Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Dienstag, 24. Juni 2014

Zusammenleben VII. Teil:


Ein Hoch auf die Lotsen (durch das Gestrüpp neuzeitlicher Kommunikation)!





Vorbei die Zeiten, in denen das Missverständnis zwischen den Menschen, für Verdruss sorgen konnte. Vorbei die Zeiten, in denen Sätze wie "ich liebe Dich!", "das war ein verflucht anstrengender Tag heute!" oder "Ich bin tatsächlich fuchsteufelswild!", vom Absender irgendwie gemeint und beim Adressaten zunächst sinn-neutral angekommen, nichts als Verwirrung stiften konnten. Ein kleiner, gelber Knopf sorgt seit geraumer Weile, emsig, still und pflegeleicht, für Klarheit im kommunikativen Miteinander. Gemeint ist das Smiley, ohne dessen Unterstützung das kryptische Raunen geschriebener Worte, so manch Schweißperle auf gerunzelte Brauen fließen ließ.

"Meint Susanne "ich liebe Dich!" ernst, ironisch, zynisch oder gar boshaft?"

""ich bin fuchsteufelswild!" Offenbart sich da nicht der hintersinnige Humor von Otto?"

Der Adressat, bemüht um Empathie und Charakterkenntnis des Absenders, konnte grübeln, bis die Tränen kamen, ohne dass die Klarheit Einzug hielt, in das -durch Worte getrennte- Zusammen von Mensch und Mensch.


"Das war ein verflucht anstrengender Tag heute",


erklärt dagegen selbstredend Alles!




Als Randnotiz sei noch erwähnt, dass der neuzeitliche Intellektuelle gerne das plump-Konkrete meidet und die Abstraktion bevorzugt: :-), ;-(, :-I !


Wie auch immer: Zusammenleben geht eben leichter, als wie man denkt!


Die Paganini´s warten auf das Buch, das sicher bald geschrieben wird: Kafkaesk Nebulöses, umrahmt von der possierlichen Interpretationshilfe der kleinen Lotsen!
Miau!






