Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Samstag, 9. Mai 2020

Das wunderbare Wort zum Sonntag...

Wie (fast) immer mit Blixa Bargeld:

"Nagorny Karabach"



Und mit diesen besinnlichen Worten verabschieden wir uns zu einer dringend erforderlichen Erholungspause vom Feinstaub des Lebens 
bis mindestens Anfang JULI 2020!

Stay Well!

Freitag, 1. Mai 2020

Das wunderbare Theatertreffen 2020...

...mit blühenden Kastanien in Reality und Hüller-Hamlet im NETZ



Kein TT ohne Kastanien-Blüte


Ein schönes Datum. Besonders in 2020. Der 1. Mai. Da riecht es nach Spargel, imaginierter Mai-Bowle und blühender Kastanien-Pracht. Nun ja, im Hintergrund wütet ein winzig-kleines Virus und zwingt Gewohnheiten in die Knie, aber mittlerweile hat sich doch ein Jeder in dieser - unwirklich erscheinenden - neuen Realität irgendwie ein bisserl eingerichtet, ein Jeder so auf seine Art. Und wenn sich auch Koller und Widerstand regen, so bestehen wir - hier und heute - erst recht auf das Recht auf ein wenig Freude. Oder, wer mag, auch große Freude.
Denn die gute Nachricht ist: Das Theatertreffen trotzt der Pandemie und fällt nicht völlig "ins Wasser" der behindernden Verordnungen sondern (beschnitten) ins NETZ.  Darin versteckt sich nun auch die obligate "schlechte Nachricht" und schon geht es weiter mit dem Erfreulichen. Denn ein so demokratisches Theatertreffen gab es noch nie. 6 Vorstellungen für Lau und für wirklich Jedermann/frau, ohne jeglichen Zwang zu Selbstdarstellung oder exzentrischem Dresscode.
Sei ganz Du selbst, bei Dir zu Hause und öffne Dich von dort (dem sicheren Hafen) der Community und der aktuellen Elite des Theaters!                                                    (Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz)
-------------------------------------------------------------------
01.05.20
HAMLET
Nun also zum Einstieg gleich ein theatraler Donnerschlag. Sandra Hüller und Hamlet. Der Dramaturg dieser Regie-Arbeit von Johan Simons, Jeroen Versteele , fasst in seiner Einführung (on Demand) zusammen, welche Lesart des Stücks bei dieser Inszenierung im Vordergrund steht:
 "Wir haben entdeckt, dass wir die Geschichte eines großen Verlangens nach Ehrlichkeit erzählen wollen, nach menschlicher Empathie und Verbindung."

Wo sich ein Mensch in ein Gewebe aus Lug und Trug verstrickt fühlt, da sind Wahn und Isolation nicht weit. Die Authentizität seiner Gefühle und seiner Wahrnehmung rutschen ins Fragile, geraten auf Glatteis. Wem ist hier noch zu trauen, was ist hier noch zu glauben? Und kann er so noch Halt und Festigkeit zu und in sich selbst verspüren? Alles gerät in ein Wanken, ins Manipulierbare. Was ist Ehrlichkeit und Loyalität, wenn Beides beliebig interpretierbar wird?
Hamlets Wunsch nach Wahrheit und Offenlegung wird hier zu einer wortwörtlichen Besessenheit. Der gemordete Vater offenbart sich durch den zuckenden Leib, die geisterhaft verzerrte Stimme des Sohnes. Nicht nur dies, ein grandioser Einfall der Regie.

Diese setzt insgesamt auf Chiffren, auf Andeutungen. Eine weiße, leere Bühne. Eine bewegliche, metallene Scheibe, wie ein riesiger Spiegel. Ein leuchtendes Rund als Mond und silberne Kugeln als Totenköpfe oder Elementarteilchen. Oder was auch immer! Die Musik ist unterschwellig dräuende Klangskulptur. Die Schauspieler verkörpern eher Zustände denn historische Personen. Doch bekommt die Sprache viel Raum. Sie trägt mühelos durch die Inszenierung. Und die Protagonisten haben - trotz des Skizzenhaften - durchaus echtes Leben. Die feine, sensible Psychologisierung des gesamten Geschehens bringt eine Zeitlosigkeit mit sich, die das Stück erstaunlich heutig erscheinen lässt. Maskerade make the world go round. Und wehe dem, der als Einziger zu riechen scheint, was da so "faul" ist im Getriebe.

Hier also steht Sandra Hüller. Verletzt und Verletzbar. Und stellt Hamlets Fragen. Grande Hüller- Hamlet!
Nicht auch nur einen Wimpernschlag lang erscheint die Wahl dieser Schauspielerin als Interpretin des Prinzen Hamlet fragwürdig. Hüller ist Hamlet. Basta. Und brüllt vor Verzweiflung:
"Gott gab Euch ein Gesicht. Und ihr malt Euch ein Anderes"!
Und wirkt ganz unbeholfen und schwankend vor Trauer. Großes Kind. Gedankenschwere. Gebrochener. Ein sehnsüchtiger Prinz, mit dem Wunsch, dass der Spuk ein Ende im Licht der Wahrheit bekommen möge. 
Dieser "Hamlet" macht vergessen, dass man ihn eigentlich schon mal (anders, woanders und doch) gesehen hat.

Eine leuchtende, eine einleuchtende Inszenierung.

