Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Montag, 30. November 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

 ...der Paganini`s


@CC


Das Schiff mit 8 Segeln

Immer in der Kälte laufen
Immer in der Kälte laufen
Immer in der Härte laufen
laufen
laufen
laufen
Immer laufen
Immer rennen
rennen
Um dein Leben rennen
immerzu
immerzu
immerfort

Und dann kommt das Schiff mit 8 Segeln...


 
PAUSE, PAUSE, PAUSE 
muss nun über Weihnachten sein. 
Also bis 
(hoffentlich): 

Good Times in 2021!

Samstag, 21. November 2020

Der wunderbare Zauberberg...

 ...und das Geheimnis (die Verwirrung) der Zeit


Das Deutsche Theater Berlin und Sebastian Hartmann verzaubern das Internet mit der Livestream-Premiere der Bearbeitung von Thomas Manns Klassiker



Foto: Tilo Baumgärtel


"Wie verändert die Corona-Pandemie das Theater und seine Stellung in der Gesellschaft?"
Dieser Frage wurde dieser Tage in diesen unseren Zeiten vom wundervoll tapferen und tätigen www.nachtkritik.de nachgegangen (in Cooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung) und heraus kamen sehr diverse Meinungen in allen Schattierungen zwischen "gar nicht" und "ganz und gar" im Sinne einer Neu-(Er)Findung. Tituliert wurde die Konferenz mit "Das Postpandemische Theater", weswegen uns - in der hauseigenen Paganini´s-Konferenz - die Frage umtrieb, ob wir uns im Moment genau dieses "post" vorstellen können, da wir uns zur Zeit noch immer im "mittendrin" aufhalten.

Das Corona-Virus ward auf die Welt geschickt und wahrgenommen. Damit verschwindet das "prä" und ein "post" ist - trotz optimistisch machender Signale (Impfstoff) - nicht gegeben. Die Konferenz musste folglich in einem "was wäre wenn" verbleiben, konnte Utopien entwerfen oder sich ins Althergebrachte zurück wünschen. 

Und dennoch: was diese Pandemie noch im Schilde führt und welche Antworten wir als Gesellschaft, Individuum oder eben als THEATER geben werden, das wahrhaftig zu entdecken steht noch aus. Vermutlich werden die Antworten auch im "post" divers ausfallen. 

So bleibt zunächst also die Gegenwart der allgegenwärtigen Pandemie und das Hier und Jetzt. Und da sind die Theater einmal wieder ein Teil des Lockdowns (light!!!), nachdem sie ächzend aber ohne murren, bereits die "sicher-mit-Corona" Türen öffnen durften.

In dieser kurzen Spanne gab es Schelte (Och, alles wie gehabt) und Jauchzen (Hauptsache Theater-Theater). 
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Nun also Vorhang auf, für das echte Pandemische Theater. Das Theater des "mittendrin".
"Der Zauberberg" hat werbend gefunkelt und uns zu Hause abgeholt. 
Die Premiere von Sebastian Hartmanns Version des Mannschen Klassikers wurde (direkt und zeitgleich) aus dem (Publikums-)leeren Deutschen Theater Berlin via Bildschirm übertragen.

Und wir haben uns so sehr darauf gefreut. 

Und sind gestern "dabei" gewesen. So wie man eben "dabei" sein kann, wenn man zur selben Zeit zwar, sich dennoch in einem "anderen" Raum befindet. Dieses pandemische Theater spaltet den virtuellen Raum der Übertragung (das Internet) vom eigentlichen Raum des Geschehens (der Theater-Bühne) ab. Es musste sich folglich mit einem Vermissen auseinander setzen. Und im besten Fall dem Vermissten etwas Neuartiges (Zusätzliches) schenken. Und siehe da, Sebastian Hartmann und seiner Crew gelang ein kleines Wunder. 
Man könnte es auch mit Hartmanns Bildsprache so ausdrücken:

Dann kam ein Schneesturm auf, fegte über die Bühne des DT-Berlin und von dort die letzten Reste bloßer Theorie aus den Köpfen der Zuschauer, von denen auch nach 2 Stunden immerhin noch zwischen 2000 und 3000 gebannt den Atem anhielten. "Das hatte Bumms", würde der ehrwürdige Ur-Vater Paganini sagen und damit kurz und bündig Sebastian Hartmanns Sinn für überbordende Bilder und (emotionale) Dramatik auf den Punkt bringen. Mit den Dramatikern und ihren Texten geht dieser Regisseur nicht wirklich zimperlich um, doch auch das Zerrupfen der Stück-Vorlage dient (in der Regel nachvollziehbar) der Herstellung  von psychologischer Dichte und Verdichtung (Emotionalisierung)  des großen Themas. 

Aus Thomas Manns "Zauberberg" destilliert dieser Abend das Thema Zeit (und Raum) und in diesen (verschwimmenden) Koordinaten den Mensch. Wie ins Unendliche (Weiß) hinein geworfene Objekte, so stapfen diese Wesen in  ihren weißen Fatsuits, mit weiß geschminkten Gesichtern, hilflos nach einem Bezugspunkt suchend im Kreis. Es wird viel geweint. Es wird häufig "Ich muss sterben" gewimmert, gebrüllt, geächzt. Und aus dieser Verzweiflung über das entfremdete Irren durch eine bezugslose (abhanden gekommene) Welt, zeigt sich zitternd die Frage: "Wie leben"?

Die Kamera fängt die Gesichter der Schauspieler oft in Großaufnahme ein, zeigt die Verzerrung der Münder, die weit aufgerissenen Augen. Bilder von entsetzten Seelen. Blicke ins Bodenlose. Auf das Weiß der Haut projiziert, manchmal Überblendungen, die an afrikanische Masken oder Totenköpfe erinnern.

So hat man das freilich im Theater-Saal noch nie zu sehen bekommen. Ja, die Kamera spielt an diesem Theater-Abend im wahrsten Sinne des Wortes mit (und eine weit wichtigere Rolle, als gemeinhin durch Video-Installationen auf der Bühne gewohnt). So entsteht - gegen den Verlust des Gewohnten - ein Neues, ein wunderbar schillernder Hybrid, ein Gesamtkunstwerk aus Theater, Film und Videoinstallation. Das verstärkt die Intensität, sorgt auch zu Hause vor dem Bildschirm für die Unmittelbarkeit des (rauschhaften) Erlebens.

Erst die Entscheidung von Produktion und Deutschem Theater Berlin für diese Livestream-Premiere haben es möglich machen können, dass der ZEITGEIST (geprägt vom Virus) eine derart herausragende Rolle im Stück besetzen konnte. Die Pandemie schien allgegenwärtig, so durch den Zoom in den leeren Theatersaal hinein oder mit dem Kamera-Blick auf MaskenbildnerInnen mit Schutzbrillen, deren Hände zuvor vom Desinfektions-Mittel gereinigt wurden.

Unendlich berührend auch die Szene, in denen ein weinender Einsamer einem anderen weinend Isolierten die Hände (im Wunsche nach tröstender Umarmung) entgegen streckt. So erschütternd funktioniert das nur in diesen, unseren Zeiten von Corona.

Am Ende Lachen, Erleichterung, Verbeugen der Schauspieler.
(Die klatschenden Hände des Regisseurs in der Tiefe des leeren Saals!)
Begeisterung, Gänsehaut, Berührtsein bei uns. Und viel, viel Jubel in Social Media.

Endlich wirklich gelungenes, im besten Sinn aufregendes "Pandemisches Theater". 

Bravo!




Weitere Infos auf www.nachtkritik.de  und ---> HIER

Freitag, 13. November 2020

Das wunderbare "The Lobster"...

