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Samstag, 13. Februar 2021

Die wunderbaren "Metamorphosen"...

 ...in diesen, unseren Zeiten


Von der Paganini´s-Redaktion u. a. beobachtet bei der Planung zur Berlinale 2021 und in der Stream-Premiere der Volksbühne Berlin in der Inszenierung von Claudia Bauer

„Die Erschaffung des Menschen“ aus einem Druck der 
Metamorphosen von 1676 mit Illustrationen von François Chauveau


Metamorphosen überall. Wandlung allenthalben. Veränderung, wohin man schaut und hört. Wir leben, so möchte man meinen, im Zeitalter von Covid 19. Gesichter werden von Masken dominiert. Bussi Bussi ist perdu. Distanz seltsam in und up to date. My home ist  mein only castle. Das Leben in "Gefangenschaft" auf einmal ein herausragendes Zeugnis von Loyalität und sozialer Kompetenz. (Nein, wir wollen jetzt NICHT aufmüpfig oder polemisch werden!) Die Hippie-Frisur nennt sich Corona-Locke. Und die Kultur?

Nun, die Kultur breitet sich aus wie ein Schling-Gewächs, hinein ins WWW, ins Dickicht der Digital-Social-Polis-Plattformen. Und der Bär, dies uralte Maskottchen des (einstigen) Publikums-Kino-Festivals unserer Stadt, auch er hat sich erneuert und verwandelt und sieht nun aus wie etwas, das alles sein könnte was Ohren hat, nur nachts erwacht und auch da nicht erkannt werden will. Aber es trägt immerhin eine weiße Brille. Aber keine Maske. 

Metamorphosen überall. Wandlung allenthalben. So war es immer. So wird es ewig sein. Alles bleibt, nichts geht verloren. Es existiert weiter in verwandelter Gestalt. Denn Metamorphose ist ein Synonym für Leben. Dass die Veränderung sehr häufig nur die Form und nicht das inhaltliche Ur-Prinzip betrifft, zeigte sich dieser Tage in Sachen Berlinale. Und das ist gut so. 

Das sympathische Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian beugt sich natürlich den Bedingungen der Pandemie: Simsalabim. Aus 1 mach 2. So lautete hier die Devise zur erzwungenen Metamorphose. Im März also schauen sich Akkreditierte und Jury-Mitglieder die ausgesuchten Filme in einem (NEID, erstarre!) Kino an. Und im Juni darf dann das Publikum - so lautet der Plan - die Filme ebenfalls in ausgesuchten Kinos sehen. Die Gewinner der Bären sind dann allesamt bereits gewählt und bekannt. 
Darin lässt sich allerdings fast ein Eingriff in das ideelle Ur-Prinzip des Festivals ausmachen. Denn der Wettbewerbs-Charakter mit seinem besonderen Prickel und (Mit-)Fieber entfällt damit in der Totale. Wenig Veränderungs-Schock findet sich glücklicherweise bei der Auswahl der Filme. In der Sektion  Wettbewerb befinden sich 4 deutsche Produktionen (von Schrader, Brühl, Speth und Graf). Keine Amerikaner. Dafür "alte Bekannte" wie z.B. der gloriose Hong Sansoo

In Sachen Berlinale also eine moderate Mischung aus situationsbedingter Anpassung der "Gestalt" und vielen altbekannten Namen sowie bleibenden, inhaltlichen Prinzipien, wie es der politische Film, Dokus und auch Serien sind. Zu vermuten ist heute schon, dass das Seufzen über "fehlenden Glamour und Stars" in diesem Jahr ganz gewaltig sein wird, was dann aber eher einer Fortführung der Berlinale-Tradition entspricht, als einem Novum.
Zu bedauern wird weit eher sein: ein zu vermutendes Fehlen an Bezauberung und Atmosphäre!
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Eben dieses "Fehlende" begleitet bis heute verstehbarerweise die Angebote der Theater in diesen Zeiten der geschlossenen Häuser. Ist Theater noch Theater, wenn es nur aus dem Haus gestreamt wird, statt wie gewohnt, zu sich nach Hause einzuladen und der Abend gemeinsam mit dem Publikum unter ein und demselben Dach begangen wird? Fehlt da nicht diese viel beschworene Einheit von Raum und Zeit und überhaupt der echte Theater-Schweiß? 