----------------------------------------------------------------------
03.05.20
STOPPT DAS STREAMING, oder?
"Streaming ist ein bisschen wie Plastikblumen!".
Das sagt die Regisseurin Anne Lenk im Panel von tt-kontext "Stoppt das Streaming". Die Choreografin Joana Tischkau vermisst im Stream "das Körperliche" und Regisseur Christopher Rüping "das Atmosphärische". Das stimmt Alles. Und doch hauchen die umrahmenden Panels, der Live-Chat und die Nachgespräche dem Streaming-Erlebnis Leben ein. Das Theatertreffen virtuell ist ein bisschen wie das Theatertreffen original: Und das ist ganz schön schön!
-----------------------
Nochmal am späteren Abend  die Problematik oder auch die Gnade des gestreamten Theaters erlebt. Als Zuschauer wird man unter Umständen nie erfahren, ob es nun am Erlebnis des Stream lag (schlechte Kamera-Führung, fehlende Unmittelbarkeit) oder doch schlicht an der Inszenierung, dass man sich so gar nicht getoucht fühlen mochte/konnte. Jedenfalls ließen uns die "Kränkungen der Menschheit" kalt und ratlos zurück. Die Fragestellung nach Perspektive und Wahrnehmung kam zwar (dick aufgetragen) als Message rüber, entbehrte hier allerdings jeglicher Faszination, um zu interessieren.

------------------------------------------------------------------------
04.05.20
TO STREAM OR NOT TO STREAM
Es wird in absehbarer Zeit neue Formen des Streamings geben, die insgesamt näher an der Theater-Regie orientiert (und dennoch anders, da in 2D- gedacht) produziert werden! Dies formulierte sich u. a. in der Runde von "Technik & Ästhetik" im Netz, die auch dem Wunsch nach Ausweitung in andere digitale Welten als Suchbewegung Raum gab.
Die "Hamlet"-Aufzeichnung zumindest hat gezeigt, dass ein TV-Sender wie 3sat natürlich das TV-geübte Auge des Zuschauers zu fangen weiß. Der Preis dafür ist jedoch eine Projekt-externe Regie, die der Inszenierung ins Handwerk pfuschen muss.
Durch die "Anatomie eines Suizids" wurde sichtbar, dass ein pures "Abfilmen" des Bühnen-Geschehens mit etwas Glück funktionieren kann (aber Glücks-Sache bleibt!).
Konzentration und Ästhetik mussten natürlich Federn lassen. (Dennoch: Auch als Stream eine berührende u. intelligente Darstellung des komplizierten Themas Depression, formal virtuos vermittelt!)
Über Stream-Erlebnis No. 3 schweigen wir. Shit happens!

------------------------------------------------------------------------

05.05.20
SÜßER VOGEL JUGEND
No. 4 der Special Edition des tt 2020 nun also "Süßer Vogel Jugend"
in der Inszenierung von Claudia Bauer. Bei ihr schreit Tennessee Williams "Helau" und das klingt ziemlich gruselig.
Ein Clownsgesicht in einem Totenkopf hämmert auf dem Klavier. "Forever Young" wird von einem Anderen dazu gesungen, gejault, in Richtung Mond geheult, der nicht da ist. Dafür blitzen mehrere Kugeln wie überdimensionale silbrige (Seifen-)Blasen über der Bühne, die erst in Qualm liegt, und später den "Western-Saloon" im schwarzen Mülltüten-Vorhang begräbt.

Längst zerplatzte Träume werden ausgestellt, die Seelen von Chance Wayne und seiner ihn aushaltenden Diva Alexandra del Lago sind längst unrettbar zerstört und verloren. Sie wissen in dieser Inszenierung darum. Auch dann, wenn sie Anderes behaupten.
Bestien treffen auf Kannibalen, der amerikanische Traum ist deformiert. Jeder kämpft mit allen Mitteln für sich selbst und weiß nicht einmal warum: 
"Irgendwann geht alles, wofür man einmal gelebt hat, verloren"!

Überleben in der inneren Hölle, dem längst Gescheitert-Sein. Pendant zum düsteren Innern ist dann auch das Außen. Ein gesellschaftlicher Sumpf, der seine engen Grenzen verteidigt.

Die Vitalität der tollen Spieler vermittelt Spaß und so entsteht aus diesem grellen Nebeneinander von Belustigung und Horror eine Farce, die wirklich zu Recht
"bemerkenswert" genannt werden darf.
Eine sehr besondere Williams-Interpretation!

-----------------------------------------------------------------------------
06.05.20
CHINCHILLA ARSCHLOCH, WASWAS
Kurz nach dem Abi und vor dem "Umzug" nach Berlin mit Mitte 20, gab es eine aparte, androgyn wirkende, musikalisch begabte junge Frau namens K. in unserem weitläufigen Bekannten-Kreis. Einer von Botticelli gemalten Nymphe ähnelnd, wurde sie im harten Kontrast zu diesem sanften Äußeren von wildesten Tourette-Tics geschüttelt. Ihre Zunge konnte zur Schlange werden, die sich nur außerhalb des Mundes frei zu fühlen schien. Ur-Laute und Schreie explodierten in ihre Rede und kein Bier-Glas in der Stamm-Kneipe stand sicher, vor ihren schlagenden Händen und Armen. 
Zu dieser krankheitsbedingten, exzentrischen Attitude, kam ihr extrem extrovertiert zu nennendes Wesen. Sie wurde geliebt oder sie wurde gemieden. Dazwischen gab es nichts. Nur wenn sie Querflöte spielte, blieb sie vollkommen Tic-frei, was selbstredend ihre "Feinde" in der Annahme stärkte, die "Anfälle" seien nur dazu da, die allgemeine Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Wenn heute Abend "Chinchilla Arschloch, waswas" von Rimini Protokoll als Stream No. 5 über unseren Bildschirm flimmert, wird der Wiedererkennungseffekt vermutlich groß sein. Sehr gespannt darauf!

---------------------
Der Abend beginnt mit Theater-Zauber: Das musikalische Intro mit "Hands up - Showdown" kreiert Gänsehaut. Die Frage nach Perspektive, Authentizität, Rollen-Verhalten und auch nach Kränkungen funktioniert bei Rimini Protokoll weit besser, als bei den "Kränkungen der Menschheit"! (Zumindest im Stream)
Dennoch erscheint das Ganze nach einiger Zeit als ziemlich pädagogisch. Wir nehmen allerdings gerne die Botschaft mit ins eigene Leben, dass es vermutlich authentischer und "gesünder" ist, angesichts gesellschaftlicher Regeln u. Gebote 1x am Tag (mindestens) "Chinchilla Arschloch, waswas" zu sagen, als permanent erwartungskonform zu funktionieren. Darauf ein "Miau"!

