Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"

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Sonntag, 3. März 2019

das wunderbare erbauungsstück:

der tempelherr von Ferdinand Schmalz

(Die Chefredakteurin berichtet von der Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin)


PlakatDT@Paganini´s

Was sind das für Theaterstücke, was für Inszenierungen, die mich nicht sofort wissen lassen, was ich von Ihnen halte?
Da gibt es doch sonst diese Sachen (und ich nenne das jetzt einfach mal so, bezogen auf Theater-Erfahrungen), die mich mit sich reißen, ob ich will oder nicht und diese Sachen, die mir nichts zu sagen haben, aber dennoch faszinieren und diese Sachen, die mich abstoßen und dennoch auch anziehen und dann, natürlich, diese Geschichten, die mich langweilen und/oder die ich einfach schlecht gemacht finde. Da weiß ich doch, am Ende des Abends, was ich fühle, nachdem ich das gesehen habe, das weiß ich doch meist schon, wenn ich in meinem Theatersitz versinke und mich auf die Bühne konzentriere. Das weiß ich in der Regel (subjektiv für mich selbst) sofort, dieses: Daumen hoch, Daumen runter.
Dieses "Gefällt" oder "Gefällt halt mal nicht".

Hier und Heute weiß ich erst einmal gar nichts. Und später auch nicht.

Nach ungefähr 15 Minuten sehe ich mich an den Gedanken ausgeliefert (das kann passieren, auch im tollsten Stück Theater), dass ich fürchte, unlustig zu werden und mich für den Rest der Aufführung zu mopsen. Dann kommt just in diesem Moment Spannung im Theater-Geschehen dazu.
Der Ferdinand Schmalz hat an diesem Abend einige Spannungs-Steigerungen eingebaut - sprachlich und inhaltlich - und ich langweile mich nicht mehr. Es genügt nur nicht.
Oder besser: Der Abend überzeugt mich nicht.

Mir fehlt absolut jede Einsicht, worin ich dem Ensemble oder der Regie von Philipp Arnold einen Vorwurf machen könnte. Ich denke nur leider während der Vorstellung immer mal wieder, dass ich diesen Text vom Ferdinand Schmalz viel lieber als ein Stück Prosa in einem dünnen, bibliophilen Bändchen lesen würde als zuzusehen, wie dieser Text letztlich krampfhaft versucht, für das Theater gemacht zu sein.

Um es noch profaner auszudrücken: Mir fehlt Heinar, der titelgebende Tempelherr, dieser Außerirdische, dieser Außenseiter oder auch Ausnahmemensch (vielleicht schlicht: dieser Künstler), von dem der ganze Abend durch einen Chorus aus Ehefrau, Schwiegervater, Freunden und Schaulustigen erzählen lässt, der allerdings selbst nicht für Berührung sorgen darf.
Weil Gottvater und Erfinder von Heinar - also der Autor - das so beschlossen hat.

Dieser, natürlich gewollte und reflektierte Kunstkniff, führt wohl zu einem intelligenten Blick auf die Herrschaft der Öffentlichkeit und die Diktatur gesellschaftlicher Erwartungen (im Sinne der Konformität), aber es schmälert gewaltig die dramaturgische Spannung des Ganzen.

Man stelle sich eine antike Tragödie vor, in der außer dem Chor tatsächlich kein Tragöde auftritt.

Diese Leerstelle muss ziemlich fragwürdig und gewollt das "Kind" des "Helden", ein Zwitterwesen aus Mensch und Insekt, füllen. Einerseits verwandt mit Ikarus und Co, ähnelt es gleichsam Gregor Samsa. Allerdings ist auch von Diesem nur in der indirekten Rede zu hören.
Was das für eine Kreatur ist und warum sie ist, wie sie ist, steht nicht zur Debatte.

Und warum kann ich nun keine Kritik schreiben, in der ganz naiv steht, dass mir der Abend nicht gefallen hat?

1.) Weil der Text grandios ist, in seiner Intelligenz, seiner Tiefe, in seiner Vielschichtigkeit und seinem Witz.
Wie bereits gesagt, das wäre als Prosa der 2. Bachmann-Preis für Ferdinand Schmalz.

2.)Weil das Ensemble und der Regisseur das Bestmögliche ermöglichen.
Dass der Heinar fehlt, ist ja nicht deren Schuld!

Und vielleicht fehlt er ja auch nur mir, der Heinar, und sonst Niemandem.
Man wird sehen!
Am Ende des Abends jedenfalls einhellig Jubel von Seiten des Publikums!
(Und ein unsagbar sympathischer F. Schmalz, mit sehr großen Verbeugungen)





Wir waren HIER--->


WIKIPEDIA zum Begriff Erbauungsliteratur. (F. Schmalz spielt mit diesem Begriff und nimmt ihn wörtlich):
Der Begriff Erbauungsliteratur, der erstmals um das 14. Jahrhundert erwähnt wird, beschreibt ursprünglich volksnahe Schriften mit religiöser Motivation. Bei der Erbauungsliteratur handelt es sich nicht um theologische Literatur, da sie keine wissenschaftlichen Diskurse verfolgt und keine dogmatischen Absichten besitzt. Vielmehr war mit den Veränderungen der Neuzeit eine Konzentration auf die Innerlichkeit zu verzeichnen, die sich durch gesteigerte Frömmigkeit hervortat. Es handelte sich um eine Anleitung für ein tugendhaftes Leben, die emotional den Geist erbauen sollte.

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