Dienstag, 10. Juni 2014

Kapitel No. 5


Gustav Klimt: Schubert at the Piano



V


Aber Lars Dietrich kommt nicht nach Hause. Nicht an diesem Abend, einige Wochen nach jenem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Also heute Abend. Lars Dietrich kommt erst mit der Tiefe der Nacht nach Hause. Nach Hause zu seiner Frau. Oder besser: In das Bett hinein. Zu seiner Frau. In das Bett von Luise, der erschöpft Schlafenden. Genau genommen, kommt Lars Dietrich erst am Morgen des folgenden Tages. Nach diesem Abend, an dem Luise das Gedicht TickTack-TakTik geschrieben hat, in dieses Bett  hinein. Ein gemeinsames Bett, das von Luise gesponsert wird. Es ist, noch genauer genommen, exakt 3.25 Uhr, als Lars Dietrich den Schlüssel zu der gemeinsamen Wohnung im Schloss umdreht. Der gemeinsamen Wohnung, die von Luise wohlgemerkt, alleinig bezahlt wird. Seine Frau ist eingeschlafen, weil sie müde gewesen ist. Und seine Frau ist beruhigt eingeschlafen, weil sie Beweise gefunden hat. Heute, das bereits in ein Morgen, nach diesem Heute, übergegangen ist. Und weil Luise weiß: Irgendwann kommt er immer. Der Lars Dietrich. Auch wenn es spät geworden ist, mit Lars und Lars. So wie Heute. So wie Morgen. Lars und Lars Dietrich haben gearbeitet. Zunächst am Arrangement von „Küsse auf der Haut“. Vier absteigende Töne und vier aufsteigende Töne. Klavier und Bass. Dazu der schwebende Text. Wunderbar. Danach an einem ganz wichtigen Baustein des Managements. Einem ganz notwendigen Segment, des Kulturmanagements von Lars und Lars, gewissermaßen. Sie haben gemeinsam an ihrer Außen-Wirkung gearbeitet. Und da ist der wichtigste Baustein die Kommunikation mit den Fans. Ohne Kommunikation kein Fan. So hat Lars einmal zwinkernd zu Luise gesagt. Als diese den roten Schopf zu schütteln begann. Ihr seid peinlich! Hat sie damit vermitteln wollen. Und sie hat gedacht, wieder einmal, dass Lars kein Umgang für Lars Dietrich ist. Keine Klasse, der Mann. So denkt sie. In diesem Moment. Kurz vor dem Einschlafen. In diesem Moment, in dem Lars und Lars das Arrangement zur Seite legen. Fertig! In diesem Moment, in dem sie sich in die weiten Welten des Internet begeben. Lang wird er werden, der Abend. Erst die Tiefe der Nacht, wird Lars Dietrich an die notwendige Rückkehr ins Reale denken machen. Bis dahin lebt das virtuelle Leben! Lars und Lars haben ein Blog als Lars und Lars. Sie haben auch eine gemeinsame Homepage „LL“ und eine Fan-Seite in einem Social Media-Forum. Als Lars und Lars. Dann hat Lars noch eine Homepage als Solo-Künstler und ebenso hat Lars Dietrich eine Homepage als Solo-Künstler. Jede Homepage hat natürlich auch ein Gästebuch. Lars und Lars kommentieren jeden neuen Eintrag höchstpersönlich. Mit ganz viel Liebe! Das kann der Fan erwarten. Das kann er erwarten, dass er hofiert und kommentiert wird. Der Fan. Oder besser DIE Fan. Lars findet soziale Netzwerke im Internet absolut interessant. Hier aquiriert es sich angenehm. Hier findet er sein Publikum. Und so gibt es im WWW auch kaum einen Treff, eine Börse oder ein Cafe, in dem Lars nicht unter seinem richtigen Namen oder einem weiteren Künstler-Pseudonym mitspielt. Hier spiele ich die erste Geige! Sagt er zu seinem Freund. Zu Lars Dietrich. An diesem Abend. Also Jetzt. Und zeigt ihm eine Auswahl von