--------------------------------------------------------------------------------------
08.05.20
THE VACUUM CLEANER
Nun also der letzte Abend, an dem im Rahmen des tt-virtuell eine der ausgewählten Inszenierungen als Stream "über die Bühne" geht. "The Vacuum Cleaner" des japanischen Regie-Talents Toshiki Okada könnte "das Stück der Stunde sein" (so Christine Dössel auf SZ.de). Allein der Begriff Vakuum assoziiert Leere. Eine Leere die mit der Unmöglichkeit von Fülle (Materie und Leben) einhergeht. Im Vakuum herrscht Unterdruck. Und mit dessen Hilfe gelingt so manche Reinigung, dann nämlich wenn der "Vacuum Cleaner" den Staub (diese Asche des Lebendigen) im Nichts verschwinden lässt. Der "Vacuum Cleaner" oder Staubsauger ist der Inbegriff von Häuslichkeit. Er ist der heimliche Herrscher in unseren
 "4 Wänden". Er sorgt für ein gepflegtes Wohnen im Privaten. Und er gibt den Sound vor, die Hintergrunds-Melodie für Okadas Inszenierung. 

Ach, was haben wir gesaugt, in den ersten Tagen des Lockdowns. Uns damit bestens vorbereitet gefühlt, für die kommende Periode des social Distancing, des Zurückgeworfenseins in einen Alltag der Beschränkung. Hikikomori wurden wir, von heut auf Morgen allesamt! 
Das stimmt so natürlich nicht. Aber Parallelen der Lebensform im "Wir bleiben Zuhause"-Enthusiasmus mit diesen, durch soziale Phobien in der Wohnung Gefangenen, existieren nun eben doch zur Zeit weit plakativer als damals, am Abend der Premiere, in München. Die liegt (gefühlt) lange zurück, Monate vor der bewussten Ankunft der Corona-Krise in unseren Breiten. Lassen wir uns also ein, auf das Heim dieser Menschen und ihren Alltag im klinisch gesäuberten Nichts. 
Hier wohnen ein alter Vater und seine nicht mehr jungen Kinder, eine Tochter und ein Sohn. Die Tochter hat ihr Zimmer seit langer Zeit nicht mehr verlassen. Dieses Phänomen der sozialen Verweigerung nennt man in Japan Hikikomori. Der Sohn vertreibt sich die Zeit, in dem er durch Einkaufspassagen schlendert. Als weitere Ansprechpartner fungieren ein Freund des Sohnes. Ein "Weitgereister", der von unbeschnittenen Bäumen in Sao Paulo zu berichten weiß sowie ein weiblicher Hybrid. 
Nein, hier nun verweigern wir uns, dies Stück Theater über eine inhaltliche Handlung beschreiben zu wollen. Das können wir nicht und das wird Okadas Kunst nicht gerecht!

Man könnte sagen, 5 Menschen führen Gespräche miteinander. Das stimmt aber nur sehr bedingt. Diese Menschen führen nacheinander Monologe, die sie mit eigentümlich  losgekoppelten Bewegungsabläufen begleiten. Gesprochen wird viel. Gesagt wird sehr wenig. Explizites gibt es allenfalls ganz am Schluss des Stücks. Zu den erzählten Beiläufigkeiten, die zwischen den Zeilen dennoch verräterisch sind, schlenkern die Arme, zappeln die Hände, verrenken sich die Körper, als gäbe es da eine unsichtbare Ballett-Stange oder als würde während gymnastischer Übungen vor sich hin gesprochen. Eine Nähe zum No-Theater liegt nahe. Den hiesigen Zuschauer könnte das allerdings auch an Bewegungen erinnern, die mit psychischen Störungen assoziiert sind. Ein Gegeneinander von  Körper-Sprache und verbaler Äußerung verstärkt den Eindruck einer starken Künstlichkeit, einer Unberührbarkeit und einem Abgeschnitten-sein. Abgeschnitten sowohl von der eigenen Gefühlswelt als auch vom Gegenüber. Gefangen im Haus, aber auch gefangen in sich selbst. Autismus fast, als Ausflucht, als Rückzug vor dem Du, vor der Unkontrollierbarkeit der Welt. 

Das Phänomen der Hikikomori wird als soziale Isolation gezeigt, die ihre Individualität dann behauptet, wenn der Staubsauger den Schrei der Wut und Verzweiflung übertönt. Hier in dieser Familie ist Jeder allein und einsam. Die Familienmitglieder sprechen viel, aber sie sprechen nicht für- und nicht miteinander. Die "Geometrie" des Bühnenbildes wurde heute übrigens perfekt durch die Ästhetik des Streams gedoppelt. Der Zuschauer staunt angesichts dieser vielfach vermittelten Leere, die doch eine große Spannung in sich trägt. Minimalistisch auch die Musik, die den Takt vorgibt und immer wieder auf eine Spitze zutreibt, die sich nicht erlösen lässt. Auch das wieder gegenläufig zu einer Nicht-Handlung. 
So wird das Vakuum bei Okada zu einem sehr eigenen Gesamtkunstwerk, das sich trotz Corona nicht wirklich leicht erschließen lässt. Es lohnt allerdings, sich einfach darauf einzulassen!

