Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Sonntag, 26. Mai 2013

Der wunderbare Buchanfang! X. Teil:

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)

Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet
sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"


Diesmal, da wundersam wunderbar, Daniel Kehlmann, Mahlers Zeit:



I


In dieser Nacht machte David Mahler die wichtigste Entdeckung seines Lebens.
Ein Mann bewegte sich auf ihn zu. Er trug einen grauen Mantel, einen Hut und einen Aktenkoffer, und irgend etwas an ihm wirkte zugleich vertraut und bedrohlich. Er kam sehr schnell näher. Sein Mantel wehte hinter ihm, sein Hut saß etwas schief, der Koffer schlenkerte in seiner Hand. Dann war es kein Mann mehr, sondern eine Frau mit einer großen, viel zu großen Handtasche, dann ein kleines Mädchen mit dürren Armen und zwei Insektenflügeln, die über seinen Schultern zitterten...David wollte loslaufen. Aber er fühlte sich erstarrt, als gehorchten ihm seine Beine nicht, als hätte er überhaupt keine Beine oder überhaupt keinen Körper mehr; er wollte Luft holen und schreien, aber er hatte keine Stimme, und da war auch keine Luft; und die Gestalt war schon sehr nahe. Auf einmal zerrann sie, ihre Umrisse veränderten sich, wurden eins mit dem grünlichen Horizont, verschwanden. Und dann war selbst dieser Horizont nicht mehr da, und nur Davids Angst blieb, wie etwas Abstraktes, abgelöst von jeder Ursache, zurück.





Cover@SuhrkampVerlag



Paganini, der Kater, in der Redaktionskonferenz, die Fliege auf dem Cover unseres Rezensions-Exemplars fixierend:

Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt!
Beweg Dich gefälligst! 
Wecke meinen Trieb, meine Natur, meine Archaik!
Laß uns heute noch Fliegenblut fließen sehen...!
Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!

Redakteurin und Redaktion verlassen bestürzt den Ort dieses Schauspiels!




Sonntag, 19. Mai 2013

Die Schlange beißt sich in den Schwanz...

... und fragt sich: Was heißt Regieführen?





Herbert Fritsch, inzwischen Regisseur und mit Murmel Murmel beim TT 2013 vertreten, hat im bereits erwähnten "DAS FEST!" eine Anekdote von sich gegeben, die irgendwie zu dieser Frage zu führen scheint.
Als junger Schauspieler stand er auf der Bühne, sein Text war ungefähr dieser:

"Was tu ich hier und wer bin ich überhaupt?"

Es folgte ein dramatischer Blick ins Leere, also ins Publikum hinein 
und Jemand aus dem Publikum heraus, hat ihm dann ungefähr Folgendes zugerufen:

" Du bist das Opfer des Regisseurs!"

Ist dieser Mann, seit dem Geschehnis, das zu dieser Anekdote gehört,  als Regisseur tätig?

Das haben wir, die Paganini´s Redaktion, uns  daraufhin gefragt und sind zur Diskussion gekommen,
zu der Herbert Fritsch nicht geladen war.

Dafür aber Reinhild Hoffmann, Stephan Kimmig, Claus Peymann und Roger Vontobel.
Stephan Kimmig vom Deutschen Theater hatte sich krank entschuldigt, die Anderen haben uns das Ganze dennoch wunderbar erklärt:

Regieführen heißt Kunst machen, sich selbst finden, politisch sein, sich dafür bezahlen lassen und Spaß haben! 
Und es gibt noch ein Ensemble obendrauf, das macht, was man will oder ganz demokratisch mitregiert!
Je nach Gusto des Regisseurs!

Was hier kritisch klingt, sozusagen nach Paganini´s-Redaktions-Diskussion (aufgeklärt!),
ist nichts weiter als die Tünche echter Anerkennung.
 Denn die anwesenden Regisseure sind gute (teils legendäre) Regisseure. 
Sie machen, Jeder auf seine Art, Theater-KUNST!
Theater ist schön, gerade (oder: auch ) dann, wenn´s abseits der Inszenierung betrachtet wird!

"Der Blick des Kritikers landet vor der Schlafzimmertür, der Sex passiert woanders!"