 ...und der wunderbare, eiskalt-witzige Regisseur Giorgos Lanthimos






Es gehört manchmal zum Ruhm eines Regisseurs dazu, dass er irgendwann - als europäischer Wunderknabe - in Richtung Hollywood schaut. Da werden dann (im besten Fall) die Filme, in der typischen Weise zwar - aber mit internationalen Super-Stars - gedreht. Das ist aus künstlerischer Sicht nicht zwingend notwendig, manchmal aber stört es nicht sehr.

Colin Farrell musste in diesem Fall schon ein wenig demoliert werden (optisch), um hier genügen zu können, doch ansonsten ist nicht viel zu bemängeln. (Bis auf die Erzählerinnen-Stimme, die in ihrer Deklarierung der zu sehenden Bilder, an die Audio-Deskription für Blinde erinnert). 

Und plötzlich, da wir das aussprechen: Aha, aha! Nun fällt der Groschen. 
Doch sehen (nein, hören!) Sie selbst...:

Ja, es geht auch um Erblindung. Aber erst am Schluss. Davor geht es um Lobster (= Hummer). Und um Hunde. Um Tiere aller Art. 
Und um das gesellschaftliche Diktat, das vorgibt, ausschließlich zum Wohle der Mitglieder einer Gruppe zu existieren. (Siehe/Höre "Audio-Deskription" - wie vorbildlich!)

Der Zuschauer folgt in diesem Film einem Mann, gerade erst unglücklich verwitwet, der mit seinem Collie, einem schönen, braven Hund, der einst sein Bruder gewesen ist, in ein staatlich geführtes (und zwangsverordnetes) "Hotel" eingewiesen wird. Singles - egal welchen Alters und welcher Coleur - haben hier ein paar Wochen Zeit, um sich zu einem Paar zusammen zu schließen. 

Das Hotel wird sehr freundlich (aber auch ungeheuer konsequent) geführt. Wer nicht in der vorgegebenen Zeit (trotz Tanzabend und Vorstellungsrunde) einen PASSENDEN Partner findet, wird in ein Tier (seiner Wahl) verwandelt. 

Ein Single gehört hier einfach nicht zu einer funktionierenden, humanen Gemeinschaft!

Mit dieser (willkürlich) formulierten Grund-Regel dreht es sich (wie immer bei diesem Filme-Macher) um das Wesen (und die Abgründe) menschlicher Gesellschaften, die es in ihren diversen (Selbst-)Verstümmelungen nur gut zu meinen scheinen. 
Dabei gehen sie sehr stringent, humorlos und rigide (selbst gegen minimale Abweichungen) vor und scheinen längst vergessen zu haben, was der Mensch von Natur aus ist. 

Das individuelle, kreatürliche Wesen, mit seinen Bedürfnissen und Regungen, wird ins Surreale und Dystopische gedrängt, umflutet von Irrationalismen, wie sogar vermutlich die Liebe eine ist.

Und so geschieht es, dass die ORDNUNG eines gesellschaftlichen Systems als verheerende Diktatur erscheint, die  (im jeweils besten Glauben) genau das herstellt, was sie bekämpft:
Nämlich Dystopie (geboren aus unheilvoller Utopie) und Irrationalität!

Unkontrollierbares im Homo Sapiens. Das macht dem (gut gemeinten) Kontroll-Versuch von gesellschaftlichen Glaubens-Sätzen Angst! 

Der Regisseur sorgt für eine eisig anmutende, dramaturgische Ordnung in seinen Filmen. 
Und dadurch für Grauen. Und für Horror auch. 

Alles scheint Versuchs-Anordnung.

Der Zuschauer, dem indes die REGELN beigebracht werden, in dessen Rahmen sich die Handlung bewegt, schwankt selbst zwischen Anerkennung und Ablehnung dieser Gesellschafts-Prinzipien. 
Egal, wie überzogen sie scheinen, der schale Wiedererkennungseffekt ist rasch da. 
Und damit eine unerwünschte Identifizierung. 

Das ist sehr unangenehm. Das muss man nicht lieben.
Aber man kann.

In dieser (dramaturgischen und visuellen) Perfektion, erinnert der Film an die akribische Wikipedia-Beschreibung z.B. solcher Wesen, wie Lobster es sind.
Man erfährt etwas von einem fremdartig scheinenden Organismus und merkt zu spät, dass in der Überzeichnung die Erkenntnis liegt:
"Die Pleura können sich gegenseitig überlappen oder nicht und sind aufgrund ihrer unterschiedlichen Form von taxonomischem Interesse. Die ersten beiden Schwimmbeine sind Bestandteil der Fortpflanzungsorgane. Das erste Paar der Männchen ist verhärtet, während das der Weibchen zweigliedrig und beweglich ist..." (Wikipedia, The Lobster)

Der Mensch wird - mit sezierendem Verstand betrachtet - bei Lanthimos zum Un-Mensch. 

So, wie der Hummer zum nicht-fühlendem Insekt wird, das in kochendem Wasser bearbeitet, wohl schmeckt, aber naturbelassen stören würde.

P.S. Die Paganini´s- Redaktion ist durchgehend von Lanthimos eigenwilliger Handschrift fasziniert, empfiehlt jedoch das Oscar-prämierte "The Favourite" bei weitem nicht als den interessantesten Film des Regisseurs.



Mehr zu "Lobster" --->HIER


Samstag, 7. November 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s



@Paganini´s

HERBST

Krachend stürzt ein Ast ins Leere
Blätter wirbeln in der Luft
der Arm kann sich wehren
und ein Mensch (am Ende des Arms) weiß
Er ist nicht gemeint gewesen

Ein dummer Zufall bloß sagen die Leute
in dieser Situation und auch in der anderen
da hatte doch wohl der Teufel die Finger im Spiel
sagen die Leute auch und meinen immer dazu einen Gott
und meinen den Mann und den Anderen und auch die Frau

die meinen sie auch und das meinen sie auch 
und meinen und meinen

Die beugt sich hinunter und fällt in die Tiefe
Papierschnipsel (aus den Hosentaschen) fliegen mit ihr
und sagen Good Bye

Gott und Teufel fangen sie auf
(im Konfetti-Regen!)


(Notizen ohne Bezug zu Menschenlichter im Tollhaus, 2014)



Samstag, 31. Oktober 2020

Das wunderbare "Predestination"...

Ein Film von Michael und Peter Spierig



 


Gedankenspiele philosophischer Art - über das Schicksal des Menschen ein Mensch zu sein - und 
Science-Fiction, vertragen sich von jeher gut. Man denke an Stalker, man denke an Odyssee im Weltraum und die dazu gehörigen  Namen von Regiegrößen wie Tarkowski und Kubrick.

Im Film "Predestination" der Spierig-Brüder gelingt dies Couple allerdings in einer seltenen Synthese: Aufregend intelligent und vielschichtig einerseits. Dabei (einfach) spannend und unterhaltend andererseits. 

Also weder verquaster Sci-Fi-Kunst-Kunst-Film für Eingeweihte (doch, natürlich lieben wir Tarkowski und Kubrick), noch ein inhaltlich hanebüchen aufgepimpertes Action-Spektakel mit aufgepushten Special-Effects und ästhetischem Werbe-Film-Wow!

Wir wollten die MENSCHENLICHTER-IM-TOLLHAUS-WOCHEN beenden. 
Und das Schicksal namens "Prime-Video-empfiehlt-Ihnen" gab uns nun diese kleine Virtuose an die Hand. Eine bessere und penetrantere Fortsetzung des Themas ist nicht denkbar!

