Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"
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Donnerstag, 15. März 2012

Dieter Wellershoff: Das Rauschen!

(Oder: Der Liebeswunsch)


"Das Geräusch der Brandung:
unvorstellbar viele Stimmen
reden darin, doch
keine kommt zu Wort.
Jede erzählt ihre eigene Geschichte.
Alle zusammen
sind sie das Rauschen
des immergleichen Traums"

(Dieter Wellershoff, in: Der Liebeswunsch)



Dieter Wellershoff ist im Oktober 2011 mit seinem Buch "Der Liebeswunsch" in Berlin. Im Literaturhaus in der Fasanenstraße rezitiert er das darin enthaltene Gedicht. Nein, er rezitiert es nicht, er spricht es. 
Dieser Herr, 1925 in Neuss geboren, ist für Paganini´s ein wahrer Beweis für die Existenz der Erotik des Geistes.
Er sieht noch immer schön aus und er spricht in einer Lebendigkeit über sein Buch, als habe er es gestern geschrieben und sei gedanklich noch immer mit dem Weiterschreiben beschäftigt.
Über die vier Hauptfiguren berichtet er, als seien es intime Freunde, mit denen er in gutem Kontakt steht. Dabei ist die Handlung, um eine flüchtige Begegnung mit Anja, "das ist die Einzige, die habe ich wirklich gekannt", erdacht worden.

Wellershoff schildert, wie er "Anja" auf einer Party begegnet ist. Ein einziges Mal!
Sie war da bereits vollkommen betrunken, stolperte über einen Teppich und fiel mit dem Gesicht auf die Erde. Sie blutete und wurde von ihrem Liebhaber nach Hause gefahren.
Kurz darauf erfuhr Dieter Wellershoff von ihrem Selbstmord.

Er ist aus Recherche-Gründen zu der Hochhaussiedlung gefahren, in der sie wohnte und hat zu dem Balkon im 14. Stock hinauf gesehen und sich überlegt, wie ein Mensch den Widerstand besiegen kann, der sich in ihm regen muss, wenn er beschließt, sich von dieser Höhe in die Tiefe hinunterfallen zu lassen.
Dann hat er zu den wenigen biografischen Fakten, die an ihn weitergegeben wurden, die Psychologie dieser Protagonistin in sich selbst zusammengesucht.

Er fragte sich: "Wie ist ihr Verhältnis zu ihrem Vater gewesen?" Und hat einen abwesenden Vater erfunden. Und so hat der Autor weitergefragt und weitergefragt, um diesen obsessiven "Liebeswunsch", der sie treibt, zu begreifen und um zu verstehen, dass dieser Wunsch ihres nicht gelebten Lebens, den auserkorenen "Paul" vollständig überfordern muss. Und diesen "überforderten Paul" hat er sich folglich dazu kreieren müssen, um alles nachvollziehbar werden zu lassen. Aus diesem Gedankenpuzzle ist dann das Buch entstanden.

Zwei Paare kommen darin vor, die ihre Verletzungen und Kränkungen in einem schwierigen Freundschaftsbund scheinbar vergessen machen können. "Aber die Freundschaftsrituale scheitern. Der Liebeswunsch der jungen Frau, die ihrem als falsch empfundenen Leben entkommen möchte, sprengt alles auseinander und sie zahlt dafür den äußersten Preis. Wellershoff erzählt die subtile Dramatik des Geschehens aus den wechselnden Perspektiven seiner Figuren (...) Jeder versucht die anderen zu durchschauen und zu beeinflussen, während sich etwas vollzieht, das ihnen allen aus der Hand gleitet."
(Klappentext, Kiepenheuer&Witsch)

Im Fallen hört Anja "das laute Rauschen der vorbeiströmenden Luft". Wellershoff ist ein liebender Vorleser. "Das Rauschen ist die gleichförmige Monotonie des Ununterscheidbaren."

Mit diesem Satz wird Paganini´s hinaus aus dem Saal, hinein in das Dunkel des Abends entlassen. Wir hören das Rauschen der Automobile auf dem dicht befahrenen Ku-Damm.
An diesem Abend klingt es anders!



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