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Samstag, 17. Oktober 2020

Menschenlichter-im-Tollhaus-Wochen...


 ...aus dem Kinosaal: ENFANT TERRIBLE von Oskar Roehler



R.W. Fassbinder u. Hanna Schygulla @CC



Leicht benommen aus dem Kino kommend, sich sammelnd im Lärm des Alltags.
Immer wieder irgendwie schön!

Für den Hinweg in unser Rixdorfer Arthouse-Kino haben wir die idyllische Route, vorbei an Comenius-Garten und (natürlich hochsanierten) windschiefen Häuschen und Jahrhundertwende-Mietshäusern genommen. Zurück suchen die Füße von alleine die Gegenwelt der lauten Geschäftsstraße, der (nicht schönen) Karl-Marx-Straße, die durch die Jahre-währenden Verschönerungsmaßnahmen nicht schöner wird, aber einer großen Dauer-Baustelle gleicht.

Ihr Vorteil: Hier wimmelt es von Autos, von Menschen, von Imbissen und kleinen Boutiquen. Nach 135 Minuten Oskar Roehler und seinem "ENFANT TERRIBLE" Rainer Werner Fassbinder auf der Leinwand, brauchen wir Ablenkung durch die volle Dröhnung REALITÄT.
Idylle und dörflicher Charme passen nicht, nach diesem Film.

Wir nehmen auf dem Heimweg mit: Ein wunderschön gewebtes Wollkleid für 15,- EUR und 3 MNS-Masken -handmade und wirklich hübsch - für insgesamt 5,-EUR. Zu diesen Angeboten werden wir gelockt durch - vor den Läden stehenden Verkäufern - allesamt ohne MNS.
Die Karl-Marx ist unverschämt günstig. Und hoffentlich nicht teuer bezahlt!

Wohlgemerkt, wir sind in Neukölln zu Hause. Und Neukölln ist zur Zeit der Corona-Hotspot Deutschlands schlechthin. Der kleine "Kinosaal 4" ist relativ gut besetzt. In diesem rotgeplüschten Miniatur-Sälchen gibt es 7 Reihen a 8 Plätze. In meiner Reihe 7 sitzen außer uns noch 2 weitere Personen. Die Lüftung ist offensichtlich gut am Werk. Ich lasse den Mantel an, setze dafür die Maske ab. Nein, im Kino breitet sich eher ein sicheres Gefühl aus. Dafür fehlt natürlich das Prä-Kino-Feeling mit Popcorn, Drink an der Bar etca. völlig.
Es gibt inzwischen auch keine diesbezüglichen Erwartungen mehr.
Der Mensch ist ein Umwelt-anpassungsfähiges Tier wie die Taube. Mindestens!

Auf dem idyllischen Hinweg allerdings kamen Personen (wir allesamt ohne MNS) genau so nahe an mich heran, wie nun - nach dem Kino - auf der Karl-Marx.
Rainer Werner Fassbinder, denken wir (vielleicht fälschlich), wäre das eventuell egal gewesen. Das ganze Brimborium mitsamt der Unsicherheit in unseren Zeiten von Corona. Doch das ist reine Spekulation!

Wenn wir nun, nachdem wir aus Oskar Roehlers Film kamen, so lange vom eigentlichen, filmischen Thema abschweifen, dann liegt das nicht nur am großen Thema der Gegenwart, wie Corona es eben ist. Sondern es liegt schlicht auch an der Wirkung des Films auf uns (die Paganini´s-Redaktion).

Wir sind uneins, wir bleiben insgesamt gespalten! (Das allerdings auf hohem Niveau!)

Auf der einen Seite unsere Empfehlung, sich dies Stück Kino anzusehen, weil es gutes und kluges und originelles Kino ist.

Auf der anderen Seite fühlen wir einen Mangel, der sich nur schwer in Worte fassen lässt.

135 Minuten "Menschnlichter im Tollhaus". Ja, das zumindest gibt es zu 100% zu sehen.
Aber sehen, ist eben noch lange nicht fühlen.

Groß ist: Oliver Masucci und Oliver Masucci und Oliver Masucci. Kein Overacting und keine Eitelkeit.
Dafür eine vollkommene Hingabe an die Person, die er darstellt. "Er ist Rainer Werner Fassbinder". Heißt es dann gewöhnlich in den Lobgesängen der Kritiken. Bei Masucci passen solcherlei Sätze nicht.
Da ist Schauspiel-Magie am Werk. Und da hält man als Kritiker in puncto Plattitüden eben den Mund. (Völlige Einigkeit hier, bei allen Rezensionen).
Groß ist auch der übrige Cast. Der Zuschauer fühlt sich mittendrin, in Fassbinders Film-Familie.
(Ganz nebenbei: Wir haben uns manchmal fast als Voyeure gefühlt)

Groß und typisch Roehler - und deshalb extrem eigen - ist auch die Ästhetik von Bild und Spiel:
Outriert, artifiziell, hysterisch und theateraffin.
Und wirklich nah an der Ästhetik der Fassbinder-Filme dran.

Künstlich und doch ein Biopic! Sensationell!
(Das wäre die eine, denkbare Wertung)

Wir sehen gerade hier aber auch den Mangel. Vielleicht.
Es fehlt eindeutig an Fallhöhe und Entwicklung d. Protagonisten, um die Zuschauer in ein Drama hinein zu ziehen.

"Alles ist ein Film". Dieses Fassbinder-Zitat steht über jeder Szene.
Das vergisst man in keiner, noch so kleinen, Sekunde dieses Films.

ENFANT TERRIBLE berührt auf ästhetischer und intellektueller Ebene.
Aber eben nicht wirklich emotional!





Oskar Roehler im Interview zum Film ---> Hier--->

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