Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

Redaktion: www.paganinisberlin.de

Wegen anderer Projekte kann das Blog zur Zeit leider nur unregelmäßig "bespielt" werden!

Montag, 20. Februar 2017

Das Wunderbare an der Berlinale...

...könnte doch wunderbarer gewesen sein...?!?


Ach, Herrjeh, Gejaule, Genörgel, Gejammer allenthalben:

  • Schafft sich die Berlinale selber ab?
  • Der Februar ist wirklich grauenvoll, klirrend kalt, diesmal in 2017!
  • Der Dieter könnte auch langsam Platz schaffen?!
  • War jetzt der Kaurismäki so sauer, dass er den goldenen Bären nicht kriegt, dass er sich den silbernen Bären nicht mehr abholen wollte?
  • Wieso laufen Filme wie "Tiger-Girl" nur so nebenbei und nicht im Wettbewerb?
  • Was war los mit den deutschen Beiträgen. Schlöndorff mit AltMännerGedanken vertreten, Arslan ziemlich dröge...Uijuijui!
  • Frauen gibt es viel zu wenig als Macherinnen auf dem Festival!
  • Kurzum: Alles ziemlich lau bis lausig!

...Bis auf den goldenen BärenFilm "Body and Soul", der wurde schon im Vorfeld von KinoKing Knut Elstermann zum Favoriten erklärt und bis auf Kaurismäki, der seinen angeblich letzten Film im Gepäck gehabt hat und der von der Paganinis-Redaktion mit der goldenen E-Cigarette geehrt wird, da dampfend auf der Presse-Konferenz.

Eigentlich gibt und gab es nichts zu Maulen, doch alle sind mies gelaunt seit dem gruseligem 2016 und auch wir kamen diesmal zum ersten Mal nicht in Berlinale-Stimmung.

Wir haben also nichts berichten können und können auch nun nichts davon berichten.
Das macht uns traurig und das macht uns nicht traurig:


Es gibt einfach manchmal dies gewisse Etwas in der Luft, das überall und nirgends Missstimmung in sich trägt.


Freuen wir uns einfach auf die Berlinale 2018!



Wegen diverser, anderer Projekte gehen wir mal wieder (bis ca. Ende März)
in die Paganini´s-Pause!

Freitag, 17. Februar 2017

Das wunderbare Totem und das wunderbare Tabu

Ersan Mondtag macht´s vor und der Berlinale-Präsident auch:


"Sex und Gewalt sind zentrale Motive der menschlichen Spezies." (Paul Verhoeven)

"Ersan nimmt den ganzen Theben-Clan mit dessen berühmtesten Protagonisten Ödipus unter die Lupe. Heraus kommt ein Panoptikum einer äußerst komplexen Familiensaga geprägt von Pädophilie, Inzest, Mord, Kindesverschleppung, Vertreibung und Selbsttötung. Am Schluss: alle tot. Daraus ließe sich eine ganze Serie Games of Thrones machen." (Maxim Gorki Theater- Newsletter)


Foto@Paganinis, Cover Programm@Gorki

Der Mensch wird gezeugt, lebt und stirbt. Er wächst in einer Frau, seiner Mutter, heran. 

Diese wurde geschwängert von einem Mann, der vielleicht Vater, Bruder oder Sohn gewesen ist.
Man weiß es nicht immer, wenn keine Sphinx.
Manchmal ist es auch ein Gewalttäter, der an den Vater erinnert, der sich zudringlich zeigt.

Ein bisschen Blutschuld ist immer da! ("Elle", Verhoeven)

Dunkle Themen. Menschheitsthemen.

Ach, wie schön ist es, Mensch zu sein. Und, ach, wie ist es schön, einer Familie zu entstammen. 

Kunst und Psychoanalyse wären sonst nicht möglich.
Nix mit Katharsis, nix mit Schicksal und nix mit Heilung!


Und wie die kleine Zelle, so die dazugehörige Zellenansammlung, das System im Großen.
Und das noch potenziert in unserer globalen Welt.

"Mir und vielen anderen geht es so, dass wir das politische Geschehen mit Kriegen, Brexit und Trump nur noch wahrnehmen und kommentieren. Das Gefühl, etwas verändern zu können, ist nicht mehr da. Das Drama ist vorprogrammiert." (Ersan Mondtag)

Paganini, der Kater, in der Redaktions-Konferenz:

Kinder, da müssen wir hin. Theater-Shooting-Star 2016. Ersan Mondtag. 
Traumverloren, dieser Name.
Wir sind in 2017. Das wird knapp, das wird Zeit. 
Die Berlinale läuft uns nicht davon!

Und so hatten wir Zeit. Und gingen hin.
Zur Premiere von "Antigone und Ödipus".
Zur Premiere im Maxim Gorki Theater.

"Mut, Zuversicht und Humor" im Kopf,  leiten uns.
Antike Tragödie führt schließlich zur Befreiung.

Doch damit wird es wohl nichts. Zumindest nicht Hier und Heute im Spielfiguren-Kosmos
von Ersan Mondtag.
So dämmert uns nach 5 Minuten. Nach 10 Minuten wollen wir gehen.