---------------------------------------------------------------------------------------------------
09.05.20
BYE-BYE mit Systemcheck und letzten Worten
Ging es in den begleitenden Panels zum tt-virtuell doch eher um die sich verändernden Formen des Theaters durch Digitalisierung und geschlossene Häuser, so wagten sich Thomas Oberender und der Literaturwissenschaftler und Kurator Ibou Coulibaly Diop in die (Un-)Tiefen einer werte-philosophischen Debatte über die Bedeutung der Kunst mit und nach Corona. "Riesenfragen sind zu stellen und zur Zeit nur fragmentarisch zu beantworten" (Oberender). Beide Gesprächsteilnehmer verband, trotz teilweise unterschiedlicher Ausgangs-Perspektive, der Wunsch, dass durch Corona das Verbindende und Gleichwertige alles Lebendigen unserer Welt in den Vordergrund dringen könnte. Dieser Gedanke verlange auch eine Transformation der KUNST, die traditionell aus einem Verbund herausreißen würde, um z.B. "eine Skulptur auf den Sockel" zu stellen. "So wird die Welt zum Objekt!"( Diop).
Es wäre sehr wünschenswert, wenn dieses vielschichtige und inspirierende Gespräch von den Beiden öffentlich weitergeführt werden könnte.
---------------------
Und dann kamen sie noch einmal zur Jury-Besprechung zusammen, die tapferen 7, welche die diesjährige Auswahl der 10 bemerkenswerten Theater-Arbeiten zu verantworten hatten. Resümee und letzte Worte also. Da die Diskussion sicher noch eine ganze Weile als Video abrufbar bleibt, rupfen wir rasch ein besonders schönes Statement heraus und sagen damit Bye-Bye: 
"Das tt-virtuell, geschuldet der Corona-Krise, war trotz der Defizite eine schöne Not-Lösung"!
( Mit (bis jetzt) 120.000 Zugriffen muss es zumindest als quantitativer Publikums-Erfolg bewertet werden.)



Theatertreffen on Demand:
und auf
www.nachtkritik.de

TT-Kontext Programm:
Hier--->

                                                                            Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz:

                                                                            Die haben fertig, wir haben fertig. 
                                                                            Es ist, was es ist, sagt die Liebe...
                                                                                                    

Dienstag, 21. April 2020

Die wunderbare Video-Konferenz...

der Paganini´s

Literatur-Freunde, zur Zeit durch Social Distancing getrennt

Boncuk, der Kater (B.d.K.), im Bild zu sehen mit Nasen-Mund-Schutz:

Hallo, Ihr meine Täubchen.
Wir lassen uns von diesem Dingens, diesem virulenten Bakterium, diesem außerirdischen Floh doch keine Flöhe ins Fell setzen, oder wie sieht´s aus bei Euch Beiden? Hehe!

Pati, das Katerchen (P.d.K.), im Bild mit Sonnenbrille:
Alles o.k. Chef, alles Bestens. Paletti ist nichts dagegen!

B.d.K.:

Aha, na super. Das ist doch Klasse. So soll das ja auch sein.
Na, dann doch einfach weiter so.

Nicht wahr? (RÄUSPERN)
Halli Hallo. Madame? Alles Schön, alles im Lot?

Chefredakteurin (CH.R.), im Bild hinten links mit Schal vor Mund und Nase:
Naja, wir halten hier Vorort die Stellung. Der Feind lauscht vielleicht mit. Vielleicht ist der Feind aber auch selbst geschwächt. Meine Recherchen laufen noch, ich will und darf keine abschließenden Ergebnisse verlautbar machen. Hier an der Corona-Front brennt der Bär. Ahoi!

B.d.K:

Aha, aha, Dann bleiben Sie dran. Sie sind unbedingt mein bestes Pferd im Stall. Das schaffen  Sie.
Ach, Meine Darlings.
Ich zitiere nur dieses eine, besondere Mal eine ganz große Freundin unserer Redaktion:

"WIR SCHAFFEN DAS!"

PAUSE-------------------------------------------------------------------


P.d.K.:

Mal ne rein interne Frage. Wie soll das denn jetzt, also, rein finanziell, meine ich, wie könnte das denn in unmittelbarer Zukunft so eventuell mal aussehen?
Nur so, aus reinem Interesse gefragt.
"Immer frei raus". Das sagt doch der Chef.
Nicht wahr, Boss? So ist das doch.
Also, gibt es da schon konkretere Pläne?

B.d.K.:

Aber sicher, mein kleiner Freund. Das schaffen wir. Wir lassen uns von diesem Dingens, diesem virulenten Bakterium, diesem außerirdischen Floh doch keine Flöhe ins Fell setzen.

Ciao, Ciao, meine Lieben. Bis Morgen. Nun aber mal ran an die Arbeit.
Es muss doch irgendwie weiter gehen.
Nicht wahr?
Wir lassen uns doch nicht unter kriegen...
(Video-Chat-Leitung knistert und knastert und fällt zusammen und AUS)




Das war der Live-Mitschnitt der Live-Redaktions-Konferenz der Paganini´s vom heutigen Dienstag.
Mehr von uns kommenden Mittwoch in 3 Wochen, wenn es um weitere Lockerungen in Sachen Redaktion und eventuell auch Themen wie Kurzarbeit gehen wird.


BLEIBEN SIE GESUND ODER AM LEBEN!

Samstag, 18. April 2020

Die Schizophrenie der Pandemie:

Wohl dem, der eine Heimat hat



Chefredakteurin, Profilbild


Der Herausgeber der Paganini´s-Seiten hat mich, die Chefredakteurin, eingeladen, in einem
"kurzen, knappen Feature" einige Worte zu meinen Gefühlen "in dieser Zeit" aufzuschreiben. Ich war nicht glücklich über diese Ehre und bin es auch im Moment nicht, da meine Fingerspitzen nun suchend Buchstaben antippen, um gewünschte Worte zu einem angedachten "Feature" (Puh, Herr Boncuk, Sie Depp von Redaktions-Chef!) entstehen zu lassen.

Was sollte ich sagen, das nicht hundertfach, tausendfach irgendwo gesagt, gefühlt, gedacht und veröffentlich dieser Tage zu lesen steht.

