Paganini´s...

Motto von Paganini, dem Kater:
"Es lebe die totale Subjektivität des Feuilleton!"


Redaktion: www.paganinisberlin.de

Freitag, 22. September 2017

Das Berliner Ensemble hebt den Vorhang...

...und spielt Drama: Camus "Caligula"


Es hebt sich der Vorhang, ein Paukenschlag tut sich in uns, der Paganini´s- Redaktion,  wir erleben die Auferstehung des Berliner Ensembles, nein, nicht wirklich aus der Asche, aber: NEU!


Foto@Paganinis

NEU! Das ist eines der Schlagworte der Intendanz und ein anderes heißt: DRAMA.

So flimmert es in den Social Media-Kanälen des NEUEN Berliner Emsembles in den Videos und so liest man es auf Plakat-Wänden. Der Überbegriff von Neu und  Drama ist GEGENWART!

Nun also Vorhang auf für "Drama, Baby, Drama", Caligula darf als Tyrann tun und lassen, wie er will! Das Stück erfuhr  bereits von Albert Camus unterschiedliche Lesarten. Mal als Teil einer Trilogie des Absurden angekündigt, mal als "nicht philosophisches Stück" benannt, sorgte schon der Schöpfer für Diskussionen.
Der dramatische Text entstand 1938, vor dem Roman "Der Fremde" und dem philosophischen Essay "Der Mythos des Sissyphos" und wurde bereits 1936 von Camus als Teil der großen Drei angedacht.
"Philosophisches Werk: das Absurde. Literarisches Werk: Kraft, Liebe und Tod im Zeichen der Eroberung."Albert Camus, Tagebuch (1936) 
Jahrzehnte später distanzierte Camus sich von dem direkten  Bezug des "Caligula" zu seiner Philosophie des Absurden.
Caligula ist also eine Tragödie der Erkenntnis. Und daraus wurde mit schöner Selbstverständlichkeit der Schluss gezogen, es handle sich um ein intellektuelles Drama. [...] ich suche umsonst nach der in diesen vier Akten angeblich zum Ausdruck kommenden Philosophie.“ Albert Camus: Vorwort zu Dramen (1959)
Den einzigen Anflug einer Philosophie vermochte Camus in dem Satz „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich“ zu sehen. Dies allerdings sei „eine der ganzen Menschheit vertraute Binsenweisheit“.

Zur Zeit erlebt "Caligula" eine Mini-Renaissance an den Theatern und im aktuellen Newsletter des BE wird er ziemlich forsch für die politische Realität der Gegenwart vereinnamt:

"Wohin es führt, wenn Politiker sich wie Schauspieler verhalten? Das erfahren wir am 21. September in Albert Camus' "Caligula". BE-Dramaturgie/Valerie Göhring
Und weiter gipfelt der brandaktuelle Ansatz in der Grundsatzfrage:
"Auf welchen Prinzipien gründen individuelles Leben, Gesellschaft und politische Macht in einer absurd erscheinenden Welt?"www.berliner-ensemble.de/inszenierung/caligula

Umso gespannter sind wir, während sich der Premieren-Vorhang zur doppelten Premiere hebt, mit der Frage beschäftigt, wie der Regisseur, der als verspielt geltende Antu Romero Nunes, das Ding mit Leben füllen will und welchen theatralen Weg die Veranschaulichung einschlagen wird.

Rasch wird klar, Nunes kennt und will tatsächlich nur diesen einen Weg: den, der ins Theater führt und der Theater ist, er schert sich einen Teufel um die Analysen und Aktualisierungen der Dramaturgie und zeigt Camus-Nihilismus, Theater-Effekte, Bilder und Assoziatives. Und er setzt auf seine Schauspieler, die das schaurig-schöne Treiben mit morbider Lust entfalten.

Vermutlich weil es hier, in diesem Stück, um die Umwertung aller Werte geht, wird Caligula von einer Frau, der Tragödin Constanze Becker, verkörpert. Caligulas Geliebte dagegen ist ein Mann.

Alle sehr androgyn, versteht sich, skurril verfremdet sowie augenzwinkernd an filmische Gestalten aus Horror- und Splatter-Genre erinnernd. Glatzköpfig und weiß geschminkt, mit starrenden Augen und blutverschmiertem Mund, ist dieser Caligula eine Schwester des Nosferatu, wie dieser eingehüllt in eisige Einsamkeit. Erlösung könnte hier nur der "Mond" sein, also "Nichts".

So zeigt sich die Sehnsucht dieser versteinerten Seele in einer weiteren Neuerung, einem (für Camus-Texte) ungewöhnlichen Einfall des Regisseurs. Denn dieser/diese Caligula SINGT!
Und zwar Friedrich Holländer.

Von Constanze Becker interpretiert (und über den Abend als roter Faden mehrfach variiert) assoziieren wir mehr "Nachtportier" als Marlene Dietrich.

...Wenn ich mir was wünschen dürfte...


Schön ist es, das anzuhören, einer der wenigen, wirklich berührenden Momente.
Allerdings auch einer der Camus-untypischsten!

Alles in Allem wirken später vorrangig einzelne Bilder in uns nach. Die leere, schwarze Bühne, auf der sich die clownesken Figuren ängstigen und sich peinigen lassen, von einem insektenhaft sich bewegenden Caligula, in seiner Maskerade, verkleidet fast zu einem stilisierten, goldenen Kalb.

Caligula, in die Tasten einer Orgel hauend, deren goldene Pfeifen später in Gitterstäbe verwandelt scheinen.

Oder der peitschende Sturm, das Theater-Gewitter, mit Blitz und Regen und sich darin aufzulösen scheinenden, hin- und her geschleuderten menschlichen Figuren, die so ausgeliefert sind, an sich selbst und an diesen Caligula, der ein Abziehbild sein soll, für dieses Monster, das in uns Allen jederzeit möglich ist!

Weniger Bohei im Vorfeld um die aktuelle politische Dimension (im Sinne humanistischer Demokratie-Lehrstunde) hätte dem Abend und der Inszenierung besser zu Gesicht gestanden!

Das Vertrauen in KUNST kann genügen!




Wir waren zur Premiere Hier ---->

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