Der Film, getragen von einer düsteren Noir-Atmosphäre mit wilden Schnitten (und eigenartigerweise dennoch viel Zeit für lange Monologe und Einstellungen) hat wohl einen dramaturgisch gesetzten Anfang, eine Mitte und ein Ende. 
Aber nach diesem Film ist das Hirn der Paganini´s-Redaktion matschig durchgeknetet wie selten und der Film nach dem Film nimmt kein Ende mehr. 
"Am Anfang ist das Ei. Nein, das Huhn. Huch. Eigentlich der Hahn. Hach. Aber nur, wenn es überhaupt einen Anfang und ein Ende und dazwischen eine lineare - logisch aus Ursache und Wirkung - entstehende Geschichte gibt. Und dahinter möglichst eine einzige Wahrheit. Oha." (Der Wahnsinn klopft an die Tür, diesmal, während der Redaktions-Konferenz der Paganini´s-Redaktion.)

Wenn Ei, Henne und Hahn  kein GETRENNTES mehr sind. Und wenn der Zeit keine Abfolge im Sinne von Vorher und Nachher zugrunde liegt. Dann wird alles ein Loop, eine 0, ein Alpha und ein Omega. 

Und diese Melange entspricht einer mind-fucking Snake, die sich selbst in den Schwanz beißt und sich noch dazu nichts dabei denkt!!!???

Der Film kann ins Unendliche weiter gesponnen werden. Really! 
So haben wir das selten, nein, noch nie erlebt...

Ethan Hawke und Sarah Snook verkörpern glänzend Protagonisten, die sich selbst zerfleischen, dem Schicksal zürnen und immer am Ende: sich selbst begegnen!




Zum Inhalt des Films und ausführlicher Kritik hier auf www.kino-zeit.de--->


Nun also auch auf dem Blog: November-Lockdown!

Donnerstag, 29. Oktober 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s





KEINE GESCHICHTE

Wenn ich nicht mehr kann,
sag ich Dir Bescheid.
Nein, ich frage nicht,
ob es interessiert.

Wenn ich dann noch will,
schimpf ich schlicht auf nichts.
Ja, Du weißt Bescheid,
und es tut Dir leid.

Das ist die Geschichte,
die gar Keine war.



Keine Pointe

Montag, 19. Oktober 2020

Menschenlichter-im-Tollhaus-Wochen:

Der Engel auf Irrwegen


Ein Wesen wird auf verlassener Straße aufgelesen und wegen seiner albino-ähnlichen Dünnhäutigkeit auf eine Quarantänestation gebracht. 
Er fällt anfallartig in Todesschlaf gleichende Zustände. 
In diesen Sequenzen findet er sich in 1 Person, 1 für ihn ungewohnten und  unbekannten Menschen, wieder. 

Erholen kann er sich von seinen Fremd-Erlebnissen nur in dieser Station.

Diese Variante der Rahmenhandlung mit ENGEL haben wir verworfen.
Andere Varianten finden wir bis heute...


https://www.flickr.com/photos/16230215
@N08/4775735278Bildunterschrift hinzufügen



 I

Und wie geht es Ihnen heute?

Das fragt mich ein schöner Mund. 

Ein schöner Mund, den ich im Moment nicht sehen kann. 

Aber da ich den Mund kenne, weiß ich um seine Schönheit. Ich habe den Mund bereits sehen dürfen. Den Mund und sein Lächeln. Und die großen, leicht auseinanderstehenden Zähne in diesem Mund. 
Zähne, die wunderbar weiß glitzern, wenn das Lächeln zum Lachen wird.
  
Dieses Lachen nenne ich in Gedanken „mein Fest“. 

Für Sie gibt es hier nur wenig zu lachen, nicht wahr?
Hat mir dieser Mund einmal zugeflüstert, als er sich, wie im Moment, verhüllt hatte.

Ich wußte nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich wollte mich nicht verraten. 
Aber ich wollte diese Worte, die aus einer weichen Kehle in einen schönen Mund hineinflossen, vermutlich um mir etwas Gutes zu tun, so auch nicht in diesem gläsernen Raum, der meine Zuflucht ist, hängen lassen. 

Solche Worte hängen dann sozusagen ungewollt über meinem Kopf in der Luft. Das stört mich. 
Worte sind geheime Zeichen. Sie stören nicht immer. 
Sie stören nur manchmal sehr, so sehr, will ich meinen, wenn sie alles mit einem vollständig falschen Duft durchdringen. Wenn die Luft über meinem Kopf nicht mehr aseptisch, sauber und gereinigt ihre Neutralität wie Seifenlauge, die über weiße Fliesen fließt, ausbreiten kann, wortlos und rein. 

Wenn die Luft ihren Odem, diesen Odem zur Bekämpfung störender Eindringlinge, nicht ohne Worte, die die Wahrheit verfälschen, weitertragen darf. 

Dann beginnt für mich ein Leiden. Ein Leiden, das wenig Anlass zum Lachen gibt.


Also habe ich es nicht ganz so weit kommen lassen und die Worte Lügen gestraft.
Ich habe nämlich in den schönen Mund, den ich nicht sehen konnte, in diesem Augenblick, hineingelacht.

Haha!

Und dann haben ihre Augen, ihre sehr schönen Augen, kurz einen noch schöneren und wärmeren Blick erhalten...




P.S.: Natürlich stand auch Bowies bezaubernder "Mann, der vom Himmel fiel" Pate.
Wie gesagt, das ganze Projekt, leider unausgegart. 


Hiermit sind die Menschenlichter-im-Tollhaus-Wochen beendet!

Und der Blog muss pausieren...


Samstag, 17. Oktober 2020

Menschenlichter-im-Tollhaus-Wochen...


 ...aus dem Kinosaal: ENFANT TERRIBLE von Oskar Roehler



R.W. Fassbinder u. Hanna Schygulla @CC



Leicht benommen aus dem Kino kommend, sich sammelnd im Lärm des Alltags.
Immer wieder irgendwie schön!

Für den Hinweg in unser Rixdorfer Arthouse-Kino haben wir die idyllische Route, vorbei an Comenius-Garten und (natürlich hochsanierten) windschiefen Häuschen und Jahrhundertwende-Mietshäusern genommen. Zurück suchen die Füße von alleine die Gegenwelt der lauten Geschäftsstraße, der (nicht schönen) Karl-Marx-Straße, die durch die Jahre-währenden Verschönerungsmaßnahmen nicht schöner wird, aber einer großen Dauer-Baustelle gleicht.

Ihr Vorteil: Hier wimmelt es von Autos, von Menschen, von Imbissen und kleinen Boutiquen. Nach 135 Minuten Oskar Roehler und seinem "ENFANT TERRIBLE" Rainer Werner Fassbinder auf der Leinwand, brauchen wir Ablenkung durch die volle Dröhnung REALITÄT.
Idylle und dörflicher Charme passen nicht, nach diesem Film.

Wir nehmen auf dem Heimweg mit: Ein wunderschön gewebtes Wollkleid für 15,- EUR und 3 MNS-Masken -handmade und wirklich hübsch - für insgesamt 5,-EUR. Zu diesen Angeboten werden wir gelockt durch - vor den Läden stehenden Verkäufern - allesamt ohne MNS.
Die Karl-Marx ist unverschämt günstig. Und hoffentlich nicht teuer bezahlt!

Wohlgemerkt, wir sind in Neukölln zu Hause. Und Neukölln ist zur Zeit der Corona-Hotspot Deutschlands schlechthin. Der kleine "Kinosaal 4" ist relativ gut besetzt. In diesem rotgeplüschten Miniatur-Sälchen gibt es 7 Reihen a 8 Plätze. In meiner Reihe 7 sitzen außer uns noch 2 weitere Personen. Die Lüftung ist offensichtlich gut am Werk. Ich lasse den Mantel an, setze dafür die Maske ab. Nein, im Kino breitet sich eher ein sicheres Gefühl aus. Dafür fehlt natürlich das Prä-Kino-Feeling mit Popcorn, Drink an der Bar etca. völlig.
Es gibt inzwischen auch keine diesbezüglichen Erwartungen mehr.
Der Mensch ist ein Umwelt-anpassungsfähiges Tier wie die Taube. Mindestens!