Das TAGEBUCH feiert eindeutig Renaissance, in diesen, unseren Zeiten des Corona-Virus.
Und das mag zu den Tugenden dieser Zeit gehören. Oder auch nicht. Wer weiß das schon.
Zumindest scheint auch diese ZEIT kein Verstummen (vor dem Unaussprechlichen) in sich zu tragen.

Und das gibt Hoffnung. Das macht Mut. Denn hier bleibt doch etwas in seinem gewohnten Wiedererkennungswert unseres modernen Erlebens. Obwohl doch die Besonderheit der Erfahrung einer Pandemie gerade darin liegt, aus der "Gewohnheit" herauszureißen. Was wiederum Anlass zu Bestürzung und Ängsten gibt.

Immer schon übersetzt der Mensch "Gewohnheit" mit "Selbstverständlichkeit".
Im Guten wie im Schlechten.
Und wenn ich nun mit etwas beginne, das ich der Pandemie eventuell als "Gut" gut schreiben wollte, so wäre es die Tatsache, dass rückblickend, vorausblickend und ins Hier und Jetzt hinein blickend, tatsächlich (endlich einmal) ALLES

1.) ...als nicht in "meiner/unserer Hand liegend" erscheint
und
2.)...Gewohnheiten durch diese Aus- und Ausnahme-Zeit erst "bewertbar" werden
und
3.)...damit ein großer Pool an Möglichkeiten sichtbar wird, der sonst gar nicht zur Debatte stünde, da alles wie "gewohnt" (und wie "gottgegeben") immer weiter ginge.

So aber, wie bisher, geht es im Moment nicht mehr weiter!
Ungefragt bleibt, ob wir das wollen oder nicht. 
Das fühlt sich schon irgendwie neu an.
Und dennoch auch irgendwie vertraut.

Zumindest diesen Gedanken, der durch die Greifbarkeit und Sichtbarkeit des pandemischen "Einschnitts" mehr als nur symbolische Realität in meinem (unser aller) Lebensgefühl geworden ist, empfinde ich als interessant und somit auch als Chance.

Dieses "so geht es nicht mehr weiter" kann nun nach individuellen und kollektiven Bedürfnissen gestaffelt,  sowohl global, als auch national oder eben rein privat angeschaut und beantwortet werden. Meine Antworten sind (noch?) nicht da.

Ich warte ab.
Und ich warte überhaupt.
Und ich warte.
Dabei mag ich das Warten nicht und mochte es noch nie.

Doch im Moment ist mir eigentlich ALLES nahezu abgenommen (worden), das ich (schon wieder dieser Begriff) GEWOHNT bin durchzufechten, anzuvisieren und selbstbestimmt und bestimmend aktiv nach Vorne zu bringen.

Selbst am "Scheitern-können" fühle ich mich durch die Umstände gebremst.

Die Zeit, dieser wertvolle Stoff, verrinnt. Ich hatte so vieles vorbereitet, geplant, gewünscht und gehofft.
Nun ist das Meiste völlig für die Katz (Haha, Herr Redaktionschef!) und Keiner weiß so recht, wie es weiter geht. Nicht wirtschaftlich in puncto Job. Schon gar nicht mit der Welt und ihrer Verfassung.

Und das Private?
Na, da weiß es ja Keiner Niemals. Und wusste es noch nie.
Das Private war immer schon mehr oder minder ein Glücksspiel.
Folglich steht es in diesen Zeiten der Pandemie gar nicht zur Debatte.
Oder?

Wohl dem, der eine Heimat hat.
Und Heimat meine ich sehr, sehr umfassend (auch als Wert) gedacht.
Wohl dem, der eine Heimat hat, das ist mein "Gebet" in diesen Tagen.

Daher also die von mir gewählte Überschrift.
Ich empfinde diese Zeit als Qual. Und ich empfinde diese Zeit als Reichtum und Bereicherung.

Und den Rest werde ich, werden wir, noch sehen. Jeder auf seine Art.

Ich wünsche jedenfalls ein donnerndes und sehr optimistisches Glückauf.
Und bleiben Sie auf der Hut!




Donnerstag, 2. April 2020

Die wunderliche Pandemie:

Ich fahr Dir mit dem Einkaufswagen in die Hacken, Du Aas



Pati, Hospitant und Nachwuchs-Kater,
 in der Kontemplation zum Thema

Die Pandemie war SO eigentlich überhaupt nicht geplant gewesen.
Als ich bei der Paganini´s-Redaktion eingestiegen bin -  letztlich weder gegen, noch mit meinem Willen - da ist es nur eben besser gewesen, bei denen die Hospitanz anzutreten, als das Schoß-Katerchen von irgend Jemandem zu werden.

Aber von der großen Pandemie hat mir keiner etwas gesagt gehabt.

Ich bin von klein an eher der aktive Typ. Nicht das Opfer.
"Und hier, an dieser ziemlich desolaten Redaktion, kann ich weitgehend machen, wie ich will."
So hatte  ich mir die ganze Chose gedacht.
Hospitanz. Das ist doch weitgehend harmlos.
Und weitgehend unbezahlt.
Das macht aber nichts. Ich bin ja Nachwuchs!

So wurde mir das auch vermittelt. Vom Chef. Und von der Chefredakteurin.
Genau so haben die mir das ganze Paket unter gejubelt.

"Und dann werde ich eben, wenn ich gewachsen bin, in große Stapfen treten dürfen.
Also Alles in Allem, ist das o.k."

Und von der  Pandemie konnte ja wirklich damals Niemand wissen.

Ich werde im April 2 Jahre alt.
Ein männliches Katzentier, im 1. Leben von 7 oder von 9.
Mein Chef weiß das auch nicht so genau.

Die Pandemie ist nun prägend für mich.
Das hat er gestern zu mir gesagt. Der Boss.
Ganz väterlich.