Claus Peymann stichelt diffizil, wie oftmals, gegen die Kritiker-Jury des TT, welche die Erotik theaterschaffender Kräfte nicht wahrnimmt und kennt. 

Die Schlange beißt sich in den Schwanz. Und dennoch gibt es Anfang und Ende. 
Oder eben Kopf und Schwanz. Oder eben Alt und Jung.

Peymann, der Alt68er, der Kultivierte, der was draus gemacht hat, sitzt lässig in Seidenpulli (designer-schwarz) und Leinenhose (designer-grau) im Sesselchen und 
vis a vis der junge, gar nicht wilde Vontobel, der angepasste, unpolitische und 
dennoch sympathisch-sensible Neu-Zeitler.

"Die Veränderung der Gesellschaft führt eben auch zur Veränderung ihrer Regisseure!"
Und:
"Wir haben das Theater, das wir verdienen!" sagt der Alte.

"Die Haut muß dicker werden, um den Lebenskampf zu ertragen!" sagt der Junge.

"In der früheren Zeit" (wortwörtlich!), war Alles leichter! 
Das sagen Beide unisono!

Denn: "Wann ist man Heute so hingerissen, dass man sich dazu äußert?"

Oder so schockiert. 

Denn: "Merkel und Obama sind richtig nett, gehen ins Theater und dennoch ist irgendetwas faul!"

Das Subversive im Theater hat´s Heute schwer!

Dass Regisseur-Sein aber auch bedeutet, Mittler zwischen Literatur und Schauspielern und zwischen Literatur und Publikum zu sein, eint schließlich Alle zum ewig gültigen Schluß :
Regieführen heißt suchen, finden, vermitteln und weitergeben!

Zusammengefasst: 
Ein einziger, wunderbarer Ego-Trip führt per Team-Work direkt aus dem System ins System hinein!






Aus dem Programm-Heft:
...Regieführen heißt:
… rauskriegen zu wollen, wer man ist, und Frieden damit zu machen, dass man andere dazu benutzt.“
ANDREAS KRIEGENBURG
„… Texte auf dem Theater möglich zu machen.“
FRANZ XAVER KROETZ
Jeder Regisseur hat eine eigene Vorstellung davon, was das bedeutet: ein Drama, ein Stück, Flächen, Szenen, Collagen, sich selbst zu „inszenieren“; aus der Idee, dem Innern eines einzelnen mithilfe fremder Köpfe, Herzen, Körper im besten Fall etwas entstehen zu lassen, das über die Bühne hinweg zur gleichen Zeit Hunderte von Menschen entzündet. Was verbindet oder unterscheidet die Visionen und Arbeitweisen verschiedener Regiegenerationen? Welche ästhetischen Kämpfe fechten Regieväter und -mütter mit ihren Söhnen oder Töchtern aus? Was eint eine bestimmte Altersklasse von Theatermachern – und wofür will und kann sie stehen? Ein generationsübergreifendes Gespräch über das Bemerkenswerte am Inszenieren.

Wunderbare Moderatorin war übrigens Petra Kohse!






Sonntag, 12. Mai 2013

Theater ist Gegenwart...

...und Gegenwart ist Theater...!


So in Steigerungen wahrgenommen und vermittelt bekommen beim Theatertreffen in Berlin:
DAS FEST.


Foto



Der Abend beginnt mit Theorie. Yvonne Büdenhölzer, aparte Leiterin des TT50, beschwört in Ihrer Willkommensansprache zum großen FEST im Haus der Berliner Festspiele, die Gegenwärtigkeit dieser Kunstform, die nicht konservierbar wäre:
"Theater ist Gegenwart"!
Das FEST beginnt also mit dieser Definition.