Profilen weiblicher Mit-Spiel-Willigen. Cafe-Leben.de, Paarlauf.de und neuerdings auch Geil.de. Da hat Lars zunächst gedacht, das sei dann doch zu unseriös. Aber nein, aber nein! Die Frauen sind da süß und sentimental, wie überall und nirgendwo. Frau ist Frau! Lars weiß, was Frauen hören wollen. Egal wie ausgekocht sie tun. Sie sind einsam. Sie sind ausgehungert. Sie sehen keine großen Chancen mehr für sich. Ihr Herz versucht es im Internet. Und siehe da! Dann kommt Lars. Er fädelt ein. Er fädelt auf. Und spielt die Geige, bis die Tränen laufen. Er berührt Herzen. Ein Dutzend bestimmt. Ein Dutzend Frauen-Herzen, ist eine gefühlte Million Frauen-Herzen. Und so bekommen seine Songs zunehmend weibliche Vornamen als Titel angepasst. Ein Titel ist ein Fan und ist ein zahlender Publikums-Kopf. Wenn wieder ein Konzert ansteht. Nicht full house vielleicht. Aber gut besucht zumindest. Oder zumindest besser besucht, als es ein Konzert, ohne  vernetzte Werbemaßnahmen, wäre. Luise hat sich bereits über die weiblichen Vornamen gewundert, die häufig, ohne inhaltlichen Bezug, über dem Song-Text schweben. Früher ist Lars berühmt-berüchtigt gewesen für Titel wie „Mondlastendes Kalkül“ oder „Erdender Stern“ sowie „Schnuppenglühen“. Doch die Zeit ist reif. Reif für „Stefanie“, „Monika“ und „Susanne“. Reif für weniger Gewagtes, dafür individuell Berührendes. Die Zeit ist reif für Lars. Sagt Lars kauzig zu Luise. Wenn die ihre Flunsch zieht. Die Zeit ist reif! In diesem Moment! Also Jetzt! Oder Nie! Raunt dann ihre Stimme in sein Ohr. Und ein schändliches Kichern lässt sein Blut zu Eis gefrieren. Luise ist Lars ein Dorn im Auge. Und ein Stachel im Fleisch ist Luise auch. Wie Lars Dietrich sich das gefallen lassen kann, das alles, von dieser Frau, das versteht Lars nicht. Wieso angelt Luise sich keinen Lehrer mit Beamtengage? Fragt Lars genervt in den Raum hinein, in dem auch Lars Dietrich sich befindet. Und Lars Dietrich bleibt stumm. Mit Entsetzen im Blick. Verstört. Aufgeschreckt. Ja, was wohl, wenn Luise sich einen Lehrer mit Beamten-Gage angelt? Was, wenn sie die Großkunst nicht länger zu mäzenieren wünscht. Was dann, Lars Dietrich? Und so flüchtet auch Lars Dietrich, hinter Lars, in die gnädigen Wogen aus vielstimmigen Sympathiebekundungen, die Lars und Lars aus dem WWW entgegen schwellen. Schön ist es, berühmt zu sein. Schön ist es, geliebt zu werden. Heute Abend. Heute Nacht. Von einer Vielzahl kunstbeflissener Damen. Die angezogen sind, von den Gratis-Downloads, wie die Motten vom Licht. Als wäre das Sirenensang. Was sie da hören dürfen. In Bass und Bariton. Schön ist es, auf der Welt zu sein. Schön ist es, Künstler zu sein. Schön ist es Lars und Lars zu sein. Und dann, irgendwann, findet ein erster, morgendlicher Sonnengruß Lars Dietrichs Gewissen. Oh, Luise! Sie soll nicht erwachen ohne ihn, ihren Mann. Und während Lars Dietrich um 3.25 Uhr den Schlüssel im Schloss der ehelichen Wohnung umdreht, schwört Lars einer vierzigjährigen Sabine, den kommenden, um Geburt bettelnden Song, nur für sie zu schreiben. Titel: Sabine! Und Luise murmelt zur selben Zeit im Traum: Es zahlt sich aus. Es gibt Beweise! Und Lars Dietrich legt sich neben seine Frau.
 Alles gut. 
Sie hat ihn nicht vermisst. 
Und die Uhr macht Ticktack. 
Ganz ohne Taktik!