"So etwas wie Schicksal, das ist nun diese Pandemie für Deine Generation!"

Ich bin kein Opfer!
Ich hole der gesamten Redaktion -Tag für Tag - die Kohlen aus dem Feuer.
Aber ich bin kein Opfer. Ich bin der "kleine Held unserer/dieser stolzen Redaktion"!

Ich kaufe für uns alle ein.
Den Chef. Die Chefredakteurin. Und für mich.

"DIE GANZE REDAKTION WIRD VON MEINER EINKAUFSTÜTE AM LAUFEN GEHALTEN!"

Nein, es gibt keine Schutzausrüstung. Und kein Aufgeld. Auch kein Trinkgeld.
Nix. Niente.
Sowas von gar Nix.

"Hey, wie geht es Dir"?
Fragt der Chef jeden Morgen.
"Gut". Sage ich.
Das will er hören.

Und ich muss doch in seine Stapfen wachsen.
Dafür bin ich nun einmal hier.

SYSTEMRELEVANT!

Denn wir, die Paganini´s, sind ein richtiges kleines System.
Ein ziemlich idealistisches WIR.
Und das muss man auch mal verteidigen.

Notfalls mit dem Einkaufswagen.

Und dann fahre ich dem Vordermann von Hinten in die Hacken und sage (sehr sonor!):

"Du Aas, Ich war vor Dir in dieser pandemischen Schlange!"


 
 
Pati, das Katerchen und Lehrling der Paganini´s-Redaktion,  darf selbstverständlich auch seine Stimme zur Lage erheben!
Wir unterstützen unseren Nachwuchs mit allen zur Verfügung stehenden Kräften und zeigen volles Verständnis für seine situationsbedingte Verunsicherung...!  
 

Dienstag, 31. März 2020

Die wundersame Pandemie:

Einsam Gemeinsam stiefeln wir durch diese Zeit



Boncuk,, der Kater, in der Redaktions-Konferenz zum Thema


Was wir Alle zusammen in DIESEN ZEITEN erleben, das eint uns!
Zu definieren wäre vermutlich der eilig und vielleicht vor-eilig herbei zitierte Begriff des "UNS", sowie das dazugehörige "EINT".

Ein UNS ist immer ein VEREINTES.
Häufig dennoch vereint als ein individuell Ähnliches, das manchmal Einsamkeiten zu Zweisamkeiten oder gar Vielheiten zusammen schweißt.
Andere wiederum bleiben Außen vor.
In diesen Tagen bleibt zumindest Keiner "außen, vor dieser Zeit".

Denn wir leben IN DER ZEIT DES CORONA-VIRUS!

Jubel, Jubel.
Wir sind auf einmal eine Schicksalsgemeinschaft.
Viele von uns fühlen das so, zum allerersten Mal ihres jungen oder gar nicht mehr so jahresarmen Lebens.
Es gibt ein WIR. Und dieses WIR ist gebunden an ein gemeinsam erfahrenes ERLEBNIS.
Und das ERLEBNIS heißt CORONAVIRUS!

Unglaublich!
Unvorstellbar noch vor einigen Monaten!
Dieser Generations-generierende Gemeinschaftssinn.

Eine ganze Filmindustrie zermarterte sich über Jahrzehnte die kreativen Köpfe, um diese menschliche Grenz-Erfahrung durch Rückblick (Weltkriege, NS-Zeit etca.) und Dystopien (Science Fiction) für uns Heutige zur Verfügung zu stellen.

Dies tat Not:
Ach, diese Langeweile.
Ach, diese planbare Vorhersehbarkeit.
Uns ging es gut.
Aber irgendwie, unter uns, ein bisschen Bumms, das hat doch gefehlt.

Nun also endlich, endlich EXISTENZ.
(Camus "Die Pest" wird dennoch weit stärker in den Medien (o. social media) herbei zitiert, als Sartres Existentialismus)

Ja, Camus wird dieser Tage rauf und runter gelesen.
WIR können seiner PEST endlich etwas entgegen setzen. Und wir können sie uns aneignen.
In Realismn!
Wir dürfen uns endlich wieder wichtig fühlen. Notfalls gar systemrelevant.

We all have in the whole world at the same time the fucking Big PANDEMIE 2020!

Wir fühlen das WIR nicht nur - aber auch - im gemeinsamen Klatschen.
Da braucht es plötzlich nicht mehr den Workshop zum "Im Du bin Ich mehr als nur Ich weil ein WIR".
Da ist das Alles auf einmal einfach Da.

Denn: Wir sitzen Alle in der selben Patsche!

Und wir haben auf einmal Alle ein Home-Office.
Und wir haben Alle dieses ungewohnte Social Distancing einzuhalten.
.
Und wir haben dieser Tage dennoch viel zu viel Nähe in den eigenen vier Wänden.

Aber: Wir haben ein WIR!

Das lassen wir uns einfach NIE mehr weg nehmen.
Und auch gar nicht erst zur Diskussion stellen.

Wir sind Alle herzensgut, solidarisch und irgendwie EINS.

Zumindest NOCH!
(Boncuk, der Kater und Herausgeber des Paganini´s-Berlin-Blogs  kommentiert ab Heute stets aktualisiert die Befindlichkeit "in diesen Zeiten" des CORONAVIRUS)

BLEIBEN SIE GESUND ODER WIE SIE WOLLEN!

Samstag, 7. März 2020

Ist "Joker" ein "Parasite" und warum KEIN Comic:

Das Kinojahr 2019 wird von o. g. Filmen bestimmt!


2 Filme grasen aktuell alles ab, was es an Preisen gibt. Sie bleiben -zumindest manchmal- unverstanden. Der Eine sicher mehr als der Andere. Beide aber  werden frequentiert und angenommen, als "Kinder unserer Zeit"!