Auf dem idyllischen Hinweg allerdings kamen Personen (wir allesamt ohne MNS) genau so nahe an mich heran, wie nun - nach dem Kino - auf der Karl-Marx.
Rainer Werner Fassbinder, denken wir (vielleicht fälschlich), wäre das eventuell egal gewesen. Das ganze Brimborium mitsamt der Unsicherheit in unseren Zeiten von Corona. Doch das ist reine Spekulation!

Wenn wir nun, nachdem wir aus Oskar Roehlers Film kamen, so lange vom eigentlichen, filmischen Thema abschweifen, dann liegt das nicht nur am großen Thema der Gegenwart, wie Corona es eben ist. Sondern es liegt schlicht auch an der Wirkung des Films auf uns (die Paganini´s-Redaktion).

Wir sind uneins, wir bleiben insgesamt gespalten! (Das allerdings auf hohem Niveau!)

Auf der einen Seite unsere Empfehlung, sich dies Stück Kino anzusehen, weil es gutes und kluges und originelles Kino ist.

Auf der anderen Seite fühlen wir einen Mangel, der sich nur schwer in Worte fassen lässt.

135 Minuten "Menschenlichter im Tollhaus". Ja, das zumindest gibt es zu 100% zu sehen.
Aber sehen, ist eben noch lange nicht fühlen.

Groß ist: Oliver Masucci und Oliver Masucci und Oliver Masucci. Kein Overacting und keine Eitelkeit.
Dafür eine vollkommene Hingabe an die Person, die er darstellt. "Er ist Rainer Werner Fassbinder". Heißt es dann gewöhnlich in den Lobgesängen der Kritiken. Bei Masucci passen solcherlei Sätze nicht.
Da ist Schauspiel-Magie am Werk. Und da hält man als Kritiker in puncto Plattitüden eben den Mund. (Völlige Einigkeit hier, bei allen Rezensionen).
Groß ist auch der übrige Cast. Der Zuschauer fühlt sich mittendrin, in Fassbinders Film-Familie.
(Ganz nebenbei: Wir haben uns manchmal fast als Voyeure gefühlt)

Groß und typisch Roehler - und deshalb extrem eigen - ist auch die Ästhetik von Bild und Spiel:
Outriert, artifiziell, hysterisch und theateraffin.
Und wirklich nah an der Ästhetik der Fassbinder-Filme dran.

Künstlich und doch ein Biopic! Sensationell!
(Das wäre die eine, denkbare Wertung)

Wir sehen gerade hier aber auch den Mangel. Vielleicht.
Es fehlt eindeutig an Fallhöhe und Entwicklung d. Protagonisten, um die Zuschauer in ein Drama hinein zu ziehen.

"Alles ist ein Film". Dieses Fassbinder-Zitat steht über jeder Szene.
Das vergisst man in keiner, noch so kleinen, Sekunde dieses Films.

ENFANT TERRIBLE berührt auf ästhetischer und intellektueller Ebene.
Aber eben nicht wirklich emotional!





Oskar Roehler im Interview zum Film ---> Hier--->

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s




Geisterbahn @CC

Im Tollhaus ist die Hölle los. Ich bin diesmal Mittendrin. Nein. Eigentlich bin ich Draußen. 
Genauer gesagt bin ich deshalb Mittendrin, weil ich Draußen bleiben muss. 
Man sagte mir kurzum (signalisierte es), dass ich nicht Mitspielen darf. Im Tollhaus. 
Man sagte mir sehr dreist, dass das Tollhaus (heute) geschlossen hat!
Und wenn ich monieren wolle, dass das Tollhaus nie geschlossen sein könne, weil dann gar nichts mehr wäre, Hier und auch Da nicht und Nirgendwo - dann möge ich eben warten, bis es für mich (Irgendwo und Irgendwann und Irgendwie) weitergehen könne. 
WEITERGEHEN! 

Was bitte heißt denn "Weitergehen"? 
Das heißt doch gemeinhin, einen Schritt vor den anderen zu setzen.  
Und das geht doch nicht, wenn ich Draußen warten und auf der Stelle stehen soll. 
Und ich will doch (und wollte auch) gar nicht weiter gehen. 

Ich will doch nur Rein. Einfach nur Hinein. Und Mittenmang im Tollhaus sein!

Da ist doch immerhin der Teufel los. Da geht doch was - in eine unermessliche Richtung - geht das Da.

Da muss ich nicht laufen. Bis der Fuß schmerzt. Da passiert doch die Chose einfach!  
Wie von selbst, passiert das da. In diesem gottverdammten Tollhaus! 

Da muss ich doch Hinein dürfen. Muss ich doch. Wie Du und Ich. Oder so.

Genau deshalb wollte ich heute mal vorbeischaun. Und schon war ich Mittendrin. 
Und eigentlich nur deshalb, weil ich Draußen bleiben soll.

Gibt es da (Drinnen oder Draußen) Irgendeinen, der sich WIRKLICH auskennt, mit diesem Tollhaus?
(Notizen zu "Menschenlichter im Tollhaus", 2011)



 

Dienstag, 13. Oktober 2020

Menschenlichter-im-Tollhaus-Wochen

Die Weltesche, auch Yggdrasil geheißen


Gustav Klimt, Lebensbaum


Ja, die wunderbare Mythologie!

In loser Folge will Paganini´s ein Streiflicht darauf werfen, so wie die
Mythologie von jeher das Dunkel unserer (Menschen-)Welt durchleuchtet hat.
Sie fand die Chiffren für das Prinzip, das uns bewegt:
Das Schicksal des Menschen, ein Mensch zu sein!

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Ob Esche oder Eibe. Wir wissen es nicht. Und nicht gewusst werden muss es.
Denn Weltenbaum ist Weltenbaum. Und Yggdrasil ist Weltenbaum und damit Lebensbaum schlechthin.
Der Baum aus der Edda.
Riesenhaft, mit seiner Krone den Himmel stützend, mit seinen Wurzeln neun Welten unterwandernd, hinein in die tiefsten Tiefen von Niflheim und Hel.

Eine Esche weiß ich,
heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum
netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Tau,
der in die Täler fällt.
Immergrün steht er
über Urds Brunnen.

Stoisch steht Yggdrasil als Mittelpunkt und verbindender Stamm in der Welt. Zur Demut verdammt, ringt er um Unsterblichkeit.
Unermüdlich lässt er die grünen Triebe sprießen, die Wurzeln tiefer und tiefer sich ausbreiten.

Goldene Hirsche fressen sein Grün, schreckliche Würmer und Drachen aus Niflheims Grund,
benagen die Wurzeln.
Ein Adler schaut zu. Zwischen den Augen des Adlers sitzt noch ein Habicht.
Vier Augen sehen eben besser. Doch tun können sie nichts.
Ein Eichhorn flitzt tagein, tagaus den riesenhaften Stamm hinauf und hinunter.
Sehr pfiffig, trägt es Klatsch und Tratsch von Einem zum Anderen: Vom Adler zum Gewürm,
von den Hirschen zu den Nornen, von den Nornen zu den Göttern.
Die Saat geht auf. Zwietracht im Gepäck.
Die Nornen geben dem Baum zu trinken, aus der göttlicher Quelle des Urd.
D
as Leben soll siegen!
Denn sonst wird es dunkelFängt der Baum einst zu beben an, dann ist es so weit:
Ragnarök, die Götterdämmerung, die Befreiung des Fenris-Wolfes.
Und damit - das Ende!