Wir haben Sehnsucht nach Michael Thalheimer. Oder zumindest nach Pasolini.
Wir fühlen uns nicht berührt durch diese schreienden, travestie-schrillen Wechselbälger auf dieser schiefergrauen Bühne mit violett kostümierten "Performern".

Wir wollen keine Performer. Wir wollen Schauspieler. Wir wollen Menschen.
Ur-Bilder von Menschen:
Wir wollen Ödipus und Antigone.

Doch wir gehen nicht. Zuerst hält uns, ja, der von Paganini, dem Kater, vielzitierte und stets ersehnte, nicht wirklich erklärbare "Bumms".
Der liegt in einem archaischen Schrei, dem roten Faden der Inszenierung, ein Schrei, der komisch ist, da er dem Wahnsinn gleicht  (dem fast peinlich berührendem), der nach der Traumatisierung Einzug hält.
"In Mind", oder so.

Es gibt nichts zum Mitfühlen, da nichts an Irgendwen zu erinnern scheint, den wir kennen.
Individualisierung findet nicht statt. Die Schauspieler spielen mehrere Rollen. Die Rollen, die sie spielen, sind Platzhalter wie im Märchen: Der Alte, der König, die Königin etca.

Und Antigone? Sie ist nur Idee. Mal die Idee von Terrorismus. Mal die Idee von Erlösung.
Antigone ist immer Utopie!

Wir sehen also: Mondtag-Kosmos-Mutanten mit zitternden Trippelschritten im Queen-Eliesabeth-Outfit. Allesamt Unisex. Allesamt also Trans-IrgendwieundIrgendwas,
Stereotypen ohne Bekanntheitswert und nicht tradiert in unserem Theater-Erfahrungs-Pool.

Ein junger Typ erlaubt sich sein eigenes Spielfeld herauszufiltern, aus Sophokles, Durs Grünbein, Hölderlin und Soeren Voima. 

"Ungeheuer ist  vieles. nichts ungeheurer als der Mensch".
Das singt hier irgendwann Ödipus in Zarah Leander-Manier.

Ach, es wäre so leicht, diese Inszenierung zu verweigern!

Wir bleiben bis zum Schluss.
Denn nach 10 Minuten können wir nicht mehr gehen.

Da sind es bereits die Bilder, die uns halten:
Der choreografierte Tattergang dieser zitternden Kreaturen, die sich
gerade noch aufrecht halten können.
Ohne sich gegenseitig zu stützen. Es sei denn, in entfremdeten Ritualen der Erinnerung.
Erinnerung an das, was Tragödie ist. An das, was Menschsein ist.
An das, was verantwortliches Handeln ist.

Hier wird Alles zum Comic und zur puren Oberfläche.
Dahinter ist das Chaos der Verzweiflung spürbar, jenseits jeder Möglichkeit von Therapierbarkeit.

Und ist der Mensch auch unentrinnbar an der Götter Schicksal unterworfen, so kann er doch Stellung beziehen.
Ödipus tut das bei Sophokles. Antigone auch.

Ersan Mondtag glaubt nicht mehr daran. Er kann dies Glück seinen Figuren nicht schenken.
Es gibt keine Götter. Das Unentrinnbare gibt es schon.

Das hat durchaus eine Ästhetik, eine Komik, eine Schönheit, eine Musik und einen Rhythmus.
Vorrangig aber ist es so furchtbar, dass es nicht (mehr) gefühlt sein darf.

Ein gelungenes Surrogat aus Ödipus/Antigone als Science Fiction in 2017.

Paganini, der Kater, ist hingerissen.




Wir waren zur Premiere HIER--->


Und dennoch: Ab Morgen ist Kino angesagt. "Elle" ruft.
Endlich wieder lebende Menschen und eine Geschichte!

Montag, 6. Februar 2017

Gestern das Recht auf Glück...,

...heute zumindest Zuversicht...


Die Berlinale 2017 startet mit neuem Motto und erstmalig mit einer Hymne:


Wolf Biermann, Ermutigungslied



Geschrieben einst für Peter Huchel, erlebt der Song nun ein Comeback im Vorfeld der diesjährigen Berlinale. Dieter Kosslick, Herrscher des Festivals, ist wie immer der rechte Mann zur rechten Stunde am rechten Platz.

Er gibt es aus, das Motto, das in diesem Jahr über allen Sektionen schwebt:

Mut, Zuversicht und Humor ist die Berlinale-Antwort auf diese Fragen, dieser Tage, dieser Zeit!

Und deshalb beginnt die erste Pressekonferenz des diesjährigen Kino-Festivals mit einem Zitat, das Dieter Kosslick leicht gekürzt aufs Wesentliche herunterschraubt:

 Du, laß dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich....Du, laß dich nicht verbrauchen, gebrauche deine Zeit. Du kannst nicht untertauchen, du brauchst uns und wir brauchen - grad deine Heiterkeit....!






Wir werden mit Zuversicht in Geist und Seele die Berlinale im Auge behalten...


Berlinale ist übrigens eine Sucht. Es gibt für uns kein "vergleichbares Surren" in der Luft:
Keinen Anfang und Kein Ende, nur Bilder, Menschen, Schicksale und immer wieder - NUR - Film!