"Joker" und "Parasite" ähneln sich durchaus im "Plot goes to AMOKLAUF" oder Aufteilung der Welt in "Arm und Reich". Ansonsten aber unterscheiden sie sich natürlich nicht nur durch Regisseur und dessen Arbeitsweise, sondern auch durch ihre Einreihung (zumindest oberflächlich) in Film-Traditionen, Genres und dazu passenden Actors. Hier die Konkurrenz, Nachfolge oder Vorgeschichte zum "Joker" aus "Batman", da die Nachfolge der feinsinnigen "Kriminal-Soziologie" des großartigen Bon Joon-ho himself.

Ja, wir reden uns gerade wieder um Kopf und Kragen, Und ja, es ist nicht sonderlich originell, sich über die beiden Oscar-Preisträger diesen Jahres zu stürzen. Wir wollen sehen, was alle sehen und lieben Joaquin Phoenix, seit es ihn auf der Leinwand zu erleben gibt.

"Joker" und "Parasite" innerhalb von 24 Stunden zu konsumieren, erscheint eigentlich (angesichts der Journalisten, die z.B. auf der Berlinale 5 Filme täglich anschauen) durchaus komfortabel.

Die Welt allerdings, die sich durch diese beiden Filme erschließt, ist derart ungerecht, irrational und geradezu linear zu Irrsinn und Gewalt (ver-)führend, dass man dann doch nach "Pause" schreit.

Die (ehemalige) Neuerung unseres Lebens in Europa, die zunächst durch IS-Anschläge und dann durch politisch motivierte Irrsinnstaten - gemixt mit KRANK - auf diese neue Art der Amokläufe, die jeden unbeteiligten Mitmenschen treffen kann, "vorbereitet" wurde, ist inzwischen Status Quo.
Unschuld gilt (= "gibt es") nicht mehr und auch nicht "Im Zweifel für den Angeklagten".

Das zeigen diese beiden Filme auf lässige, unhysterische und nachvollziehbare Art und Weise. Allerdings in aller Eindeutigkeit. Der Comic ist kein Comic mehr. Die Gesellschafts-Satire ist längst von der Wirklichkeit eingeholt. Beide Filme verweisen auf mögliche Erklärungen, aber sie machen wenig Hoffnung auf gewaltfreie Erlösung oder schlichter - eine Alternative.

Eher noch: "Es lebe eine Befreiung des Individuums durch Gewalt"!

Wir sind gespannt, auf die beiden filmischen Heilsbringer in 2020.
Sie werden etwas über uns sagen.


Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz:

Meine Lieblinge, meine verteufelt urbanen Mitstreiter in der Not, könnten wir jetzt nicht selbst in Teufelsküche kommen, in einen Ruf, der uns so gar nicht behagt, in solch eine Nähe von Unrat und Gewalt geraten, die uns weder gefällt noch gut tut?

Aber recht habt ihr: Der Zeitgeist ist was er ist. Und nicht unsere Erfindung!

Und ein großes Schnurren breitet sich aus, in den Räumen der Paganini´s-Redaktion...

Freitag, 21. Februar 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

 


Nils Dardel (1888-1943)/Dance with the Dead

 

NUR 1 KUSS

Kann das gut geh´n mit uns 2, Du und Ich, in dieser Walnuss-Schale,
in diesem fliegenden Boot, auf unwissenden Wassern-
uns tragend, an diesen seltsamen Ort, wie heißt der eigentlich, wo ist der denn genau-
mir fehlen Informationen, hörst Du, MIR FEHLEN DIE INFOS, DIE KOORDINATEN:

Wo geht es da hin, mit Dir und mit Mir?

Sei ruhig, mein Lieb, sei wach oder schläfrig, vertraue dem Strom,
dem tragenden Wissen, dass NICHT zu wissen, das Wesen der Liebe könnt sein.

WAS WILLST DU MIR SEIN? WAS WILLST DU HABEN? Ich bin noch nicht fertig,
nicht gar und nicht durch, nicht reif und nicht bereit, auch gar nicht befreit-
nicht wissend, nicht wach, nicht schläfrig, 0 vertrauend und überhaupt nicht gefragt-
mir fehlen Informationen, sag doch, SAG DOCH DIE INFOS, DIE KOORDINATEN:

Was ist denn das Ziel, von Dir und von Mir?

Ein Kuss nur, Du Schöne, ein Kuss nur von uns, Du wirst bald wissen,
wirst nichts mehr vermissen und staunen, wie leicht wir sind, im herrlichen Wind.

NUR 1 KUSS
(Notizen zu Menschenlichter im Tollhaus/Teil II)



Freitag, 31. Januar 2020

Berlinale 2020 leuchtet "cineastisch"

Puh, es ist geschafft!

Carlo Chatrian hat sein Wettbewerbs-Programm vorgestellt





Und damit sich selbst. Es ist ihm soweit gut gelungen. Vielleicht sogar besser als gut.
Aber das wird sich natürlich erst im Laufe des Festivals - und unter den Argus-Augen der Kritiker - zeigen und beweisen müssen.
Doch immerhin: Den ersten (und damit vielleicht schwersten) offiziellen Auftritt als neuer Berlinale-Kurator und Berliner FilmFest-Gastgeber hat er nun am vergangenen Mittwoch hinter sich gebracht.

Und er hat Eines  gezeigt und dabei ganz und gar nicht verloren: Er steht für sich selbst und seine Profession. Und tritt an, ohne in irgendwelche Stapfen zu treten oder gegen dieselbigen an zu treten.

Er wird einfach anders als Kosslick sein. Und das nur, weil er eben anders ist. Punkt.
Chatrian sucht Filme aus, die seinem künstlerischem Anspruch an filmerische Qualität entsprechen. Er präsentiert diese Filme auf der Berlinale und will sie für sich sprechen lassen.
Kein Motto.
Kein roter Schal, kein Hut, keine Koketterie.