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...und was lernen wir aus dieser uralten Geschichte?
Nichts, aber auch wirklich Nichts hat sich verändert!
Seit Ur, das der Anfang war !


Wer tiefer in den Nebeln der Esche versinken möchte, der lese das I. Kapitel aus
"Menschenlichter im Tollhaus".

Der "Engel" erholt sich von seinen Reisen (hinein in die Psyche eines Menschen) in
dieser mythologischen Welt und findet sie insgesamt durchaus amüsant! 

Samstag, 10. Oktober 2020

"Menschenlichter im Tollhaus" - Wochen

 

Erwin Olaf by Marjolein Benard @ flickr

Felix im Glück

Unsanft lande ich in der Matrix einer Person, mit der ich verschmelze und die Felix heißt. 
Felix ist ein jung gebliebener Fünfziger. 
Felix, so weiß ich als Felix, heißt Glück. 

Ich bin also Felix und laufe an einem Bahndamm entlang. Hüpfenden Herzens laufe ich seit zwei Stunden den Bahndamm hinauf und hinunter und schreie mein Glück in die Dunkelheit einer anbrechenden Nacht, die mir wunderbar zu sein scheint. 
Das Leben drückt manchmal schwer und manchmal möchte man den Hut in die Luft werfen und einen Looping kreisen machen und vor Glück schreien. 
Das Leben tut heute weh vor lauter Freude. 
Ich habe es geschafft! 

Ich habe das Buch geschrieben, das ich habe schreiben wollen. Ich habe es an einen Verlag geschickt und ich habe das Buch zur Verwirklichung preisgegeben, wie ich mich, ein Jahr hindurch, an das Buch gegeben habe. 
Das Buch ist im Dämmerlicht geschrieben, symbolisch betrachtet, es beobachtet Menschen im Dämmer ihres So-Seins. Es schmeichelt den Menschen nicht durch Kerzenschein. Es zeigt Ihr Leben im dämmrigen Schattendasein und ich bin, wie ein anderer Großer auch, der Ansicht, dass Dämmer die einzig wahre Menschheitsbeleuchtung ist! 

Im Übrigen bin ich schon immer ein Dichter gewesen, ein Dichter der Menschheit, wie ich mich insgeheim von jeher nenne, kein Humanist übrigens und kein Gutmensch, aber ein exzessiver Menschheitsdichtermensch! 

Und doch verbringe ich die meiste Zeit meines alltäglichen Daseins in einem ganz spießbürgerlich zu nennenden Beamtendasein, schließlich verdiene ich mein Geld als Lehrer, an einem der letzten humanistischen Gymnasien dieser Stadt. Ich bin ein guter Lehrer, ich bin auch gerne Lehrer, aber das Lehrerdasein ist ausschließlich zum Schutze meiner Dichterseele vorhanden. 

Solchermaßen schätze ich die Struktur meiner Fassade und dichte mehr oder weniger in gestohlenen Dämmerlichtstunden. In den Clubs und Zirkeln der pulsierenden Orte der Stadt, bin ich dennoch ein Bekannter und auch schon irgendwie Anerkannter, weil an mancher Stelle mit Kultverdacht Bedachter.
  
Als Juliana vor drei Jahren aus dem Fenster des fünften Stockes gesprungen ist, war ich seltsam gefasst gewesen, zunächst, dann seltsam ergriffen und danach tatsächlich verzweifelt. 

Jetzt, wo ich vor Glück platzen möchte, sprechen meine Lippen, im Takt meines Herzens, zu der toten Juliana. 
Juliana ist Musikerin gewesen und sie hat sich eine Zeit lang, mit Tremolo und Tango in der Stimme, in die Herzen der Stadt gesungen, bis ihr Stern zu sinken begann. 
Sie konnte auch klassisch. Als sie mir, in einem nach Parfum duftenden Privatkonzert, ein Lied aus Schuberts Winterreise gesungen hat, ein Lied, das eigentlich einer Männerstimme zugeschrieben wurde, und 
“diese Straße musst Du gehen, die noch keiner ging zurück, die noch keiner ging...”
mit diesem Blick, den sie mir während dieser Zeilen geschenkt hatte, zu ihrem eigenen Lied gemacht hat, spätestens da hätte mir die ungemein ungestüme Dramatik ihrer Seele bewusst sein müssen. 

“Der Mensch ist frei!”, habe ich wütend gedacht, als sie mich angerufen hat, mitten in der Nacht, um mir mitzuteilen, was sie nun in die grausige Tat umzusetzen gedenke. 
“Der Mensch ist frei, in seinen Gedanken und in seinen Erfindungen!”
Von diesem Gedanken bin ich auch heute, im Hier und Jetzt am Bahndamm laufend und letztlich glücklich in meinem Erfülltsein, überzeugt. 
„Der Mensch ist frei, wenn er weiß, dass er sich stetig erfindet, zwischen der Leere und der Möglichkeit des Gedachten. Du bist frei“, dachte ich, „solange Du nicht gesprungen bist!“
Aber sie ist gesprungen und sie war frei. Sie ist gesprungen, weil sie sich mit sich selbst und ihrer Dramatik so identifiziert hat, dass sie sich für schlüssig halten musste, in Ihrem Tun und sie war dennoch frei, wenngleich sie ihre Freiheit schon lange vergessen hatte. 

Aber sie hätte den Sprung aus dem Fenster ihres Hauses sein lassen können. Sie hätte ihren Wunsch, mich und die Welt zu bestrafen, für unseren Mangel an Konsistenz der Anerkennung, auflösen können. Aber sie wollte es nicht sein lassen. Sie lebte ja auf, in ihrem letzten, selbst geschriebenen Kapitel des Lebensbuches. 

Ich laufe und laufe die Bahngleise entlang und lobe mein Lehrerdasein. 

„Ja, ich sei eine gespaltene Existenz“, hat sie mir an den Kopf geworfen, „ja, das sei ich!“ 

Das bin ich aber nicht. 
Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben. Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion! 
Sie ist doch eine Künstlerin gewesen, sie hätte doch wissen müssen, wie wir das ICH zeichnen und stricheln, im ewigen Wunsche und doch immer versagen werden, wenn wir glauben, das sei das Fatum und Faktum. 

Ich bin heute glücklich, weil mein Buch veröffentlicht werden wird und doch werde ich schon Morgen neu anfangen, in meinem Ringen um mich selbst. 
Ich werde den Lehrer in mir bekämpfen müssen und den geschmeichelten Dichter nur kurzfristig geschmeichelt sehen, um den Sturz von Juliana, aus ihrem Fenster, als Dichtender neu zu erfinden. Doch sie wird triumphieren, in ihrem auf immer und ewig Tot-Sein! 
Ich werde, nach einer Woche des glückseligen Ausruhens auf meiner Dichtung, die neue erste Zeile formen und wissen, sie ist nichts und doch groß, wie alles und jedes nichts ist und groß. Aber frei, frei, frei und immer in der Schuld! 
Gott sei mir gnädig! 
Ich liebe sie auch heute. 
Nur heute liebe ich sie! Aber Gott sei mir gnädig! 
Ich stolpere, stürze fast, aber ich stehe auf, fange meinen Hut aus der Luft wieder auf und gehe weiter am Bahndamm entlang und wachse nicht mit jedem Schritt, aber weine. 
Meine Seele singt ihren Chanson, den sie für mich geschrieben und komponiert und gesungen auf CD gepresst hat. 
Ich habe diese CD einen Tag nach Ihrem Fenstersprung in einem Kuvert in meinem Briefkasten vorgefunden. 
Es ist ein ganz alberner Chanson, ein Zeugnis ihres schwindenden Talentes: 

"Als der Nebel niedertropfte, die Nacht sich Schleier angelegt,
ich den Spiegel sehen wollte, dich dort nicht mehr sah!
Wie sonderbar, wie sonderbar, es war doch einmal wunderbar..!