Es folgt die Gegenwart einer gegenwärtigen Moderation von Sandra Hüller.
Gegenwart ist die Zeit, in der alle Ereignisse stattfinden. So auch dieses:
Die nicht einstudiert wirkende einstudierte Ansage im Plauderton mit folgenden, souverän formulierten Fragen an die eingeladenen Ehren-Gäste, wird durch die Gefährlichkeit der Gegenwärtigkeit von Gegenwart unterminiert.
Etwas Unvorhersehbares passiert.
Sandra Hüller formuliert das, mit bereits schwer werdender Stimme und haltsuchender Bewegung an die Stirn, so:
" Und jetzt passiert gerade das, was nicht passieren sollte...!"
Die Bretter namens Bühne scheinen unter ihren Füßen brüchig zu werden. Der schlanke Körper sackt (bühnentauglich) in sich zusammen. Der Moderatorin schwinden die Sinne in eine Ohn-Macht hinein.
"Ein Arzt, wo ist ein Arzt" ruft der herbeieilende Intendant, die Bühne füllt sich mit hilfreich erscheinenden Personen, das Licht wird gedimmt, die Zuschauer ins Foyer verbannt:
"Wir geben Ihnen für die Zeit der Unterbrechung Einen aus!"
So noch einmal, nun mit fester Stimme, der Intendant.
Und dieser hat noch dazu an diesem Tag Geburtstag.
Doch Gegenwart füllt den Theaterraum und verscheucht Planung und Gedachtes.


In der Zwangs-Pause. Das Theaterpublikum, mit Sektglas in der Hand, hat nur ein Thema:
"War das nun ECHT oder war das THEATER? Am Ende Alles nur inszeniert und einstudiert?"
Ein Hin und Her von Vermutungen und Raunen.
Theaterpublikum unter sich.


Der Abend endet mit praktischer Anschauung. Sandra Hüller hat sich rasch wieder erholt.
Zart und schön führt sie weiter durch die Show.
Wem, wenn nicht ihr, die ihr Gesicht den brüchigsten Charakteren schenkt und somit zum Leben auf der Bühne und auf der Leinwand verhilft, hätte man einen Anfall von Schwäche eher zugetraut und noch eher verziehen?
Und als dann das Ganze vorüber ist, das eigentliche Theater-Programm, das nicht nur Theater war,
da hebt sich der schwere, rote Vorhang und es wird aufgetan:
Das Publikum darf auf die riesige Bühne strömen. Nun wird getanzt werden.
Lars Eidinger, der Schauspieler, legt auf.
Die Zuschauer nehmen ihre Plätze ein.
Das Theater kann beginnen!


Aus dem Programm-Heft:
Das FEST empfängt seine Gäste auf dem Vorplatz mit Livemusik der eigens zur Jubiläumsveranstaltung arrangierten Musikerformation „Theatre Composers Orchestra“, besetzt aus bekannten Theatermusikern.
Auf der großen Bühne geht es weiter mit dem Berliner Kultmoderator und Regisseur Jürgen Kuttner, der in einem Videoschnipselvortrag behauptet: „Vom Theater getroffen“. Er widmet sich den epochalen Eigenheiten des Theaters, Querverbindungen zwischen Ost und West sowie Diskussionen rund um das Theatertreffen. Gemeinsam mit Sandra Hüller erinnern sich darüber hinaus Künstler, die das deutschsprachige Theater geprägt haben, an ihre Theatertreffen-Momente. Im Anschluss an das Bühnenprogramm lädt das Theatertreffen zum Fest auf die Bühne ein. Es spielen das „Theatre Composers Orchestra“. Ab 23 Uhr folgt „Autistic Disco“ mit Lars Eidinger.
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/tt13_programm/

Sonntag, 5. Mai 2013

Mayröcker goes Theatertreffen:

Reise durch die Nacht! 

Katie Mitchell und das Schauspiel Köln interpretieren einen literarischen Text.


ZITAT AUS DEM BUCH von Friederike Mayröcker:

...wenn ein Blatt vom Baum fällt, zittert die Welt, ich habe Angst, ich habe auch Angst, ich habe immer schon Angst gehabt, ich falte mich allzu leicht vor den Menschen zusammen, ich komme mir unterlegen vor, eine Angst löst die andere ab, sage ich, mein Selbstwertgefühl ist beinahe erloschen, eine fortschreitende Zersetzung wird offenbar, tatsächlich bin ich kaum mehr imstande, Freunden, ja vertrautesten Menschen ohne Scheu und Befangenheit, ohne Gefühle der Unterlegenheit, Unsicherheit und Furcht zu begegnen, alles ist schwierig geworden, alles ist undurchschaubar geworden, alles hat an Wirkung eingebüszt, ich bin kaum mehr Herr meiner selbst, ein dauerndes Danebenstehen, ein dauerndes teilnahmsloses neben sich selbst Stehen, sich selbst Zusehen, sich selbst Verdammen haben mir das Leben zur Qual gemacht, eine den ganzen Himmel überziehende plötzliche Dunkelheit, ich bin auch nicht sicher im Glauben...