Er beginnt die Pressekonferenz höflich (abgelesen) in Deutsch, ganz ernst und ohne Ironie, wechselt dann in die fließend gesprochene Amtssprache Englisch und erinnert so wenig an die Person Kosslick, dass es ein schier berückendes Erlebnis gewesen ist, wie diskret (und nahezu unabsichtlich wirkend) die "Lösch-Taste" in puncto Wiedererkennungs-Effekt gedrückt wurde.

Ein totales Reset auf das Wesentliche: Die Filme.

Dabei wirkte Chatrian sympathisch, feinsinnig und intelligent auf Fragen parierend, aber durchgehend bar jeder Selbstinszenierung. Die von Kosslick geprägte Exzentrik und "Ich bin ein Original"-Attitude gehören nicht zu ihm. Und Gott sei Dank, er hat nicht einmal ansatzweise versucht, in eine "Konkurrenz" zu treten.
Diese gewählte Schlichtheit. Das hatte Größe. (Bei aller verständlichen und im Ansatz spürbaren Nervosität)

Grauer Anzug, schwarzes Shirt, roter Mini-Bär am Revers. Das muss (und das wird - denken wir) in den kommenden Berlinale-Jahren genügen, um den Eben-Nicht-Zirkus-Direktor des Filmfests auszumachen.

Nein, wir haben Kosslick bei dieser Pressekonferenz (gesehen live im Stream) nicht vermisst.
Nicht, weil wir ihn nicht mehr mögen. Nein.
Es wurde nur von der 1. Sekunde an klar, dass hier ein ganz anderer Ton herrscht, ein neuer Stil. Und dass sowohl Ton als auch Stil nicht in Vergleich treten sondern einfach ab Jetzt zur Berlinale gehören werden.

Und dass sich dagegen kein Widerstand regt und keine Melancholie breit gemacht hat (und auch kein gehässiges Gelächter gegen K.), das kann man Carlo Chatrian gar nicht hoch genug anrechnen.
Seine Selbstverständlichkeit (geboren aus einem sehr professionell anmutenden Selbstverständnis) tut gut!
Ohne Chichi. Und ohne jeden falschen Ton!



Hier geht es zu den Wettbewerbs-Filmen, die "cineastisch" (so Vertreter d. Medien) und ziemlich exquisit anmuten---> BERLINALE

Freitag, 17. Januar 2020

Der wunderbare Buchanfang: XXVII. Teil

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"

(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das seinen Blick in Abgründe schickt und dessen Sprache die Sehnsucht nach Schönheit zu Leben erweckt:

William T. Vollmann; HUREN FÜR GLORIA

1.


Das Album


Wir alle kennen die Geschichte von der Hure, die, weil sich ihr China White als ein immer unzuverlässigerer Freund erwies, egal, wieviel sie auch davon injizierte, sich völlig verzweifelt die Wendung "die Scheiße schießen" ins Gedächtnis rief und also die Nadel mit ihrem eigenen wäßrigen Exkrement füllte und sich dieses in den Arm pumpte, was prachtvolle Abszesse hervorbrachte. 



Bon Boncuk, der Kater, präsentiert Vollmann


So weit, so gut. So also der erste Satz von "Huren für Gloria". Der Satz hat Stil, der Satz hat "Bumms", ein bisserl Bänkelsänger-Charme, ein wenig Bukowski-Feeling, Beat-Generation-Flair und so. Vollmann hat das wunderbar drauf, dieses hin zum Ziel, geradeaus in die bitterböse Realität, die sich hier im Prostituierten-Milieu manifestiert. Und er hat es noch wundervoller drauf, dem ganzen noch eins drauf zu setzen, dass man "aufhören" brabbeln möchte, als Leser oder Leserin. Oder sich eben halbwegs gemütlich im Ungemütlichen einzurichten sucht, da man denkt, dass das nun bis zum THE END so weitergeht. Doch nach der Steigerung des Elends erwischt man sich in der ersten, winzigkleinen Irritation ("Weniger bekannt ist die Geschichte von dem Mann, der sich zum Selbstmord durch...") und der Frage, ob der Wiedererkennungseffekt gar doch trügerischer Natur sein könnte. Und dran geblieben sind wir, die Paganini´s-Redaktion, dann letztlich auch durch das Versprechen: "Das Folgende ist noch obskurer, weil fiktiv. Alle Hurenerzählungen in diesem Buch sind jedoch wahr". Ja, was denn nun? Ist der Herr William T. Vollmann nun Protokollant oder Reporter oder Schriftsteller oder besser, was von all dem, möchte er vorgeben zu sein? Und wenn dann der Leser oder die Leserin, neugierig geworden, die Seite umschlägt und den kurzen Prolog, der bereits viele Andeutungen zu enthalten scheint, verlässt, dann begegnet man dem allerersten Satz, nach diesem Vorgeplänkel, also dem eigentlichen 1. Satz von "Huren für Gloria", aber der ist wahrlich nicht als Zitat zu verwenden, da ellenlang. Ellenlange Sätze gibt es, das sei verraten, gar viele und die fliegen einem um die Augen und um die Ohren und ins Hirn und - sehr - ins Herz hinein. Ein wilder Ritt auf Worten, die zu einem Sprachgebilde werden, das überflutet, an sich und mit sich reißt. Und so ist man dann spätestens nach diesem zweiten 1. Satz an Gloria verloren, so wie Jimmy es schon immer gewesen ist. Oder wie es scheint, dass er es schon immer gewesen ist. Denn Gloria wird in diesem Buch erst durch Jimmy geboren. Und dafür braucht er die Huren. Ein absolut einzigartiger Roman. Ein Trip. Im Abgrund leuchtet die Sehnsucht nach Schönheit am hellsten. Wir waren berauscht!
(Unbedingt sei erwähnt, dass Thomas Melles Übersetzung kongenial ist.)


Weniger kryptische Begeisterung und echte Hinweise zum Inhalt etca. --->HIER