Als die Sonne Wunder hoffte, der Mond sich Kleider umgelegt,
du mir meine rauben wolltest, ich sah mich so nah! 
Wie wunderbar, wie wunderbar, doch so fremdlich sonderbar..!

Als der Regen Wolken suchte, Schutz sich ausgesucht,                                                        IchDu in den Pfützen hüpfend, Füße mit den Flügeln schlugen! 
Wie wunderbar, doch sonderbar, so sonderbar und wunderbar..! 
Als die Flügel nicht mehr winkten, warst Du doch nach Haus gegangen, 
mich hast Du nur fast gefangen, (zu) früh mich vergessen, dann und wann! 
Wie sonderbar, wie sonderbar, es ist noch immer wunderbar….!"

Juliana ist tot gewesen und ich habe diese Zeilen, von ihrer Stimme, vorgeträllert bekommen.
Sie ist eine dumme Person gewesen. Nichts weiter! 
Ich ziehe den Hut ins Gesicht. Er hat seinen Looping gehabt. 
Das soll für heute genügen! 

Aus der Ferne höre ich den Zug heranrollen. 
Keine Angst! Mich kriegt er nicht! 



Donnerstag, 8. Oktober 2020

Die wunderbaren "Menschenlichter"...

 ..."im Tollhaus" (wo sonst?) und im Buch


Vor über 10 Jahren schrieb ich ein Buch, für das ich den Titel "Menschenlichter im Tollhaus" gefunden hatte. Die Unter-Überschrift lautete "Protokolle aus der Menschenwelt"!

Ich befand mich damals in einer, nun, sagen wir mal, nicht wirklich glücklichen oder gar geglückten Phase meines Lebens. Der Job, mit dem ich mein Geld verdiente, laugte mich aus und schien mir verlogen, die Menschen, denen ich privat begegnete, kamen mir letztlich lausig vor (und allesamt depressiv!).
Dazu zerrte die Zusatzausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie an meinen Nerven, das stundenlange Auswendig-Lernen der perfidesten, psychischen Störungen machte mich glauben, dass Welt, Mensch und das, was wir Leben nennen, ausschließlich dunkel, abgründig, vielleicht gar reiner Morast seien!

Die Tätigkeit des Schreibens führte in meinem Alltag seit einigen Jahren ein nur nebensächliches, also kümmerliches, Schatten-Dasein. Ich vermisste es schmerzlich. So kam mir also der (rettende?) Gedanke, der düsteren Menschen-Welt mit Neugier und etwas Helligkeit (auf-)schreibend zu begegnen. Mir gefiel dabei die Vorstellung, dass der Autor wohl drinnen ist, in seinem Buch. Aber immer auch draußen. Ihm steht die Freiheit zu, hin und her zu springen, wie ihm gerade Lust und Laune ist. Mal darf er sich in seinen Figuren verlieren. Mal kann er sie - aus einem gemütlichen Abstand heraus - analysieren. 

Am Anfang stand der Titel. Mir kommt es vor, als hätte es diesen Titel von Anfang an (also mit Beginn meiner Existenz) bereits gegeben. Als hätte ich ihn nur hervorkramen müssen, aus dem Versteck einer Manteltasche beispielsweise, oder hinter einen Spiegel gepinnt. Es gibt kein Buch, denke ich, das nicht von genau diesen erzählt (den Menschenlichtern in ihrem Tollhaus). Und so quillt meine Kladde von jeher über, vor Gekritzel unter diesem BETREFF. Heute genauso wie damals, vor der Konzeption dieses einen Buchs. 

Zu dem Titel gesellten sich 7 Personen (fiktiv), von denen ich mir wünschte, dass sie mir ihre Geschichte erzählen würden. Ihre Geschichte als Bruchstück, als herausragendes Ereignis, das sie geprägt hat, durch eine Erschütterung vielleicht. Oder gezeichnet hat, durch einen schicksalhaften Ton. Sie sollten es mir in einem langen Monolog erzählen. So, wie man es einem Therapeuten berichtet. Oder so, wie man es in einem Gebet, als Stoßseufzer verpackt, zu den Göttern schickt. Vielleicht auch so, als wolle man sich einem (tatsächlich von tiefem Interesse angetriebenen) Journalisten, mitteilend zur Verfügung stellen: Ungefiltert, unmittelbar und so intensiv, dass es lebendig wird und in einer gewissen Dichte zum Schweben kommt. 

"Naturalistisch mit Engelflügel", dachte ich mir. So, wie man manchmal sagt: "Nun geht ein Engel durch den Raum". Wenn da eine Wahrheit auftaucht, eine Nähe, während eines Gesprächs. So also kam der Engel ins Spiel. Er hüpfte mit dieser Redewendung ins Buch hinein. Und mit ihm die Autorin, die sich verlieren aber auch wieder von den erdachten Personen und ihrem Weh erholen wollte.
Kein Engel im Sinne der herzensguten, schützenden Putte mit rosa Wangen, sollte das sein. 

Vielmehr ein Engel, als Inbegriff des Wesenlosen, des Nicht-zur-Menschenwelt-Gehörenden. Und dennoch eine wahrnehmende Energie, dem Lebendigen zugeordnet. Wieso dieser Engel schließlich in der "Edda" sein Zwischenlager aufschlägt, ist weniger Geheimnis, als meiner Liebe zu Mythologien geschuldet.  Es gab auch andere Entwürfe zu dieser Rahmenhandlung. Doch am Ende siegte die "Nebelwelt der Welt-Esche" als Flughafen und Zwischenstation.

"Felix im Glück" war meine 1. Geschichte. Ich las damals eine Biografie über Gottfried Benn. Sein eigentümliches (nicht wirklich empathisch zu nennendes) Verhältnis zu Frauen, führte in Felix Richtung. Das Weitere entwickelte sich sehr schnell. Eins kam zum Anderen. Wie man das eben so sagt und wie es dann oft tatsächlich ist. Die Figuren sprachen zu mir, wie zu einer Freundin. 

Inzwischen ist "Menschenlichter im Tollhaus" nur noch hier und da im Internet als Restposten zu erwischen. Ich zweifelte am Engel. Ich zweifelte am Sinn. 

Der Engel flog raus, die Protokolle wurden in einer neuen Auflage des Buchs unter der Head-Line "Sehnsucht" gesammelt. Ich bin von nichts ganz überzeugt. Und ich war es nie. Was mir geblieben ist, das ist der Titel. Natürlich neben einer absolut echten Liebe zu den 7 Personen, die sich mir offenbart haben.
(Hier stelle man sich ein verrückt-verschämtes Gekichere der Autorin vor)

Und geblieben ist die Kladde, die das Ganze fortschreibt. Ins Irgendwann und ins Irgendwie hinein. 
Eine Skizze nur. Von Irgendwas.

 

Cover zu Menschenlichter@Paganinis



"Menschenlichter im Tollhaus" finden sich - Gott und Teufel sei Dank - nahezu pausenlos und überall wieder. Genannt sei neben der Literatur natürlich Kino, Musik, Malerei, Twitter, Tand und Narretei. Sowie Theater, der Nachbar, der Freund und der Feind. Und das ICH für sich. Das Fremde für Dich. 
Und die Wiege. Mit der Alles beginnt. 
 