Montag, 9. Juni 2014

Kapitel No. 4

II. Episode in zwei Szenen!

Tamara de Lempicka by Confetta


IV


Verzeihen Sie, ich bin Carina!
Süßer kann eine, vom Weinen heisere, Stimme nicht klingen. Das muss ein weiblicher Engel sein. Ein zartes Geschöpf. Scheu und fragil. Einer Gazelle gleich. Nicht verscheuchen! Denkt Luise. Diese Dame muss erst einmal behutsam aufgefangen werden!
 Was kann ich denn für Sie tun?
Wieder ein zartes Schnäuzen.
 Wie sind Sie denn auf mich aufmerksam geworden?
Durch Jeanne. Haucht eine gebrochene Seele. Jeanne hat gesagt, Sie können mir vielleicht helfen.
Ein Seufzen wird von Luise nicht unterbrochen.
Könnten wir Du zueinander sagen? Ja? Könnten wir? Das wäre dann einfacher für mich. Jeanne hat gesagt, sie darf Sie beim Vornamen nennen!
Wieder scheint eine süße Nase zu laufen. Da Luise diese Nase nun mit Jeanne in eine - wie auch immer geartete - Beziehung gebracht sieht, vermutet sie, dass diese Nase, zu einem ganz feinen Näschen, gerichtet worden ist.
Irgendwann, vor sicher nicht allzu langer Zeit.
Natürlich können wir Du zueinander sagen. Ich bin Luise. Und Du bist also Carina. Welch hübscher Name. Nomen est Omen. Da bin ich mir sicher.
Luise hüllt ihre  Stimme in warme Farben, ein gütiger Timbre, voll und rund, liebevoll, verständnisvoll, schonungsvoll und, und, und. Luise ist stolz auf diese Gabe, ihrer Sprechstimme diverse Tonarten hinzuzufügen.
Carina taut auf. Ihr Stimmchen gewinnt an Festigkeit. Das Näschen verstummt. Und sie erzählt von Hermann. Ein Autist an ihrer Seite. Sie berichtet von einem stupiden Leben mit diesem grausamen Menschen. Er will es einfach nicht schaffen, ihre Liebe und ihre Leidenschaft zu wecken. Und sie erzählt von Charlie, dem Mann vor Hermann. Sie hat ihn verlassen, weil Hermann ihr solider erschien. Hermann ist sehr reich. Auch Charlie ist reich. Nur wenige Milliönchen auf dem Konto trennen ihn von Hermann. Hermann ist Unternehmer. Familienunternehmen in fünfter Generation. Feinkost. Weltweit. Internat. Gute Erziehung. Stil. Null soziale Kompetenz. Null Komma Null Verführer-Typ. Charlie dagegen, weiß die Frauen zu nehmen. Nachtclubbesitzer. Noble Schuppen. München. Schickeria. Ein glamouröses Leben ist das für Carina gewesen.
It is Monday and I love you!
Hat Charlie eines Montag Morgens zu ihr gesagt. Und schwups, hat der 5-Karäter am schmalen Finger geglitzert. Charlie kennt Jeden, der Rang und Namen hat. Filmstars, Politiker, Sternchen, Banker. Und er kennt Jeanne. Hermann interessiert sich für Nichts und Niemanden und will seine Ruhe. Die Geschäfte beherrscht er, dazugehörige Bankette lässt er über sich ergehen. Um zehn will er ins Bett. Kurz Sex. Dann Schnarchen. Morgens Dusche. Kaffee und Croissant. Und weg ins Unternehmen. Carina verkümmert. Carina leidet. Und zu Charlie kann sie nicht zurück. Charlie hat eine Neue. Und die ist zwanzig. Bildschön. Russin. Und ohne einen Partner an der Seite hat Carina noch nie gelebt. Und somit ist alles ganz ent-setz-lich!
Wieder unterbricht ein Schniefen und Schnäuzen, die Rede aus weiblich-schmollendem Mund. Luise ist nicht erschüttert. Mit munterer Anteilnahme und Optimismus in Sopran, bittet sie um die Geburtsdaten der Protagonisten, dieser soeben gehörten Geschichte.
Alles hat seine Zeit. Jetzt oder Nie. Schwarz oder Weiß. Alles ist Illusion. Alles kommt uns nur so vor. Wie es uns vorkommt und erscheint. Alles ist richtig. Jetzt. In diesem Moment. Denn alles ist Veränderung. Alles fließt. Nichts währt ewig. Auch nicht das Leiden. Auch nicht die Langeweile. Nicht einmal das Nichts.
Und so kann Luise Carina beruhigen. Saturn-Zeit ist Blei-Zeit. Neptun, der Zauberer, schaut schon bald um die Ecke und löst das Grau, durch schillernde Farben, neu keimender Gefühle, ab.
Carina, bald schon, sehr bald, geht’s wieder los mit dem Leben. Mit der Liebe. Mit der soeben verdorrt erscheinenden Emotion.
Ich werde Dich jetzt sicher häufiger benötigen. Danke. Danke so sehr!
Carinas Stimme verstummt. Der Hörer des Telefons legt sich zufrieden zur Ruhe. Luise ist in tiefe Gedanken versunken. Jeanne hat sie empfohlen. Ein weiterer Beweis. Es zahlt sich nun aus. Carina wird rasch wieder zur Beratung rufen.  Mit Klingelton und Ungeduld. Neptun löst Saturn ab. Das lässt Verwirrung ahnen. Da braucht solch ein Geschöpf Rat und Tat und Beistand. Luise ist zufrieden. Carina ist süß. Ein verwöhntes Wesen. Fürwahr. Aber angenehm. Oberflächlich. Sicher. Aber zahlungskräftig. Alles ist gut. Alles ist richtig. Jetzt. In diesem Moment. Denn Zufälle gibt es nicht.
Und dann, also Heute Abend, schreibt Luise ihr Gedicht.
TickTack-TakTik.
Und wartet auf ihren Mann. Auf Lars Dietrich.