Nun, die Theater haben eindeutig dazu gelernt. Hartmanns "Zauberberg" ist nun zum Theater-Treffen eingeladen worden, als genau dieser Hybrid aus Film und Schauspiel und hat uns (siehe Blog-Post) extrem begeistert. Daneben gab es einige großartige, eigens für das Streamen entwickelte Produktionen, so dass wir (die Paganini´s) wirklich aufrichtig hoffen, dass sich diese Metamorphose der "Theater-Vermittlung" auch später weiterhin und parallel zum live erlebten Bühnen-Treiben entwickeln darf. 

Und dennoch, ach je, wie tief sitzt die Sehnsucht nach dem Theater-Erlebnis mit und unter anderen Menschen, wie oft wirkte stur abgefilmtes Streamen lahm und muffig, wie ein siechender Körper nur, kraftlos und blutleer. Letzteres kann man der aktuellen Stream-Performance von der Volksbühne Berlin zumindest nicht vorwerfen. Die Regisseurin Claudia Bauer hat sich - gemäß dem neu ausgegebenen Motto der neuen Volksbühnen-Spielzeit "POLIS/RESET" -  mit Ovids mythologischem Sampler "Metamorphosen" befasst, um den ewigen Ur-Prinzipien der menschlichen Spezies, von den Anfängen bis ins Hier und Heute, nachzuspüren. 

In diesem Theater-Stream findet sich ohne Zweifel ein reif ausgeklügeltes Verhältnis von lebendiger, vielseitiger und stimmiger Kamera-Arbeit und theatralem Wiedererkennungs-Effekt. Das Bühnenbild zitiert mit den hohen, hölzernen Türen das Foyer der Volksbühne, Körper- und Musik-Theater erinnern an Arbeiten von Marthaler und Fritsch. Das Ganze dann interpretiert und übersetzt durch Bauers vitale Handschrift. Die Schauspieler (auf der als solche klar erkennbaren Volksbühnen-Bühne) tragen hautfarbene Gesichtsmasken. Das Interieur mit Schreibmaschine, Klavier oder Sesselchen, erinnert die spießigen Fünfziger. Fantasievolle (meist Kopfschmuck) Accessoires befeuern die Wandlung der "mythologischen" Gestalten.  

Die Stimmen gibt jeweils ein Spieler hinzu, ausschließlich (oft verfremdet) gezeigt auf einer (über den Köpfen der auf der Bühne Agierenden hängenden) Leinwand.
Nicht-Sprechen auf der Bühne passt zum aktuellen Hygiene-Konzept und erhöht den Eindruck des Surrealen, des Grotesken. Komplettiert wird das Ganze durch Musiker und einen Counter-Tenor, der herzzerreißende Barock-Lieder singt. 
Tatsächlich viel Ovid-Text ist zu hören. Dazu Texte aus (von Bauer "Kompliz*innen (Ovids) genannt)
diverser Gegenwarts-Literatur (z.B. Dietmar Dath, Donna J. Haraway, Bruno Latour, James Lovelock, Stefano Mancuso etca.). So schön, so gut!

Dieses Irgendwas aus Farce, Groteske und Revue ändert die Form und die Farben der Bilder so rasch, dass alles in Gefahr gerät, ins Beliebige abzugleiten. Gelungener Schauer versandet im Haha! des sogleich gesetzten, nächsten Sketch. Zu oft danken wir, die Paganini´s-Redaktion, dass es im Home-Theater möglich ist, an der E-Cigarette zu nuckeln oder einen Cracker zu naschen. 
Was uns in jedem Fall ein Mangel scheint, an diesem überbordenden "Theater", das ist das Fehlen der Leerstelle. Da gibt es zu keinem Bild und in keiner Sekunde Raum für eigene Assoziationen. Damit ist letztlich alles an Geheimnis mit dem Holzhammer der überdeutlichen "Message" erschlagen:
"Willkommen zum großen utopischen Schlussbild, gebaut auf den großen Trümmern, des großen Zauderns".
Jaja! Achso! Aha!

P.S.: Übrigens, soeben haben wir erfahren, dass das Bühnenbild (die Türen des Foyers) ein aus dem Archiv gekramtes "Zitat" einer früheren Pollesch-Inszenierung an der Volksbühne ist. Interpretiert wird das zur Zeit als Hinweis auf Sparzwänge im Jetzt. Wir interpretieren es als "Metamorphose" im Sinne "aus alt mach neu". Aber eigentlich ist das dem Kater samt Paganini´s-Crew ziemlich egal.




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