(Und nun: MIAU)

 

Samstag, 3. Oktober 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

 ...der Paganini´s


Pixabay.com @CC


Wenn die Blätter vom Himmel fallen wird es Herbst. So singt das Kind.
Wenn die Sonne am Himmel scheint stirbt kein Mensch. So singt das Kind.
Wenn der Mond am Himmel seine Kreise zieht ist die Seele (beschützt) im Land der Träume.
So betet das Kind. 
Wenn ich mal groß bin geh ich weit fort. So Sagt das Kind.
Überleben ohne Floß und Feuerstein. Augen zu und durch.
Das Kind hat gesiegt. Es ist da. Angekommen am (rettenden) Ufer des Erwachsenen-Sein.
Das Kind singt nicht mehr. Der Kampf geht weiter. Ein frei gewordener Wunsch erinnert an Kindheit. 
Das Land des Lächelns und des Gesangs.
Wenn die Blätter vom Himmel fallen wird es Winter.
WEN KANN DAS NOCH SCHRECKEN.

(Notizen zu "Menschenlichter im Tollhaus", 2010)





"Menschenlichter im Tollhaus"-Wochen  auf  dem Blog.

Sonntag, 27. September 2020

Der wunderbare Buchanfang: XXX. Teil

 

"Ein Buch, das nicht mit einem Paukenschlag anfängt, lese ich nicht!"
(Zitat von Paganini, dem Kater)


Die Paganini´s-Redaktion will sich dieser Polemik nicht zu Hundert Prozent anschließen.
Und doch bleibt es unbestreitbar: Die Verführungskraft der ersten Zeilen eines Buches entscheidet sehr wohl darüber, ob wir es tatsächlich zu Ende lesen, oder frühzeitig zur Seite legen.

Deshalb in loser Folge bei Paganini´s:
"Der wunderbare Buchanfang!"

Heute ein Buch, das seinen Titel großzügig mit einer Novelle von Dieter Wellershoff teilt.


Giuseppe Tomasi di Lampedusa, DIE SIRENE

Im Spätherbst des Jahres 1938 befand ich mich auf einem Höhepunkt von Weltschmerz. Der Schauplatz dieser Menschenverachtung war Turin, wo ich damals lebte. Die "tota" Nr. 1 - wie ein solches Mädchen im Piemont genannt wird - hatte, während ich noch schlief, in meinen Taschen nach irgendeinem Fünfzig-Lire-Schein gesucht und dabei auch ein Briefchen der "tota" Nr. 2 entdeckt, das trotz Fehlern in der Rechtschreibung über die Natur unserer Beziehungen keinen Zweifel ließ.
Mein Erwachen war ebenso plötzlich wie stürmisch gewesen.


Boncuk, der Kater, präsentiert Lampedusas "Sirene"


Lampedusa beginnt seine Erzählung "Die Sirene" (einer der wenigen Texte, die neben seinem großen Roman "Der Leopard" entstanden sind) mit einer Prahlerei. Aus dieser Prahlerei erwächst eine Kränkung. Der junge Paolo, Mitarbeiter der "La Stampa", fühlt sich durch seine liebreizenden "tota 1" und "tota 2" in seiner Eigenliebe getroffen (da Beide ihm beleidigt den Laufpass geben) und beschließt "Die Welt und ihre Pracht auf einige Zeit zu verlassen". 

Als Rückzugsort und Schmollwinkel sucht er sich ein Kaffeehaus aus, in dessen dunkelstem Winkel er sich hinter der Lektüre diverser Zeitungen verschanzt. Der Leser wird also Zeuge eines, von Sinnenfreuden verkaterten, ansonsten draufgängerischen Sizilianers, dessen Ernüchterung zu keiner Sorge Anlass gibt.  Bald schon, das ist rasch klar, wird er erneut dem Locken der Mädchen folgen. 

Doch zuvor gerät er in den Bann eines anderen Gastes der Lokalität, dem weltberühmten Gräzisten Rosario La Ciura. Ein hochnäsiger, alter Herr, der aus seiner Verachtung gegenüber seiner Umwelt kein Hehl macht. Dennoch findet er Gefallen an seinem jungen, sizilianischen Landsmann, ähnlich der Zuneigung "die eine alte Jungfer zu ihrem Kanarienvogel verspürt". 

Es ist grandios, wie Lampedusa den jungen, ungestümen Aristokraten Paolo auf den alten  (ausschließlich seiner Genialität den Weltruf verdankenden) Geisteswissenschaftler und Poeten treffen lässt, damit sich das Dionysische am Apollinischen ausgiebig reiben darf. Sie leben in Parallelwelten zwar und treffen sich dennoch in einem Überdruss, geboren aus unbestimmter Sehnsucht heraus. 

Der mönchisch lebende Rosario weiht sein Leben als "Auserkorener" einer höheren Liebeserlesenheit
- der Kunst. Der junge (durchaus gebildete u. belesene), von Haus aus privilegierte Paolo, lechzt nach Leben und irdischen Freuden. Und er verspürt dennoch einen unerklärlichen Neid auf die wegwerfende Askese des Anderen, der eine besondere Erfahrung, ein Blick über eine außerordentliche Grenze hinaus, voran gegangen zu sein scheint.

Der Sirene Stimme, der Sirene archaische Liebe in ihrer amoralischen, lockenden Schönheit ist es gewesen, die Rosario (nach einer 20 Tage andauernden Betörung) auf immer der "Gewöhnlichkeit" entsagen macht. Lampedusa lässt den alten Herrn zu einem schwelgenden, dichtenden, schwärmerisch Beglückten werden, wenn er schließlich dem jungen Gefährten sein Liebes-Abenteuer (zu profan, natürlich, dieser Ausdruck!) erzählt. 

Dem Leser erschließt sich indes durch dessen Sprache eine köstliche Welt hinter der Welt, eine allumfassende Lebendigkeit  und wundersam erscheinende Vollkommenheit, die wir tatsächlich nur manchmal durch die Kunst erahnbar finden. Mit den Worten der Sirene gesagt:
"Ich bin alles, weil ich nur fließendes Leben bin, und nichts als das; ich bin unsterblich, weil aller Tod in mich einmündet (...);in mir vereinigt werden sie wieder Leben, das nicht mehr persönlich und begrenzt ist, sondern panisch und daher frei".

Unbedingt lesenswert!

(P.S. Nein, wir haben hier noch NICHT alles verraten. 
Die Lektüre bleibt inhaltlich spannend und nicht nur stilistisch ein Fest!)



Uns liegt die dtv-Ausgabe i. d. Übersetzung v. Charlotte Birnbaum vor.
Mehr zum Buch & Rezensionen (bzgl. Neuübersetzung v. Moshe Kahn) bei PERLENTAUCHER


Hinweise zu Dieter Wellershoffs Theorie von "Literatur als Sirenengesang" --->HIER
"Die Sirene" von D. Wellershoff lassen wir ein andermal im "Wunderbaren Buchanfang"
den Gesang erheben!

Freitag, 4. September 2020

Die wunderbare "Melissa kriegt alles":

Mit Rene Pollesch eröffnet das Deutsche Theater Berlin die neue Spielzeit



Theaterplakat DT-Berlin, Foto@Paganini´s

Es ist schon paradox. Da ordern wir, die Paganini´s-Redaktion, online die Tickets der untersten Preis-Klasse, sitzen im "Olymp" und sehen die -auf Leinwand- projizierten Schauspieler-Götter nur mit abgeschnittenen Köpfen. Dies ganz profan geschuldet, den persönlichen Zeiten des (sagen wir mal) eher knappen Geldes. Und doch lassen wir uns per Taxi zum Deutschen Theater Berlin sowohl hin- als auch zurück kutschieren und finden nichts dabei. Dies, wiederum sehr profan, geschuldet der Bequemlichkeit die eine gute Ausrede kennt, nämlich die U-Bahn in ihrem aktuellen Gefahren-Zustand. Und später dann, während des eigentlichen Ereignisses, dem wiederum dies ganze Drum und Dran geschuldet wurde, erfahren wir, dass dies Verhalten nichts anderes als Kommunismus ist. Denn der besteht, so hören wir, aus dem Paradoxon des Zweifelns bei gleichzeitiger Akzeptanz von ALLEM. Ob diese Behauptung, heraus gefiltert aus Rene Polleschs jüngstem Stück "Melissa kriegt alles", stimmt oder nicht stimmt oder ob wir (in Trance versunken) dies alles einfach falsch verstanden haben, ist uns (Pollesch sei Dank) schnurzpiepegal. Vollkommen schnuppe!
Und das tut richtig, richtig gut!