EINBLICK IN DIE THEATER-VIDEO-PERFORMANCE von Katie Mitchell:





Eine Zugfahrt kann so psycho sein! 

Zu erwarten ist: Theater-Magie!

Am 11.05. zu Gast beim Theatertreffen Berlin 2013.
http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/ueber_festival_tt/aktuell_tt/start.php


Freitag, 3. Mai 2013

Ein guter Salon kennt die aufgegangene Naht am Cocktailkleid:


...dies Symbol für Glanz und Vanitas!


Es gibt keinen Salon in Berlin, der so sehr dem Ur-Bild eines Salons gleicht, wie der literarische Salon von Britta Gansebohm, der nun 18 Jahre alt wurde!

Der notwendige Touch Bohème wird durch die fragile Erscheinung der Dame in Salon-Robe (natürlich ohne Spliss im Saum) perfekt verkörpert:
Die Germanistin, Tänzerin und Schauspielerin transportiert diesen Zauber, der an Verletzbarkeit und Eigensinn von Vivien Leigh erinnern könnte.
Dennoch ist Britta Gansebohm Sie selbst, spielt keine Rolle und ist erfolgreich im Berliner Literatur-Milieu etabliert.

Nein, wir lassen die Metaphern und sagen nicht "nun wird die Chose erwachsen", sondern wir sagen 
"Herzlichen Glückwunsch"!

Im Übrigen sind wir an diesem Geburtstag erstmalig zu diesem Salon geeilt, obwohl eine halbe Ewigkeit um seine Existenz wissend, doch gerade deshalb immer vertagend: 

Och, da können wir doch auch nächsten Monat hin!

Dumm gelaufen, wir haben vermutlich was verpasst!


Der literarische Salon von Madame Geoffrin (1755)

Immerhin gab´s für uns zur Geburtstagsfete des Literarischen Salons auf einen Schlag dies:

Aus ihren aktuellen Büchern oder neue Texte lasen...

Alexa Hennig von Lange
Jan Peter Bremer 
Kathrin Röggla
Norbert Zähringer
Luo Lingyuan
Claudius Hagemeister
David Wagner
Barbara Sichtermann

Ihre eigenen Chansonlieder sangen...

Boris Steinberg
Corinne Douarre
Renee Van Bavel
Sven Bünger

Allesamt, immerhin, irgendwann in der Talentschmiede B. Gansebohm-Salon aus dem damaligen Ei geschlüpft!

Den oftmals überaus prätentiösen, ironie-fernen und unglamourösen Dichter-Lesungen 
der Literaturszene im steifen Ambiente, wurde hier mit viel Musik, Heiterkeit und Verve ein Schnelldurchlauf durch die aktuelle Bücher-Landschaft geboten.

Merke: Der Literat von Heute kann sich präsentieren wie ein Comedian (z.B. J. P. Bremer) oder eine Lesung als Performance gestalten (z.B. K. Röggla)!


Die Texte klingen manchmal fast so, als seien Sie im Hinblick auf Präsentations
tauglichkeit 
geschrieben worden! 
Aber: Vermutlich reine Unterstellung! 
Und: Spass macht´s trotzdem!


http://www.salonkultur.de/

Der neue Ort im TAK-Theater im Aufbau-Haus (Aufbau-Verlag), mit viel rotem Plüsch und Kerzenleuchter, passt wie angegossen zum Konzept!
Genau so geht Literatur-Salon! 




Redakteurin und Redaktion in der Redaktionskonferenz:

Lieber Herr Paganini, lassen Sie uns bitte verstehen?
"Ein guter Salon kennt die aufgegangene Naht am Cocktailkleid"!
Was wollen Sie uns damit sagen?
Bitte, Herr Paganini, erklären Sie...!?

Paganini, der Kater, gähnt, rollt sich zusammen und Redakteurin und Redaktion hören, 
wie sein Schnurren in lautes Schnarchen übergeht.
Ihr könnt mich mal, Allleee!!! heißt das.