlichkeits-Ideals) erschien, so ist er in "GRM" zu einem technikaffinen (letztlich dennoch hirnlosen) Psychopathen mutiert. Sadismen und frühkindliche Sicherheitswünsche gehen Hand in Hand mit Macht-Fantasien. Für Hoffnungen und Utopien lässt die Autorin keinen Platz. Und doch glimmen in DEN KINDERN (also den GRM-Protagonist*innen) ab und an geradezu rührend anmutende Rest-Erinnerungen an erloschene Möglichkeiten auf, die solch eigenartige Namen haben wie "Wärme" oder "Liebe". Da äußern sich rudimentär vorhandene Vorverständnisse menschlicher Bedürfnisse, die in dieser Welt von "GRM" keine Wahrheit mehr haben:
 "Die Drogen" (die Hormone, Anm.) "lassen dich glauben, dass dieser Mensch etwas ist wie die Eltern, die du nie hattest, die Eltern, die der Mensch nie hatte, dass ihr euch wärmen würdet wie kleine Katzen. Das gesamte Leben lang". 
Doch alles bleibt flackernde Illusion. Träume sind längst aus der Welt verschwunden.

Nicht nur die Intelligenz, die Voraussicht und die inbrünstige Warnung, die in diesem Roman liegen, machen das Buch so lesenswert. Nein, erst recht sind es diese seltenen Brüche, in denen Poesie und Romantik aufblitzt. Und eine berechtigte WUT, die tiefer Trauer gleicht, um nicht zu (Er-) Lebendes: Grime also.
Wenn der Menschheit nicht zu trauen ist, wem dann?
Im Fall dieses Buchs zumindest: Der Kunst!




Mehr zu "GRM. Brainfuck." -> HIER
Aktuelles von Sibylle Berg z. B. -> HIER

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