Oh, was sind wir froh und dankbar, dass wir keine Kritik oder Rezension über diesen ersten echten(!) Theaterabend (nach gefühlt unendlich vielen Online-Darbietungen) schreiben müssen. Da würden wir schwitzen und ächzen müssen und am Ende jämmerlich versagen. Wie kann man, wie soll man dieses Stück in Worte fassen, wie erklärlich machen, was da auf der Bühne passiert und was gleichzeitig nicht passiert.
Denn Kritik zu üben bedeutet doch auch, darüber zu schreiben, was als fehlend empfunden wird. Gerade in diesen, unseren Zeiten des "Leben mit dem Corona-Virus". Da fehlt ja doch wahrlich so unbeschreiblich viel! (Oder?)

Doch nur nicht verplappern. Straight Eins nach dem Anderen. Wie es diese 6 Schauspieler auf der Bühne zumindest gar nicht tun. Denn die verplappern sich vehement und da führt dann Eins zum Anderen und ergibt dennoch so gar keinen rechten Sinn. Am Beginn kriegt "Melissa alles" und am Ende steht das Entsetzen (oder besser: die Wehmut), dass der Verlust (von etwas Kostbarem/Geliebten) durch einen Ersatz kompensiert zu werden üblich ist.
Und dennoch lässt sich beschreibend so gar kein Bogen fassen.

Springen wir also ganz an den Anfang unseres Theater-Abends. Da konnte man schon unwirsch werden. Im Feuilleton nennt sich das "fehlender Resonanzraum". Wir nennen es, wiederum profanisiert, die Abwesenheit von Trauben erwartungsfroher, zeigefreudiger Menschen, die sich in der Theater-Bar schon mal mit Schampus einstimmen können.
Im Ernst, ein lauer Alt-Weiber-Sommer, ein ausverkauftes Stück im großen Haus des Deutschen Theaters zu Berlin - und weit und breit kein Service-Stand, an dem man auf die Schnelle zu seinem Glaserl Weißwein käme. Bei diesem ausgedünnten Besucher-Andrang, bewaffnet mit Masken, sollte das möglich sein. (Nein, in der Kantine wurde ausgiebig gekocht, ignoriert und nicht "ausgeschenkt").
Also hieß es -mies gelaunt und gänzlich unbetäubt- den Pfeilen nach, um endlich auf dem Sitz zu landen. Ironisch-symbolisches Hihihi und jede Menge Ersatz für uns, DAS PUBLIKUM, macht teuflische Begrüßungs-Freude, denn "Melissa" hat vorgesorgt. Wir blicken erstaunt in die Gesichter einer erwartungsvollen Besucher-Meute aus Zeiten der eng besetzten Theater-Bestuhlung. Kaum geärgert und kaum amüsiert, dann geht es auch schon auf der Bühne los.

Und: Surprise, surprise, da wird dann tatsächlich - an einem von Rene Pollesch kreierten Abend - ein ziemlich typischer Rene Pollesch gezeigt. Huch??? Und das in diesen, unseren Zeiten, wo bleibt denn da, wo ist denn da, ja, wo findet sich denn da:
 a)DIE RELEVANZ
 b)DER ZEITBEZUG
 c)DER CORONA-BEZUG
 d)DIE NEUERFINDUNG
und
e)DIE METAMORPHOSE VON THEATER???

Uns alles schnuppe, uns alles wurst und uns alles obendrein schnurzpiepegal (s.o.)!

Ein Puppenhaus steht auf der Bühne, die Farbe Quietschbuntrot korrespondiert possierlich mit der behaupteten Kommunismus-Tapete in Schwarz-Weiß, eine überragende Kathrin Angerer ruft nach ihrer Katze ("Komm zurück, kleine Shiva des Militärkommunismus") und ein (schon immer zutiefst russischer!?) Martin Wuttke stampft mit dem Fuß, wie ein verschusselt, dementer Möchtegern-Revolutionär. Und alle 6 Schauspieler agieren zusammen wie nur Kinder spielen, selbstvergessen, anrührend und teilweise versunken im Miteinander und Ohneeinander. Und wieder Einer gibt als Autor und Regisseur den roten Faden vor und wir schauen zu.

Das Publikum hat sich scheinbar nach mittlerweile 5 oder 6 (?) Vorstellungen aus der Lethargie befreit. Es nimmt begleitend ziemlich lauten Anteil. Bis zum Schluss.
Dann nämlich donnernder, trampelnder, johlender, grölender (kurz: begeisterter) Applaus.
Und wir klatschen auch. Bis die Hände schmerzen. Mit Gänsehaut.
Das war kein Ersatz. Denn da ist kein Verlust.
Nur THEATER!




Parallel zu dieser Theaterproduktion hat René Pollesch mit dem Ensemble aus Melissa kriegt alles außerdem einen Film gedreht, der am 23. September erstmalig im DT gezeigt wird: 
"Непский проспект – Nepski-Prospekt"

Wir waren HIER ----->
Zur Filmpremiere v. Rene Pollesch HIER---->

Montag, 3. August 2020

Aus der wunderbaren Kladde...

...der Paganini´s





Eltern im Hamsterrad 
(falsch gedeutet)
oder
Eltern 
(aus dem Hamsterrad fehl interpretiert)
oder 
Symptome
(nicht zu deuten)

Falsche Symptome, alles falsch gedeutet, dabei aber: richtig gemacht, schnurgeradeaus ins Verderben gerannt, in dieses  Hamsterrad,  im Hamsterrad,  der/die/das das Hamsterrad, da geht es mir gut, da kann nichts schief gehen, immer in die Pedale, so ein Rad, da ist sicher was sicher und wie alle und so: (Hehe, das bin doch nicht ich. Das bin doch nicht ICH. Der das sagt. Das sagt doch ganz ein Anderer. Irgendwo sagt der das...) ohne Symptome, aber immerzu mit diesen Symptomen, da kommt die Flaute auf, da rennt es sich unkomfortabel, da rennt es sich, rennt es sich rund, rennt einer um die Wurst, rennt und rennt, ohne Puste, so ein Rennen, als ginge es um was, im Hamsterrad, aber es rennt, von ganz alleine rennt das und renne ich, da  kommt das alles ins Rennen, wo auch sonst, als hier. In diesem wunderbaren Hamsterrad. Da sind dann die Symptome, diese vielzähligen Symptome und auch nirgendwo Sinn, gar kein Sinn, im Rennen, mit diesen Symptomen, ist da nicht die Rede, nicht die Rede von diesen Symptomen, nicht die Rede, ohne Sinn, das Ganze, ganz ohne, doch die müssen doch irgendwo her, irgendwie, irgendwo her kommen, die Symptome, da muss man doch laufen oder wenigstens entlaufen, mit diesen Symptomen, die sind doch nicht von schlechten Eltern, sind die...

Oder wo kommen die her?
(Notizen zu Menschenlichter im Tollhaus, II)




Boncuk, der Kater, in der Redaktionskonferenz:
Katze, Kater, Paganini´s und Inkonsequenz.
Alles Synonyme!

Wir versprechen jetzt endlich (weitgehend) die Sommerpause ein- (und somit das Maul) zu halten;

Farewell!